4. Ausgabe 2023 | Nr. 91

Auslöser: Die Geschichte des Fotoapparats

Von der Camera obscura bis zur Smartphone-Knipse

„Pics or it didn’t happen“ – zeig es oder es ist nicht passiert – ist mehr als nur eine Phrase aus dem Social-Media-Kosmos. Es ist Zeitgeist. Günstigste Smartphones machen brauchbare Fotos (Ästhetik ausgeblendet), generative KI ahmt verschiedene Brennweiten nach und trotzdem feiert analoge Fotografie ein Comeback. Ein guter Zeitpunkt, um die Geschichte der Knipse nachzuvollziehen.

„Fotografie ist zu einem alltäglichen Wort und einem alltäglichen Bedürfnis geworden. Es wird gleichermaßen von Kunst und Wissenschaft, von Liebe, Wirtschaft und Gerechtigkeit genutzt; findet sich im prächtigsten Salon und auf dem schmuddeligsten Dachboden – in der Einsamkeit des Highland Cottage und im Glanz des Londoner Gin-Palastes – in der Tasche des Polizisten, in der Zelle des Sträflings, im Folio des Malers und Architekten, zwischen den Papieren und Mustern des Mühlenbesitzers und Fabrikanten und auf der kalten, tapferen Brust auf dem Schlachtfeld.“
(Elizabeth Eastlake, britische Kunstkritikerin, 1857)

Motivsuche: Camera obscura – die Lochkamera

Im 4. Jh. v. Chr., lange bevor es den Begriff „Fotografie“ geben wird, beschreibt (mutmaßlich) der griechische Universalgelehrte Aristoteles im Kompendium „Problemata Physica“ ein Phänomen, das Jahrhunderte später in Form der „Camera obscura“ (lat. „Kammer“, „dunkel“) – auch „Lochkamera“ – Menschen auf Jahrmärkten erstaunen wird. Wir stellen uns einen dunklen Raum vor. Darin befindet sich nur ein einzelnes Loch. Das durch dieses Loch fallende Licht projiziert ein Abbild der Außenwelt auf die Innenseite des Raumes. Die Abbildung wird auf dem Kopf stehen, weil – Physik. Diese Beobachtung und die daraus resultierenden Anwendungsmöglichkeiten bilden eine Grundlage der Fotografie.

Motiv I: Erfindung, Silbersalze, schwarzweiß

1826: Im Alter von 61 Jahren produziert der französische Erfinder Joseph Nicéphore Niépce die erste (erhaltene) Fotografie. Titel: „Blick aus dem Arbeitszimmer“, Belichtungszeit: 8 Stunden. Niépce verbrachte seine erste Lebenshälfte als Offizier und Stadtverwalter, beschäftigt sich aber seit geraumer Zeit mit Chemie und Lithografie und versucht seit 1816 die Bilder einer Camera obscura auf Material festzuhalten. Er tauft das Verfahren „Heliographie“. Seine Zeitgenossen können das Potenzial dieser Errungenschaft überwiegend nicht erkennen. Ein Vorsprechen vor der Royal Society bleibt Niépce verwehrt; sein Bruder und Forschungspartner Claude verstirbt. Gehör findet er bei einem anderen französischen Maler und Tüftler: Louis Daguerre.

1839: Bei einer gemeinsamen Sitzung der Pariser Akademie der schönen Künste und der Akademie der Wissenschaft präsentiert der Physiker François Arago das Verfahren der „Daguerreotypie“, Belichtungszeit: 15 bis 30 Minuten – mehr ist besser. Grundlage ist eine versilberte Kupferplatte, die durch Bedampfung mit etwa Jod lichtempfindlich gemacht wird. Daguerres Vertragspartner Joseph Niépce verstarb bereits 1833 an einem Schlaganfall. Der gemeinsame Vertrag mit Niépce wird auf dessen Sohn Isidore überschrieben, dem Daguerre 1838 postalisch mitteilen lässt, das entwickelte fotografische Verfahren nach sich selbst zu benennen. Das Land Frankreich kauft die Rechte an der Daguerreotypie und macht sie gemeinfrei. Im Gegenzug erhält Daguerre 6000 Franc, Isidore Niépce 4000 Franc, als lebenslange jährliche Rente vom französischen Staat.

1841: Knapp zwei Jahre später meldet der britische Universalgelehrte und Forscher William Henry Fox Talbot sein Bildherstellungsverfahren zum Patent an, die „Kalotypie“. Dieses Negativ-Positiv-Verfahren ist nicht weniger als ein Meilenstein. Denn es beinhaltet die Reproduzierbarkeit durch das Anfertigen eines Negativs, von dem theoretisch endlos viele Abzüge entstehen können (Positive). Talbot nutzt ferner beschichtetes Papier anstelle der schweren Kupferplatten bei der Daguerreotypie. Rückblickend ist Talbot vielleicht der Vater der modernen Fotografie.

Motiv II: Weiterentwicklung, Sofortbild, Farbe

1925: Als Ernst Leitz II. seinen winzigen Fotoapparat auf der Leipziger Messe vorstellt, will ihn vor Ort kaum jemand ernst nehmen. Seine 35mm-Kleinbildkamera „Leica“ mit 36-Bilder-Rollfilm wiegt keine 500 Gramm und soll im Set mit Tasche und Entfernungsmesser 270 Mark kosten. Ein krasser Gegensatz zu der bisherigen Fotografie, mit schweren Fotoplatten und fünf Kilo Ausrüstung. Leitz’ Leica wird die Fotografie und vor allem den Fotojournalismus (neu) definieren.

