Weihnachtsstern
Marilyn Barbone ©123rf.com

67. Ausgabe, 4. Quartal 2017

Wie bei einem Träumer alle Blütenträume reiften

Der Magdeburger Paul Ecke „erfand“ die meistverkaufte Topfpflanze der USA

Wenn es Advent wird auf der Welt, dann erleben Lebkuchen und Stolle, Adventskranz und Kerzenschein Hochkonjunktur. Zu den jüngeren Weihnachtssymbolen gehört der strahlend rote Weihnachtsstern. Doch kaum jemand weiß, dass ein Magdeburger der südamerikanischen Wildblume den Weg in die Wohnstuben der Christenheit geebnet hat. Wir erzählen die Geschichte von Paul Ecke, der erst scheiterte und dann die Idee seines Lebens hatte.

Albert Ecke war ein unruhiger Geist.

Der Lehrer galt als überaus naturverbunden und konnte der Industrialisierung mit all ihren negativen Folgen für die Umwelt nicht viel abgewinnen. Auch den Zwängen des Lehrerberufs wollte der gebürtige Magdeburger entfliehen und sich stattdessen der Volksgesundheit widmen. Doch sein Problem war, dass die Menschen lieber im Industriedreck Geld verdienten als sich in der Idylle um ihr Wohlergehen zu kümmern. Deshalb lief das von ihm Ende des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden betriebene Sanatorium für Vegetarier eher mau. Ja es warf nicht mal mehr genug ab, um seine Familie mit Ehefrau Henrietta und den vier Kindern Hans, Margarete, Paul und Frieda zu ernähren. Albert Ecke träumte vom Sanatorium im gelobten Land und wanderte 1902 zum ersten Mal nach Amerika aus. Doch schon auf den Fidschiinseln (nach anderen Angaben Samoa) war Schluss, denn auch dort brachte das Sanatorium viel Arbeit und Schulden ein. Er kehrte mit Kind und Kegel zurück in die alte Heimat, um 1906 endgültig den Atlantik zu überqueren.

Diesmal kamen die Eckes an und ließen sich im Vorort Eagle Rock bei Los Angeles nieder. Nach allerlei Jobs fasste Albert Ecke 1911 den Mut, sich mit einem Stück Land selbständig zu machen. Er produzierte Milch, Obst, Gemüse und andere Nutzpflanzen. Die „ Ecke-Ranch“ war gegründet und startete ihren Siegeszug.

 

Weihnachtsstern

Als Naturliebhaber versuchte sich Albert Ecke mit dem Anbau sehr verschiedener Kulturen. Dabei fiel ihm und seinem Sohn Paul eine meterhohe Pflanze auf, die wild auf seiner Ranch wuchs und sich wie verrückt vermehrte. Besonders faszinierte sie, dass sich die Blätter jedes Jahr um Weihnachten feuerrot färbten und fast wie Blüten aussahen.

Ecke stellte bald fest, dass die Pflanze 1828 von Joel Roberts Poinsett, dem ersten US-Botschafter in Mexiko, aus den tropischen Laubwäldern Mittel- bis Südamerikas in die USA gebracht worden war. Hier verwilderte sie an guten Standorten in Massen. Vater und Sohn hatten die Idee ihres Lebens: Sie vereinbarten, die hübsche Pflanze auf ihren Feldern zu kultivieren und massenhaft anzubauen. Schon im nächsten Jahr riss man ihnen die langen Zweige, die sie als Schnittblume an Straßenständen anboten, aus den Händen. Albert Ecke setzte Himmel und Hölle daran, weiteres Land zu erwerben. 1915 war es soweit: Im Nachbarort El Monte hatte er sich 5 Acres Land gesichert.

