4. Ausgabe 2023 | Nr. 92

Collector’s Edition: Die Geschichte der Kaufmedien

Vom Groschenheft bis zum Vinyl-Revival

Vinyl erlebt ein Revival. Bewegte Bilder hingegen finden überwiegend im Stream statt. Groschenhefte und Illustrierte wollen partout nicht digital gelesen werden. Cloud-Gaming ist auf dem Vormarsch. Sind Kaufmedien tot? Stöbern Sie mit uns durch die Vergangenheit physischer Kaufmedien und werfen wir einen Blick in die Zukunft.

Verschiedene Outlets melden Ende 2023: „Großer Elektronikhändler sortiert die Silberscheiben aus“ und verbreiten damit die News, dass der US-Elektronik-Händler Best Buy fortan keine DVDs und Blu-rays mehr in seine Regale stellt. Das Haus der Maus, Disney, stellt Branchenberichten nach seinen Blu-ray- und DVD-Verkauf in Australien und Neuseeland zur Gänze ein. Andere Magazine verfassen hingegen bereits meinungsstarke Kommentare dazu, warum die Videothekenkultur nie aussterben darf – obwohl sie es ja längst ist. Und während eBooks und ePaper immer selbstverständlicher im Alltag werden, bleiben die unzähligen Illustrierten und Groschenhefte als unerschütterliche Printprodukte in den Ständern der Bahnhofsbuchhandlungen. Was für eine zwiespältige Beziehung wir doch zu Kaufmedien besitzen.

Regal I: Out of Print

1440: Johannes Gutenberg revolutioniert mit seiner Buchpresse den Druck von Texten, ermöglicht kostengünstige Reproduktionen und ebnet den Weg für den Buchhandel. Innerhalb von 40 Jahren nach seinem Durchbruch sind fliegende Buchhändler auf Messen präsent und Frankfurt am Main wird eine wichtige Literaturstadt.

1886: Mit „Dies Blatt gehört der Hausfrau!“ erscheint am 3. Juli der Prototyp illustrierter „Frauenzeitschriften“, über die Jahre hinweg tatsächlich mit einem mal mehr, mal weniger subtilen Anspruch an weibliche Selbstermächtigung; Stichwort „Barbara von Treskow“. Die Illustrierte geht 1952, nach mehreren strukturellen und namentlichen Veränderungen, im Blatt „Brigitte – Blatt der Hausfrau“, 1954 nur noch „Brigitte“, auf. 2023 hat die Marke „Brigitte“ ein rasantes Leben hinter sich; der Verlag Gruner + Jahr kündigt an, die diversen Ablegerformate (u. a. Brigitte Mom) einzustellen.

1931: Der Hamburger Buchverlag „Albatross Books“ wird gegründet und revolutioniert den Buchmarkt (ein bisschen) mit einem überarbeiteten und finanziell günstig zu verlegenden Taschenbuchformat (engl. „Softcover“). Im Zuge der politischen Umbrüche in Deutschland verliert der Albatross seine Schwingen – wird bedeutungslos – und 1955 final aufgelöst. Das Taschenbuchkonzept mit farblicher Cover-Codierung für verschiedene Sujets führt ab 1935 u. a. der britische Verlag „Pinguin Books“ fort.

1953: Der gelernte Zeitungsredakteur Gustav Lübbe übernimmt den 1949 gegründeten Buchverlag „Bastei“, 2013 geht das Unternehmen in der Bastei Lübbe AG auf. Groschenheftromanserien wie „Geisterjäger John Sinclair“ prägen die deutsche Unterhaltungsliteratur.

In der Gegenwart spielt Print nach wie vor eine starke Rolle. In einer digitalen Welt des Überangebots gilt das „Printprodukt“ nach wie vor als „harte Währung“. Die Druckindustrie – wir sprechen explizit nicht nur von Büchern & Co. – ist stabil, obgleich rückläufig, vor allem in puncto Betriebe und Beschäftigte. Stand 2023 verzeichnet der deutsche Buchmarkt ein Wachstum von 7 Prozent im Bereich Belletristik, während die Umsätze im Bereich Naturwissenschaft um
7 Prozent fallen.

Lesen Sie dazu auch „Die Geschichte des Buches“,
Server 89 und jederzeit online.

Regal II: Audiophil

1878: Thomas Edison lässt seinen „Phonographen“ patentieren – obgleich das Konzept rudimentäre Vorläufer hat. Die Geschichte der Tonaufnahmen beginnt.

1963: Der niederländische Elektronikhersteller Philips präsentiert auf der 23. Großen Deutschen Funkausstellung die „Kompaktkassette“ und den dazugehörigen Kassettenrekorder – insgesamt das erste erschwingliche Tonaufnahme- und Abspielkonzept für Privatanwender und im Großen und Ganzen konkurrenzlos. In Deutschland finden neben Musikkassetten auch Hörspielkassetten Einzug in die Geräte.