1936: Kodak, ein ambitionierter Hersteller von Fotozubehör, erfindet seinen eigenen Farbfilm neu. Seit 1915 machte der 16mm-Rollfilm „Kodachrome“ im Zweischichtenverfahren wunderbare Farbbilder für Fotoamateure auf der ganzen Welt. In diesem Jahr kommt der neue Kodachrome-Farbfilm für 35mm-Filme auf den Markt und liefert dank Dreischichtsystem nie dagewesene Farbtreue und Bildschärfe, bei langer Haltbarkeit. Im selben Jahr präsentiert Konkurrent Agfa seinen „Agfacolor-Neu-Film“.

1948: Am 26. November wird die erste Sofortbildkamera verkauft. Die „Land Camera Model 95“, benannt nach deren Entwickler Edwin Herbert Land, entwickelt Fotografien innerhalb von einer Minute. Grundlage ist der sogenannte „Trennbildfilm“. Nach der Belichtung beginnt der Entwicklungsprozess noch im Apparat. Eine Art Gelee mit allen nötigen Chemikalien ersetzt das Labor. Nach 50 Sekunden wird das Bild entnommen, das Positiv abgetrennt und etwa mit Lack veredelt. Hersteller „Polaroid“ wird zum Deonym für Sofortbildfotografie.

1973: Journalisten in Singapur erhalten ein Rezensionsexemplar der „Rolleiflex SLX“. Der deutsche Hersteller Rollei produziert seit kurzem dort. Ein Jahr später kommen auch deutsche Journalisten in Köln auf der Fotomesse „photokina“ in den Genuss dieses technischen Geniestreichs. Rollei präsentiert nicht weniger als die erste vollelektronische Spiegelreflexkamera. Dank eines verbauten Mikroprozessors lassen sich Blende, Belichtungszeit und andere Dinge elektronisch an das jeweils angeschlossene Objektiv übermitteln. 1978 erschien eine überarbeitete Version, frei von einigen Kinderkrankheiten. Kostenpunkt: rund 6000 Mark.

Motiv III: Digitalisierung, Umbruch, HDR

1991: Auf der Informationstechnik-Messe CeBIT ist der Name „Dycam“ eigentlich noch keiner. „Dycam Model 1“ ist nicht die erste Kamera mit digitaler Bildspeicherung. Die Geschichte der digitalen Fotografie beginnt schon Mitte der 1950er, beinhaltet große Namen wie Kodak, Sony und die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA. Dycams Model 1 hat mit diesen Marken nichts gemeinsam. Und das soll es auch nicht. Die Zielgruppe ist eine andere: Privatanwender. Der Bildsensor mit 0.1 Megapixel berauscht die heimischen Technikfans mit 256 Graustufen und wunderbaren Schwarzweiß-Aufnahmen. Die maximal 32 Aufnahmen werden innerhalb von ca. 30 Minuten auf den Rechner übertragen, wo sie dann auch das erste Mal angeschaut werden können. In Deutschland ist das Gerät als Lizenznachbau erhältlich, als Logitech Fotoman FM-1 für rund 2500 D-Mark.

2000: In Südkorea wird das „Samsung SCH-V200“ veröffentlicht, ein Flip Phone oder „Aufklapp-Handy“, wie es hierzulande heißt. Das erste Mobiltelefon mit einer verbauten Kamera. Um die maximal 20 Bilder zu versenden, müssen Nutzer sie erst auf den Rechner übertragen. Im November gleichen Jahres erscheint in Südkorea auch das „Sharp J-SH04“, mit dem Vorteil, dass man die Bilder mobil versenden kann.

Motivfindung: KI und das Comeback analoger Fotografie

In der Gegenwart sind Smartphones Alleskönner. Seit etwa 2012 arbeiten die Smartphonekameras mit High-Dynamic-Range (HDR) und rechnen sich aus verschiedenen Bildern das (vermeintlich) beste zusammen. 2023 hat ein Smartphone gerne mal drei Linsen, darunter Ultraweitwinkel und Teleobjektiv. Wer deshalb die reguläre Fotoindustrie bedroht sieht: Entwarnung. Die schwedische Traditionsmarke Hasselblad ruft für aktuelle Modelle noch immer knapp 26.000 Euro auf. Aber seit einiger Zeit berichten Outlets weltweit über ein Comeback der analogen Fotografie. Kann das sein? In einer Zeit, in der KI-generierte Bilder von flippig angezogenen Päpsten das Vertrauen in Bildberichterstattung unterminieren, könnte die analoge Fotografie ein journalistisches Comeback feiern.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: Lumas.de, „Geschichte …“, abgerufen am 17.09.2023; DigitalKameraMuseum.de, „Die Geschichte …“, abgerufen am 17.09.2023; SZ.de, „Und es hat Klick gemacht“ vom 01.01.2023; futurebiz.de, „Eine Minute im Internet …“ vom 07.10.2021; Photurial.com, „How many …“ vom 25.08.2023; de.Wikipedia.org, „Camera obscura“, abgerufen am 17.09.2023; Photobibliothek.ch, „Aristoteles …“, abgerufen am 17.09.2023; Deutschlandfunk.de, „Der heimliche Erfinder …“ vom 07.03.2015; Akvis.com, „Die Geschichte …“, abgerufen am 17.09.2023; WDR.de, „26. November 1948 …“ vom 26.11.2013; digital.Deutsches-Museum.de, „Sofortbildkamera …“, abgerufen am 17.09.2023; Spiegel.de, „Plötzlich sah die Welt ganz anders aus“ vom 31.01.2020; Filmlexikon.Uni-Kiel.de; „Kodachrome“, abgerufen am 17.09.2023; Photoscala.de, „Digitale …“ vom 18.10.2008; DigiCamMuseum.de, „Dycam Model 1“, abgerufen am 17.09.2023.