95. Ausgabe, 4. Quartal 2024

Von Video-Dating bis Match-Making

Wer Single ist, installiert sich Dating-Apps, geht auf Ü??-Partys, um sich alt zu fühlen oder meldet sich beim Online-Dating an. Kommen Sie mit, auf eine kleine Zeitreise von den ersten Zwangsverkupplungen bis zu den hochpreisigen modernen Wegwisch-Angeboten.

Vor dem Dating

Lange vor Tinder, Video-Dating und zerknirscht formulierten Zeitungsannoncen …
„Er, 57, Witwer, keine Freude im Leben, Hoffnung ist auch tot, ambitionierter Kleingärtner, Tomaten sterben aber auch immer, generell viel Unglück, sammelt Klemmbausteinsets zum Thema Naturkatastrophen, freut sich auf eine Sie, maximal 40, gerne mit schönerer Wohnung für zwei Personen und Hobbykeller.“
... wird das Thema Partnersuche pragmatisch betrachtet: die Frau hat einfach kein Mitspracherecht. In der Antike und dem frühen Mittelalter, wird die „Partnervermittlung“ an den Glücklichen vorbei und durch deren Familien, religiöse Führer oder taktierende Thronflüsterer organisiert. Zwecke einer Zusammenfindung sind politischer und wirtschaftlicher Natur. In europäischen Adelsfamilien wird mit Ehen vor allem Macht konsolidiert und zementiert. In hinduistischen, jüdischen und verschiedenen anderen religiös geprägten Gemeinden spielt zusätzlich Astrologie eine große Rolle bei der Partnerwahl. Astrologie wird in dieser Funktion ebenfalls bis in die Moderne überdauern; etwa in Form der Angabe des Sternzeichens im Dating-Profil.
Partnersuche ist auch darüber hinaus eng mit Aberglauben verbunden. Ein Beispiel aus Deutschland: In der Nacht vom 29. zum 30. November wird die „Andreasnacht“ begangen, benannt nach dem Jesus-Jünger Andreas, einer Art historischem Kai Pflaume – er gilt als der Schutzpatron der Liebenden. In der Andreasnacht sollen heiratswillige Frauen mittels verschiedener Rituale einen präkognitiven Blick auf den Zukünftigen werfen können.
Genauso absurd ist das verbreitete Thema „Zwangsheirat“, das sich ebenfalls bis in die Moderne trägt. Hierbei werden häufig junge Mädchen und Frauen mit teils völlig unbekannten Männern verheiratet. Im christlichen Kulturraum etwa gibt es ca. bis zum 10. Jahrhundert n. Chr. die sogenannte „Muntehe“, bei der, salopp gesagt, die Nutzungsrechte an der Frau von einer Person auf die nächste übertragen werden.
Ab dem 10. Jh. n. Chr. hält die Katholische Kirche dagegen und implementiert nach und nach die bis in die Gegenwart bekannte Trauungszeremonie inklusive „Ja-Wort“. In Summe setzt die Katholische Kirche also die monogame Ehe auf Konsens-Basis durch, die mit sozialer Absicherung für beide Seiten einhergeht. In dieser Form der Eheschließung benötigen Frauen offiziell keinen Vormund mehr und handeln entsprechend selbstbestimmt(er). Eine Gleichberechtigung gibt es selbstverständlich trotzdem nicht. Letztendlich wird den
Damen noch immer mit Nachdruck angeraten, wen sie freiwillig ehelichen zu möchten haben.

Date 1: John Houghton und die Lonely Hearts Industry
Die Geschichte der Partnervermittlung ist auch eine Geschichte der Fernmündlichkeit. Die Partnersuche wird vielleicht erst Mitte des 20. Jahrhunderts elektronisch, aber die Idee, sein Bedürfnis nach Partnerschaft einer Teilöffentlichkeit kundzutun, ist wesentlich älter.
1695 bastelt der britische Apotheker John Houghes an einer weiteren Ausgabe seines wöchentlich erscheinenden Pamphlets „A Collection for improvement of husbandry and trade“ (dt.: Eine Sammlung zur Verbesserung der Landwirtschaft und des Handels). Darin finden sich Briefe, kurze Abhandlungen und allgemeinere Texte über landwirtschaftliche Themen, Handelswaren etc. In dieser bestimmten Ausgabe gibt es ein Novum: eine Annonce zur Partnersuche! Der übersetzte Text lautet in etwa wie folgt:
„Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von ca. 3000 Pfund.“
Es bleibt ein Geheimnis, ob sich eine Dame mit so viel Interesse fand. Fest steht allerdings: John Houghes legt damit den Grundstein für die „Lonely Hearts Industry“. In den Folgejahren nimmt die Zahl an Dating-Inseraten rasant zu.

