67. Ausgabe, 4. Quartal 2017

Holper, Stolper – der Weg zur digitalen Schule

13,3 Millionen Euro gewährt das Land für die Förderung der Schul-IKT – die KITU bietet dazu einen darauf abgestimmten Schul-IT Warenkorb an

Wieviel sind 13,3 Millionen Euro? Für den einzelnen eine kaum noch fassbare Zahl. Wenn der „Kuchen“ aber durch 900 geteilt werden muss, dann sind es „nur“ noch 14.444 Euro. Und genau so viel steht – theoretisch – jeder der 900 Schulen in Sachsen-Anhalt für die standardisierte Schul-IKT-Infrastruktur zu. Doch es gilt, wie so oft bei Förderprogrammen, das Windhundprinzip. Und es gibt eine Vielzahl von Fallstricken. Darüber und wie man sie als Schule oder Schulträger umschiffen kann, informierte Mitte November eine Fachtagung der KITU. Thema: „Der Weg zur digitalen Schule“.

Minister und Referenten in der Gesprächsrunde

Andreas Altmann, Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt, Referat 63 – Zentrales Projektmanagement des Landes Sachsen-Anhalt; Willi Lichtenberg, Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, Referat 16 – Digitale Bildung, Bildungsmanagementsystem; Theo Struhkamp, Referatsleiter
16 – Digitale Strategie, Breitbandversorgung, Post und Telekommunikation, Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung; Dr. Steffen Burchhardt, Landrat des Landkreises Jerichower Land; Dr. Michael Wandersleb, Geschäftsführer KID Magdeburg GmbH und Vorstandsvorsitzender Kommunale IT-UNION eG (KITU)

Bis 2020 will das Land für die Verbesserung der Schul-IKT-Infrastruktur 13,3 Millionen Euro bereitstellen. Allen ist klar, dass das zwar viel Geld ist, aber nicht für alle 900 Schulstandorte reichen wird. Deshalb ist Eile gefragt, denn vom Förderkuchen werden nur jene etwas abbekommen, die zügig ihre Hausaufgaben machen.  Was die pädagogischen Konzepte, die Bestandsaufnahme der vorhandenen Infrastruktur, der Hard- und Software und die Formulierung einer „Wunschliste“ betrifft – da müssen die Schulen bzw. Schulträger selbst ran. Geht es aber um die technische Umsetzung und die Betreuung sowie um die rechtssichere Beschaffung der Technik durch eine korrekte und EU-weite Ausschreibung, dann ist es gut, ausgewiesene Profis an seiner Seite zu haben. Und genau damit kann die KITU – eine 100 Prozent kommunale Genossenschaft mit derzeit 52 Mitgliedern – dienen. Die KITU bietet u.a. eigene Komplett- und Einzellösungen für die Schul-IT an und hatte zum Infotag geladen. Dort waren überaus interessante, zum Teil kontroverse, Vorträge zu erleben. Der „Server“ fasst die wichtigsten Aussagen zusammen.

Was gewinnen wir? Was verlieren wir?

Eher theoretisch näherte sich Willi Lichtenberg vom Ministerium für Bildung, dem Thema. Für ihn ist klar, dass kein Weg mehr um die Digitalisierung der Bildung herumführt: „Die Frage ist schon lange nicht mehr ob, sondern die Frage ist, wieviel.“ Am Beispiel der Einführung des Taschenrechners in den 1980er Jahren versuchte er deutlich zu machen, dass jede technische Neuheit etwas bringt, damit aber zugleich auch ein Verlust einhergeht. Der Taschenrechner hat z.B. zu schnelleren Rechenlösungen beigetragen, zugleich aber das Können des Kopfrechnens aller folgenden Generationen stark geschmälert: „Die entscheidende Frage ist, wo unterstützen technische Geräte den Lernprozess und wo behindern sie ihn eher. Selbst Schüler finden es nicht immer sexy, wenn der Lehrer nur Videos abspielt.“ Deshalb habe das Land für die Bildung in der digitalen Welt Empfehlungen formuliert, die die Schulen nutzen sollten. Lichtenberg: „Ganz oben stehen stets die Bildungspläne, dann die Qualifizierung der Lehrkräfte. Infrastruktur und Ausstattung der Schulen kommt an dritter Stelle.“ Ihm folgen E-Government, Schulverwaltung und Bildungsmanagement bis hin zum rechtlichen Rahmen und dem Datenschutz.