Nachdem Alberts Sohn Paul (geboren 1895 in Magdeburg-Cracau, gestorben 1991 in Encinitas) den väterlichen Betrieb 1919 übernommen hatte, war dieser von  der Idee besessen, die feuerrote Pflanze in ganz Nordamerika als Weihnachtssymbol zu etablieren. Vorbild war Mexiko, wo die Pflanze als „Flor de Nochebuena“ („Blume der Heiligen Nacht“) schon für Furore sorgte. Paul Ecke entpuppte sich als PR-Genie. Er nannte seine Lieblingsblume  „Christmas Star“ und sorgte dafür, dass Zeitungen und Zeitschriften darüber berichteten. Es dauerte nicht lange, bis die Nachfrage sein Zeitbudget überschritt. Also übertrug Paul Ecke seinem Sohn Paul Ecke II die Aufgabe, einen flächendeckenden Vertrieb an Gärtnereien in ganz Kalifornien aufzubauen. Eigene Läden wurden auf dem Sunset Boulevard und dem Hollywood Boulevard eröffnet. Die prachtvollen Felder der Eckes wurden zum Reiseziel für Touristenbusse und jedes Jahr im Herbst ganze Eisenbahnladungen voller Mutterpflanzen an Gärtnereien im Land geliefert, die sie weiter kultivierten und vermarkteten.

In jeder freien Minute setzte Paul Ecke junior die von seinem Vater begonnene Züchtungsarbeit fort. Schon er hatte vergeblich versucht, die Poinsettia im Topf zu ziehen. Erst Ende der 1950er Jahre gelang es Paul Ecke II endlich, die extrem langen und kaum verzweigten Triebe durch Aufpropfen von verzweigungsfreudigeren Sorten zu einem buschigeren und kompakten Wuchsbild zu bringen.

Jetzt ging es Schlag auf Schlag. Der Anbau wurde im Gewächshaus und der Weihnachtsstern fest als Weihnachtstopfpflanze etabliert. Auch weltweit, denn nun mussten keine ganzen Mutterpflanzen, sondern nur noch die wesentlich kleineren Stecklinge verschickt werden. Damit war auch die Luftfracht wirtschaftlich und Eckes Christmas-Star startete seinen Siegeszug durch Europa.

1991 übernahm Paul Ecke III (* 1955) die Geschäftsführung. Er diversifizierte das Unternehmen und nahm unter der Marke The Flower Fields, eine Vermarktungskooperation mit dem Unternehmen Yoder Brothers (heute Aris Horticulture), Frühlingspflanzen ins Produktspektrum auf. Mit weiteren Unternehmen wurden ebenfalls Kooperationen vereinbart. 2006 übernahm die Paul Ecke Ranch einen der führenden Geranien-Produzenten der USA, Oglevee. Ecke ist seither das einzige Unternehmen in den USA, das aktiv Züchtungsarbeit in gleich zwei der wichtigsten Gewächshauskulturen des Zierpflanzenbaus betreibt. Unter der Dachmarke The Flower Fields werden inzwischen mehrere hundert Sorten von Beet- und Balkonpflanzen vermarktet.

Das in dritter Generation bis zum Verkauf an Agribio von Paul Ecke III geführte Unternehmen ist heute Weltmarktführer und weltgrößter Patentrechteinhaber auf Weihnachtsstern-Sorten. Die Paul Ecke Ranch vermarktet heute rund 60 Poinsettien-Sorten in vielen Farben. Das Hauptgeschäft sind bewurzelte und unbewurzelte Stecklinge sowie Stecklinge mit Kallusgewebe. Der Weltmarktanteil Eckes bei Weihnachtsstern-Stecklingen liegt bei etwa 80 bis 90 Prozent. Die Ecke Ranch produziert in Kalifornien und Guatemala auf einer Gesamtfläche von über 43 Hektar und beschäftigt in der Hochsaison bis zu etwa 1.000 Mitarbeiter, davon allein in Guatemala über 700. Im Geschäftsjahr 2000/2001 vermarktete Ecke insgesamt über 100 Millionen Stecklinge (Weihnachtssterne und Flower Field Sortiment zusammengerechnet) an Gärtnereien in über 50 Ländern.

Der Weihnachtsstern ist zur meist- verkauften Topfpflanze in den USA geworden, obwohl die Pflanze nur für wenige Wochen in der Vorweihnachtszeit verkauft werden kann.

Nach Paul Ecke I ist heute im Magdeburger Stadtteil Brückfeld eine Straße benannt.

Autor: juj