Ausschnitt aus dem Panoramabild Luther 1517
© Tom Schulze (asisi)

64. Ausgabe, 1. Quartal 2017

Trotz Martin Luther – so schützte sich Friedrich der Weise vor dem Fegefeuer

500 Jahre Reformation – Wittenberg und die Schlosskirche erstrahlen in neuem Glanz

Die Welt blickt 2017 auf Sachsen-Anhalt. Millionen Touristen werden erwartet, denn es werden 500 Jahre Reformation gefeiert. Am 31. Oktober 1517 nagelte Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel und Missstände in der Kirche an die Holztür der Schlosskirche von Wittenberg. Die Reformation nahm ihren Lauf und führte zur Spaltung der Kirche. Mit unzähligen Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerten, einem Musical und vielem mehr wird in Sachsen-Anhalt das 500-jährige Jubiläum gefeiert. In dieser und den nächsten Ausgaben stellt der SERVER interessante Orte und Stätten der Reformation vor. Wir beginnen natürlich mit Wittenberg und der Schlosskirche.

Entscheidend für die Gründung und Entwicklung von Wittenberg („Weißer Berg“) ist das Adelsgeschlecht der Askanier. 1293 vollzog Herzog Albrecht II. die Stadtgründung, nachdem bereits sein Vater, Albrecht I. die dort stehende Burg als Residenz genutzt hatte. Der Standort war ideal: Hier kreuzten sich zwei Handelsstraßen und auf der Elbe herrschte rege Schifffahrt. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte erhielt Wittenberg immer mehr städtische Rechte – Münzrecht, Stapelrecht, Gerichtsbarkeit etc. – was die Stadt zu einer blühenden Metropole machte. 

Friedrich der Weise verändert die Stadt

Kurfürst Friedrich der III. von Sachsen begann 1493 mit dem Neubau des Wittenberger Schlosses, nachdem er zuvor den alten Sitz der 1422 ausgestorbenen Askanier hatte abreißen lassen. Der Neubau erfolgte im Renaissance-Stil. Der Bau der Schlosskirche, die den Nordflügel bildete, begann drei Jahre später. Der Kurfürst, der wegen seiner Bildung und seiner Friedensliebe auch „Friedrich der Weise“ genannt wurde, krempelte Wittenberg total um: Statt Lehm- und Fachwerkhäusern entstanden Gebäude aus Stein. Die Werkstatt Riemenschneiders bekam Großaufträge, Lucas Cranach der Ältere wurde Hofmaler. Friedrich der Weise übertrug Teile der Ausgestaltung der Schlosskirche an den Maler Albrecht Dürer, der ihn 1496 und 1524 porträtierte. Den größten Coup landete der Kurfürst aber 1502: Ohne Einwilligung des Papstes gründete er die erste landesfürstliche Universität, die sich schnell zu einer großen Konkurrenz für Leipzig entwickelte. Erstaunlich: Auf der einen Seite interessierte sich der Kurfürst für alles Neue und Moderne, andererseits war er tief religiös. Seine Reliquiensammlung galt als eine der größten des Reiches. 1520 besaß Friedrich der Weise über 19.000 Reliquien, was fast zwei Millionen Jahre Erlass des Fegefeuers bedeutete. Zur Sammlung gehörten so eigenartige Dinge wie Flaschen mit der Muttermilch der Jungfrau Maria und Dornen aus der Dornenkrone Christi. Wie viel Geld der Kurfürst in diese Sammlung investiert hatte, ist bis heute ein ungelöstes Geheimnis.

Micheline Fasbender/pixelio.de
Die Schlosskirche mit ihrem imposanten Turm

Eine Kirche für die Universität

Als Martin Luther 1511 nach Wittenberg übersiedelte, war die Schlosskirche bereits akademisches Gotteshaus und Auditorium der Universität. 1507 hatte Friedrich der Weise das Gotteshaus und seine hohen Einkünfte der Universität zur Verfügung gestellt. Nur ein Jahr später wurde der Mönch und Magister Martin Luther von seinem Orden (Augustinereremiten) nach Wittenberg gesandt, um Moralphilosophie an der Uni zu lehren. 1512 legte Martin Luther – wahrscheinlich in der Schlosskirche – den feierlichen Eid des Doktors der Theologie ab.