Und wie ist das mit dem Geld?

Andreas Altmann vom Zentralen Projektmanagement des Landes im Finanzministerium machte deutlich, dass das Land Wert darauf legt, dass Förderung nur für zukunftssichere Technik erfolgt, die eine hohe IT-Sicherheit garantiert, mit professioneller Hardware arbeitet, leicht administrierbar und ressourcenschonend ist sowie die Pädagogen entlastet: „Klar muss auch sein, dass nur Schulen gefördert werden, die eine gewisse Bestandssicherheit haben.“ Er empfahl, sich vor der Antragstellung (Stichtage sind der 31. März und der 30. September) mit den 80-seitigen Rahmenempfehlungen zur IT-Ausstattung an Schulen zu beschäftigen (abrufbar auf dem Landesportal www.sachsen-anhalt.de).

Neben der eigentlichen Schulausstattung sei der Breitbandausbau der Schulen mit Glasfaser bis 2020, die Profilierung des Landes-Demonstrations-Zentrums für Schul-IT und digitale Lernwerkzeuge an der Magdeburger Otto-von-Guericke- Universität sowie die noch in den Sternen stehende Anbindung der Schulen an das Landesdatennetz „ITN-XT“ Bestandteil des Förderprogramms. Der Finanzministerielle merkte auf Frage eines Teilnehmers an, dass es bei der Überprüfung durch die EU-Fördermittelgeber aufgrund der Komplexität ein Restrisiko für den Fördermittelnehmer gäbe. Die finale Überprüfung finde aber erst in ca. fünf Jahren statt. Dies gelte für Rahmenverträge ebenso wie für Einzelausschreibungen der Kommunen. Allerdings sei durch die Kompetenz der beteiligten Experten bei dem KITU-Rahmenvertrag deutlich mehr Sicherheit gewährleistet, dass alle Anforderungen erfüllt seien. Da die Sicherheit dadurch weiter steige, werde die KITU den ersten Schulträger, die den Rahmenvertrag nutzt, bei einer Vorab-Nachprüfung nach Kräften unterstützen.

Landrat Dr. Steffen Burchhardt (Jerichower Land) bat Andreas Altmann, dass er sich doch dafür einsetzen möge, dass sich das Finanzministerium gemeinsam mit dem Landesverwaltungsamt und dem Landesrechnungshof das Ausschreibungsverfahren dahingehend noch einmal anschauen sollte. Theo Struhkamp, zuständiger Referatsleiter im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, sagte: „Die KITU kann deutlich größere Ressourcen an Fach- und Rechtswissen in so einem aufwändigen Ausschreibungsverfahren einsetzen als das es jeder einzelne Schulträger für sich allein könnte“.

Im späteren Verlauf meinte Michael Pfefferkorn-Ungnad, Vertriebsleiter öffentliche Auftragsvergabe der Bechtle GmbH (gehört zu den fünf größten europäischen Systemhäusern): „Ich habe in meinem gesamten Berufsleben noch keine so umfangreiche und kompetente Ausschreibung gesehen wie diese. Sie ist über 900 Seiten stark und voller Fachwissen. In dieser Komplexität ist das von keiner deutschen Amtsstube  zu leisten.“ Marcel Pessel von der Gemeinde Barleben sagte: „Wer aus Angst abwartet, bis etwas 100-prozentig sicher ist, der wartet bis zum St. Nimmerleinstag. Das kann ja nicht die Lösung sein.“

