64. Ausgabe, 1. Quartal 2017

Genossenschaften – Modell der kooperativen Selbsthilfe und Teilhabe

Erster deutscher Eintrag in die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes

Was einer allein nicht schafft, schaffen viele gemeinsam. Die Genossenschaftsidee, Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, fand im November 2016 besondere internationale Würdigung: Die „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ ist in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes eingetragen worden. Die Entscheidung wurde im äthiopischen Addis Abeba vom Zwischenstaatlichen Ausschuss für die Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes bekannt gegeben.

Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen haben die Genossenschaftsidee als Modell der kooperativen Selbsthilfe und Selbstverantwortung, der Solidarität und Selbstverwaltung entwickelt. Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sie die ersten genossenschaftlichen Organisationen moderner Prägung in Deutschland, mit nicht geschlossener Mitgliederzahl und gemeinschaftlichem Geschäftsbetrieb, mit Mitgliedern, die Genossenschaftsanteile erwerben und zu Miteigentümern werden. Genossenschaften sollen individuelles Engagement stärken und soziale, kulturelle und ökonomische Teilhabe ermöglichen.

Vorgedacht und weiterentwickelt

Die „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften“ war 2015 als erste deutsche Nominierung für die Repräsentative Liste eingereicht worden. Genossenschaften sind gelebtes Kulturerbe, allerdings kein rein deutsches: Vorgedacht hatten vor Schulze-Delitzsch und Raiffeisen schon andere Sozialreformer, und auch in England und Frankreich wurde die Genossenschaftsidee im 19. Jahrhundert modern. Seither hat sie die Welt erobert: In Europa sind rund 140 Millionen Menschen und weltweit rund 800 Millionen Menschen in Genossenschaften organisiert.

Weltweite Würdigung wurde der Genossenschaftsidee bereits im Jahr 2012 zuteil. Das Jahr war von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt worden. Mit den positiven Auswirkungen der genossenschaftlichen Bewegung auf die nachhaltige wirtschaftliche Stabilität ganzer (vor allem ländlicher) Regionen und mit positiven Effekten für andere Wirtschaftssektoren wurde die Entscheidung begründet.

 

Logo Immaterielles Kulturerbe

Die Genossenschaftsidee hätte also durchaus auch ein multinationaler Eintrag werden können wie der Blaudruck, eine jahrhundertealte Technik der Stoffveredelung, die in diesem Jahr von Deutschland gemeinsam mit Österreich, Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes nominiert werden soll.

In Deutschland sind Genossenschaften unter anderem im Finanzwesen und in der Landwirtschaft, im Handel und im Wohnungsbau erfolgreich. Auch zur Erzeugung regenerativer Energien schließen sich Bürger zusammen. In den 8000 Genossenschaften bundesweit sind rund 22 Millionen Menschen aktiv, damit gehört statistisch jeder vierte Bundesbürger einer Genossenschaft an.

„Genossenschaften fördern als lokal verwurzelte Unternehmen die Wirtschaftskreisläufe vor Ort“, schreibt Ronald Meißner, Verbandsdirektor des Verbandes der Wohnungsgenossenschaften Sachsen-Anhalt (VdWg) in der IHK-Zeitschrift „Der Markt in Mitteldeutschland“. Durch ihre nachhaltige Wirtschaftsweise erzielen die Genossenschaften positive Effekte für die Gesellschaft. Sie haben sich gerade in den letzten Jahren als äußerst krisen- und insolvenzfest erwiesen und sind ein Vorbild für viele Wirtschaftsbereiche. Die Entscheidung der UNESCO sei damit auch eine große Anerkennung für die engagierte Arbeit der vielen Menschen, die überall auf der Welt in genossenschaftlichen Entwicklungsprojekten tätig sind.

Auf der weltweiten Liste steht die Genossenschaftsidee nun in einer Reihe mit dem argentinischen und uruguayischen Tango, der Heilig-Blut-Prozession in der belgischen Stadt Brügge oder der Pfeifsprache El Silbo von der kanarischen Insel La Gomera. Neben der Repräsentativen Liste werden eine Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes sowie das Register guter Praxisbeispiele der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes geführt. Insgesamt sind auf diesen drei Listen mehr als 400 Bräuche und Darstellungskünste, Handwerkstechniken sowie Naturwissen aus allen Regionen der Welt aufgeführt.

Mit dem Beitritt zum UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes hat sich Deutschland 2013 verpflichtet, ein „Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“ zu führen. Unter dem deutschen Motto der Konvention „Wissen. Können. Weitergeben“ sind bisher 68 Kulturformen und vier gute Praxis-Beispiele erfasst, die von Erfindergeist, Kreativität und gelebter Tradition zeugen.

Auto: bek

INFO

  • 171 Staaten sind bisher der UNESCO-Konvention zum Immateriellen Kulturerbe beigetreten
  • seit 2013 ist Deutschland Vertragsstaat
  • das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes wird von der Deutschen UNESCO-Kommission und mehreren deutschen staatlichen Akteuren erstellt
  • der Eintrag in das Bundesweite Verzeichnis ist Voraussetzung für eine Nominierung für die internationale Liste des Immateriellen Kulturerbes
  • die Genossenschaftsidee ist der erste deutsche Eintrag in die internationale UNESCO-Liste