1981: Auf der Funkausstellung in Berlin lernen Besucher die „Compact Disc“ kennen, die CD, das digitale Äquivalent zur Kompaktkassette – entwickelt in Zusammenarbeit von Philips und Sony. Die Technik war auch ein stiller Abgesang auf die Schallplatte, die in ihrer Art seit den 1930ern im Prinzip eine Monopolstellung hatte.

1999: Die MP3-Tauschbörse „Napster“ geht an den Start – und wird 2001 rechtskräftig geschlossen. Das Thema der Musikpiraterie ist auf dem Tisch. 2003 können Nutzer in Apples iTunes digitale Musik legal erwerben. 2008 bringt Spotify Nutzer zum Abomodell.

In der Gegenwart erfährt analoge Audiotechnik ein Revival. Seit 2000 steigen die Absatzzahlen von Vinyl/Schallplatten wieder jährlich von 0,6 Millionen bis Stand 2019 3,4 Millionen verkaufter Einheiten. Die Kompaktkassette wird vielleicht weniger gefeiert, allerdings kam 2023 ein neuer mobiler Kassettenspieler auf den Markt, der „Rewind Cassette Player“ – mit Bluetooth und USB-C. Die CD-Verkäufe entwickeln sich seit der Jahrtausendwende – mit kurzen Ausreißern – nach unten.

Regal III: Collector’s Edition

1975/76: Der „Formatkrieg“ ist eröffnet. Heimanwender müssen sich entscheiden, welche Art Videokassette und vor allem welche Art Abspielgerät sie sich ins Heim holen: Sonys „Betamax“ mit besserer Bildqualität oder JVCs „Video Home System“ (VHS) mit längerer Laufzeit und günstigeren Preisen.

1996: VHS hat sich als bevorzugtes Heimvideo-System durchgesetzt. Der Umstieg auf die DVD – ob es nun „Digital Video Disc“ oder „Digital Versatile Disc“ heißt will nicht mal das Entwicklerkonsortium selbst wissen – kommt ohne Formatkrieg aus. Die Filmindustrie hat einfach keine Lust drauf und erzwingt einen, diesen einheitlichen Standard – Regionalcodes inklusive. Wäre ja noch schöner, wenn jeder alles schauen könnte.

2008: Seit zwei Jahren tobt ein weiterer, ein hochauflösender Formatkrieg: „Blu-ray“ (Sony, Samsung & Co.) gegen „HD DVD“ (Toshiba & Co.). Als peu à peu Videotheken und die Filmdistribution auf Blu-ray umsteigen, stellt Toshiba die Produktion ein.

2014: Der Video-on-Demand-Dienst „Netflix“, ursprünglich als Heimvideo-Verleih gestartet, ist nun auch in Deutschland verfügbar. Gegen eine monatliche Abo-Gebühr können Filme, Serien, Dokumentationen geschaut werden – ohne Werbung.

In der Gegenwart gibt es keinen Formatkrieg mehr. Es gibt einen Streaming War. Steigende Gebühren auf einem zunehmend zerklüfteten und längst nicht mehr werbefreien Streamingmarkt verärgern das Publikum. Außerdem steht die Rechtefrage im Raum: Wenn ich Musik, Filme und Serien digital kaufe, gehören mir diese digitalen Güter dann? Die simple Antwort: Nein! Bei digitalen Gütern werden lediglich Abspiellizenzen erworben. Nimmt Prime Video das gekaufte Video aus dem Katalog, etwa weil es die Lizenzen nicht mehr hat, guckt auch der Nutzer in die Röhre. Gleichzeitig gehen die Verkäufe physischer Heimmedien spürbar zurück. Stattdessen investieren Sammler teilweise 40, 50 oder gar mehr Taler für Sammlereditionen, ironischerweise teilweise in VHS-Aufmachung.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: TheDigitalBits.com, „Best Buy is exiting …“ vom 12.10.2023; Gamestar.de, „Kommt 2024 das Ende …“ vom 18.10.2023; Literaturkritik.de, „Der Verlag …“ vom 08.08.2022; Welt.de, „Bastei-Lübbe …“ vom 11.05.2013; Print.de, „Die Druckindustrie …“, Juli 2020; Statista.de, „Umsatzentwicklung … 2023“, abgerufen am 14.02.2024; Tonbandgeschichte.StudAndRevox.de, abgerufen am 14.02.2024; Wikipedia.de, „Compact Disc“, abgerufen am 14.02.2024; Deutschlandfunk.de, „Von der Musik …“ vom 03.09.2015; Welt.de, „Beim Krieg der Videoformate …“ vom 30.11.2023