Schon damals kritisierte der spätere – vom Papst mit Bann bedachte – Kirchenketzer Luther die zweimal jährlich (nach Ostern und Allerheiligen) in der Schlosskirche stattfindenden Reliquienausstellungen mit angeschlossenem Ablasshandel des Kurfürsten: „Es ist alles tot Ding, das niemand heiligen kann.“

Einige Jahre später, genau am 31. Oktober 1517, veröffentlichte Martin Luther dann seine 95 Thesen gegen die katholische Kirche und ihre selbstsüchtigen Herrscher, indem er sie an die Schlosskirche von Wittenberg nagelte. Der Anfang der Reformation.

Interessant: Friedrich der Weise und Martin Luther haben sich nur einmal, 1521 auf dem Reichstag zu Worms, gesehen und nie miteinander gesprochen. Und, obwohl er die Lehren nicht teilte oder als richtig empfand, war der Kurfürst stets der Beschützer des revoltierenden Luthers. Er weigerte sich, Luther an den Papst nach Rom auszuliefern. Er sorgte dafür, dass Martin Luther freies Geleit zum Reichstag in Worms erhielt und dort ungestraft seine Thesen vortragen durfte. Damit nicht genug: Friedrich der Weise ließ Martin Luther auch entführen und auf die Wartburg schaffen, um den Mönch vor den Häschern des Papstes und des Kaisers, die ihn jahrelang suchten, zu schützen.

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Der Seiteneingang mit der imposanten Thesentür

Im Krieg verbrannte die Thesentür

Historiker sind überzeugt, dass das eigentliche Motiv für die Unterstützung von Luther weniger dessen Lehren waren. Der Kurfürst wollte in seinem Herrschaftsgebiet eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber Rom und der katholischen Kirche bewahren. Diese abwartende, abwägende und auf Unabhängigkeit bedachte Politik trug in den folgenden Jahren maßgeblich zur Ausbreitung der Reformation bei.

Übrigens: Im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) wurde Wittenberg von der Reichsarmee 1760 unter Beschuss genommen. Viele Häuser und auch die Kirche gingen am 13. Oktober in Flammen auf. Auch die hölzerne Thesentür wurde ein Opfer des Feuers. 1848 wurde die in Erz gegossene und von Ferdinand von Quast entworfene neue Thesentür der Wittenberger Schlosskirche feierlich eingeweiht.

Die Gegenwart

Im Laufe der Jahrhunderte veränderten sich Stadt und Kirche ständig: graue Garnisonsstadt bei den Preußen. Verfall der Kirche. Industrialisierung, Flüchtlingsströme nach dem Zweiten Weltkrieg. Alles Belastungen, die den Erhalt und die Pflege der bauhistorischen Substanz immer mehr zum Problem werden ließen. Nach der Wende aber ging es Stück für Stück los. Meilensteine dabei waren die Internationale Bauausstellung 2010 sowie die umfangreiche Sanierung der Schlosskirche zwischen 2013 und 2016 für 35 Millionen Euro. Dies und zahlreiche andere bauliche Aktivitäten haben aus den Wiegen der Reformation wahre Schmuckkästen werden lassen, die zu jeder Jahreszeit einen Besuch lohnen.

Nicht nur im Jubiläumsjahr der Reformation. Die Wittenberger verstehen es zu feiern – nicht nur bei offiziellen Anlässen!

Autor: Thomas Pfundtner

INFOS

Die Lutherstadt Wittenberg ist immer eine Reise wert, besonders im Jubiläumsjahr. Die besten und ausführlichsten Informationen über Termine und Veranstaltungen erhalten Sie unter:

www.lutherstadt-wittenberg.de

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