Bild vom Vorläufer der modernen elektrischen Batterie.
Vorläufer der modernen elektrischen Batterie.

1727 inseriert das erste Mal eine Frau zum Zwecke der Partnersuche! Helen Morison geht mutig voran und sucht im englischen Wochenmagazin „Manchester Weekly Journal“ nach einem Partner für den Bund der Ehe. Sie kommt für vier Wochen in eine psychiatrische Anstalt. Eine Frau, die sich selbst um die Lebensplanung kümmert? Absurd!
1750 – und dies dient lediglich der Kontrastierung zum vorhergehenden Abschnitt – erscheint im „Daily Adviser“ folgendes Gesuch:
„Gesucht wird eine hochgewachsene und reizvolle Person, mehr eine der eleganten Art als eine der schönen. Mit guten Zähnen, weichen Lippen, reinem Atem. Mit Augen, deren Farbe keine Rolle spielt, wenn sie nur ausdrucksvoll sind. Und einem vollen Busen, prall, fest und weiß.“

Date 2: Baby Boomer und Boomer Babys
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich das Konzept von „jemanden kennenlernen“ in vielen Teilen der Welt verändert. Frauen warten längst nicht mehr, bis ein Verehrer anklopft, sich vorstellt oder gar angereicht wird. In Europas Metropolen entwickelt sich seit etwa 1850 eine Art Clubkultur, in der Menschen unter veränderten Bedingungen zueinanderfinden. Auch in Berlin ziehen die Menschen aus den ländlichen Regionen in die Metropole Berlin und werden Teil einer anonymen Masse, in der auch das zwanglose Dating ein Thema ist. Den Partner fürs Leben zu finden, scheint trotzdem noch das oberste Ziel zu sein.
Die Zwanglosigkeit schwindet im Zuge des II. Weltkriegs. In den beteiligten Ländern werden Männer jeden Alters zum Kriegsdienst eingezogen. Die Frauen in der Heimat gehen nun mit Nachdruck auf die Partnersuche in einem schwierigen „Markt“. Ziel ist die Eheschließung und Familiengründung. Letzteres gipfelt in einer sprunghaft ansteigenden Geburtenrate. Aufgrund dieses Phänomens, dem „Babyboom“, werden die Geburtenjahrgänge zwischen (grob) 1946 und 1969 in der Moderne als „Baby Boomer“ bezeichnet.

Date 3: St. James, Operation Match, und die Wurzel des Tindergartens
1964 ändert die Britin Joan Ball den Namen ihrer Partnervermittlung „Eros Friendship Bureau Ltd“ zu „St. James Computer Dating Service“ und nutzt ein Lochkartensystem, um Herzen zusammenzubringen. Ihr Trick: Sie konzentriert sich auf Eigenschaften, die Menschen bei ihrem potentiellen Partner nicht suchen. Private und finanzielle Probleme zwingen Ball 1974 dazu, ihr Unternehmen an die Konkurrenz zu verkaufen. Balls Status als eine der Urheberinnen des elektronischen Datings wird lange Zeit unerwähnt bleiben. Stattdessen geht diese Ehre an zwei US-amerikanische Studenten in Harvard.
1965 wird irgendwo am Campus der US-amerikanischen Eliteuniversität Harvard Dating-Geschichte geschrieben. Die Kommilitonen Jeff Tarr und Vaughan Morrill haben aus einer Schnapsidee heraus das erste computergestützte Dating-Programm entwickelt: „Operation Matchmaking“. Teilnehmer füllen einen Fragebogen mit 75 Fragen zu verschiedenen Vorlieben, Wünschen und privaten Lebensumständen aus. Das Programm gleicht die Daten mit anderen angemeldeten Mitgliedern ab. Aus dieser Idee erwächst das Dating-Unternehmen „Compatibility Research Inc.“.