Dr. Michael Wandersleb, KID; Kerstin Richter
Dr. Michael Wandersleb, KID; Kerstin Richter, Leiterin Schulverwaltungsamt, Landeshauptstadt Magdeburg

Am Anfang steht ein Netz

Theo Struhkamp erklärte die Grundvoraussetzung für das 13-Millionen-Programm in einem Satz: „Wir wollen binnen drei Jahren alle Schulen ans schnelle Netz bringen.“ Das sei ein  sportliches, „aber erreichbares“ Ziel. Eine Bestandsaufnahme des TÜV Rheinland Ende 2016 hatte ergeben, dass die allermeisten Schulen maximal über eine 50 MB-Anbindung verfügen: „Nur die allerwenigsten können sich über einen Glasfaseranschluss freuen.“ Das Land habe fünf zertifizierte Fachunternehmen gebeten, die vorliegenden Daten bis Anfang 2018 auszuwerten und sie mit harten Fakten zu Machbarkeit und Kosten zu unterlegen. Struhkamp: „Dann wissen wir für jeden der 900 Schulstandorte im Land konkret, was notwendig ist und was es kostet.“

Bei der Umsetzung setzt das Land auf eine 90-prozentige Förderquote. „Für finanzschwache Kommunen wollen wir sogar 100 Prozent erreichen.“ Struhkamp möchte „das Projekt mit dem Breitband-ausbau des Landes verknüpfen.“ Anders gesagt, Unternehmen, die Gemeinde X mit Glasfaser ausstatten, werden gebeten, die Schule „pro bono“ (ohne Honorar) in diesem Zuge mit anzubinden. „Unsere ersten Gespräche mit den Firmen verliefen hoffnungsvoll.“ Die Refinanzierung solle dann über eine Monatspauschale an die Firmen erfolgen. Struhkamp: „Die Bereitschaft der Unternehmen steigt im Verhältnis zur Bereitschaft des Schulträgers, eine angemessene Monatsgebühr zu zahlen.“ Wo es zu keiner Übereinkunft kommt, hoffe er auf Mittel des „Digitalpakt#D“.

Plädoyer eines Praktikers: „Nicht warten, sondern handeln“

Dr. Steffen Burchhardt machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Das Volumen des Förderprogramms ist ein Tropfen auf dem heißen Stein; nicht einmal ein Prozent der Schulen wird am Ende davon etwas haben.“ Er erinnerte daran, dass die Schul-IT im Land bisher kein großes Thema war: „Es gab nie große Programme, höchstens mal ein Progrämmchen, in denen man mal 3 Laptops oder 4 PCs kaufen konnte.“ Die Folge sei heute ein Flickenteppich bei der IKT-Ausstattung der Schulen: „Die Realität ist, dass sich Schulleiter selbst etwas besorgt haben, was sie in der Familie oder von Eltern kriegen konnten. Meist handelte es sich dabei um die aussortierte Technik eines Unternehmens aus der Nachbarschaft. Manche Schulen haben viel, manche so gut wie nichts.“ Die Landkreise seien als Schulträger in einer misslichen Lage: „Die Schulleiter sagen mir, ich kann keinen erlassgerechten Unterricht anbieten, weil mir die Infrastruktur dafür fehlt. Für die seid ihr verantwortlich. Doch ohne auskömmliche Bandbreiten ist das im Grunde nicht möglich.“ Und nun komme das neue Förderprogramm mit einer „nicht präzisen IKT-Richtlinie“, das die Lehrer mehr verunsichere als motiviere: „Bei mir werfen die Lehrerkollegien reihenweise das Handtuch, weil sie sich nicht in der Lage sehen, diesen Wust der Antragsbürokratie zu bewältigen.“ Im Landkreis Jerichower Land habe er sieben Mitarbeiter in der IT-Abteilung, die sich um 500 eigene Mitarbeiter und 16 Schulen kümmern müssen: „Für jeden Euro aus Förderprogrammen hat die Verwaltung einen Aufwand von 1 Euro. Das ist die Realität in Sachsen-Anhalt und deshalb werden Fördermittel vor Ort so oft auch nicht abgerufen.“

Dr. Burchhardt hat sich für seinen Landkreis („Da steht der Kreistag voll hinter mir!“) für einen anderen Weg entschieden: „Wir warten nicht mehr, bis irgendwo das optimale Förderprogramm kommt. Wir haben einfach mit eigenen Mitteln begonnen, unsere Schulen zu ertüchtigen. Und kommt ein Programm um die Ecke, dann versuchen wir es einzubinden. Aber noch länger auf das Land zu warten, macht keinen Sinn. Allein die Tatsache, dass hier heute Vertreter aus drei Ministerien zum Thema sprechen, zeigt doch, das da was nicht stimmen kann.“ Der Landkreis habe sein Schicksal selbst in die Hand genommen, sei Mitglied der KITU geworden, um deren Kompetenzen nutzen zu können. Dr. Burchhardt: „Nebenbei bemerkt gefällt mir die Konstruktion der KITU als eine  Genossenschaft hervorragend. Ich kann mitreden und selbst entscheiden, welche Produkte ich nehme. Ich muss keine Pakete kaufen.“ Ein Pilotprojekt sei zunächst sehr erfolgreich mit der KITU an der Diesterweg-Schule in Burg gelaufen, inzwischen sind fünf Schulen komplett ausgestattet und zwei weitere in Vorbereitung. Zugleich aber appellierte er an die Vertreter der Landesverwaltung, die IKT-Ausstattung der Schulen nicht länger allein den Schulträgern zu überlassen: „Dann wird sich an dem Flickenteppich, der teilweise an einen Technik-Friedhof erinnert, nichts ändern.“

Sylvia Lüdicke, Leiterin Infrastruktur KID
Sylvia Lüdicke, Leiterin Infrastruktur KID

Barleben mit Projektantrag in der Schublade

Bereits vor zehn Jahren hatte die Gemeinde Barleben (9.229 Einwohner, 160 Verwaltungsmitarbeiter) über das Stark III IKT-Programm 450.000 Euro in den Schulstandort investieren können. Davon profitierten eine Grundschule, eine Sekundarschule und ein Gymnasium an zwei Standorten. Als die Gemeinde 2016 in finanzielle Probleme geriet, wurde aus Kostengründen die Grund- und Sekundarschule in ein Gebäude integriert. Die nach zehn Jahren verschlissene IT-Technik sollte in diesem Zuge erneuert werden, weshalb bereits im Vorjahr ein pädagogisch-technisches Konzept von der Arbeitsgruppe „Ertüchtigung Schul-IT 2017“ und allen anderen Beteiligten erarbeitet wurde. Alles also war da.  Bis auf das Geld. Als das Land sehr kurzfristig das Förderprogramm „Schul-IKT“ vorstellte, blieb den Kommunen bis zum erstmöglichen Antragstermin nur wenige Wochen Zeit. Barleben, sagt Marcel Pessel von der Gemeindeverwaltung, konnte dank des Konzeptes in der Schublade sofort reagieren: „Wir haben am 30.3.2017 Voranträge für die Grund- und Sekundarschule abgegeben, am 30.6.2017 die Hauptanträge und haben seit dem 16.8.2017 den Bescheid in der Tasche. Zwar nur für die Sekundarschule, aber immerhin. Da beide Schulen an einem Standort vereint sind, kommen wir damit schon irgendwie klar.“ Seine wichtigsten Erfahrungen aus der Zeit der Konzepterarbeitung fasst er in zwei Punkte zusammen: Die Schulen müssen die Leitung in dem Prozess übernehmen, weil nur sie wissen, was sie wirklich brauchen. Und zweitens darf man nie die Unterhaltskosten der neuen Technik aus dem  Auge verlieren. Denn die hat man als Schulträger auf Dauer zu tragen.“

Autor: juj

Fotos: juj, KID