Date 4: Jeff Ullman und das Video-Dating
1976 prägen Schlaghosen und bunte Hemden das Straßenbild. Ein Röhrenfernseher präsentiert den ersten PC, „Apple I“. Die schwedische Popgruppe ABBA dominiert (zurecht) die Charts. Die Nachwehen des Vietnamkrieges sind DAS Gesprächsthema. Inmitten dieser aufregenden Zeit präsentiert sich Jeff Ullman mit seinem Unternehmen „Great Expectations“ und einer revolutionären Idee: Video-Dating. Die Idee ist simpel: Man setzt sich vor die Kamera und gibt in einem knapp 5-minütigen Interview dem zukünftigen Betrachter einen möglichst authentischen Einblick in Vorlieben, Wünsche etc. Ein Fotoshooting und ein schriftliches Dating-Profil runden das Angebot ab. Andere Mitglieder bekommen nun möglichst passende Profile nebst Video zugeschickt.

Date 5: Matchmaker.com und der erste Online-Dating-Service
1986 eröffnet der erste Online-Dating-Service seine digitalen Pforten in einem www-Vorläufer, der als „Bulletin Board System“ bekannt ist – im deutschsprachigen Raum bekannt als „Mailbox“. Mitglieder füllen ein Datingprofil aus, das mit anderen Mitgliedern abgeglichen wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der Service kostenfrei und finanziert sich über Spenden der Nutzer. In den Folgejahren wird der Service als Franchise ausgebaut, von denen diverse Branches den Sprung ins World Wide Web machen.
1998 werden alle bestehenden Matchmaker-Branches konsolidiert und unter der bereits existierenden Domain Matchmaker.com vereint. 2016 wird das Angebot vom Netz genommen.
2002 startet mit „The Ashly Madison Agency“ eine Seitensprung-Dating-Agentur und macht damit das sogenannte „Casual Dating“ vielleicht nicht salon- aber mindestens gesprächsfähig.

Date 6: Tinder, Bumble und die Wegwischmentalität
2012 geht die Dating-App „Tinder“ an den Start. Die App wurzelt in „MatchBox“, einem Projekt, das Sean Rad und Joe Munoz 2012 während eines Hackathons (ein kollaboratives Coding-Event) in West-Hollywood programmiert haben. Online-Dating ist bereits ein fester Bestandteil intersozialer Gegenwartskultur. Im gleichen Jahr startet auch die App „Hinge“ und wird sich bis in die Gegenwart als eine Art Gegen-Tinder positionieren – weniger knallig, aufgeräumter – und mit dem Slogan werben „designed to be deleted“.
2013 führt Tinder allerdings eine Funktion ein, die dutzende andere Apps auf Dauer verändern wird und vielleicht sogar das Dating-Verhalten einer ganzen Generation: Swipen. Die Dating-Profile sind angeordnet wie ein Kartenstapel und der Nutzer muss sich nun endgültig entscheiden: Wischt er die Karte nach links, hat er kein Interesse; wischt er nach rechts, hat er Interesse. Haben zwei Menschen bei dem Profil des jeweils anderen nach rechts gewischt, gibt es ein Match und beide können miteinander schreiben. Bis in die Gegenwart kommt praktisch keine andere Dating-App an diesem Feature vorbei: ja oder nein; rechts oder links; ganz oder gar nicht. Und trotzdem lässt sich dieser Absolutismus wunderbar monetarisieren.
2023 macht Tinder einen Umsatz von 1,91 Milliarden US-Dollar, hat 75 Millionen aktive Nutzer, von denen 60 Prozent unter 35 Jahre alt sind und 75 Prozent männlich.
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Robert Gryczke

Quellen: ModernMatrimonial.com, „History of Matchmaking …“ vom 28.11.2023; Hexenwissen.at, „Andreasnacht …“ vom 05.11.2018; Planet-Wissen.de, „Hochzeit“ vom 16.04.2019; Blog.Seeking.com, „100 Years of Choice“ vom 28.08.2020; Sueddeutsche.de, „Der Schmuser geht um“ vom 01.09.2023; Mediendiskurs.Online, „Die Geschichte der Heirats- und Kontaktanzeigen …“ vom 04.08.2022; Edition.CNN.com, „I felt risqué“ vom 29.09.2024; Codeminder.co.uk, „Joan Ball“ vom 16.03.2022; LATimes.com, „Love God From Hell …“ vom 16.01.1994; VOX.com, „How 1970s …“ vom 09.02.2021; TheAtlantic.com, „The New Old Dating Trend“ vom 11.08.2023; NYTimes.com, „Lycos to Buy Matchmaker“ vom 14.07.2000; BusinessOfApps.com, „Tinder Revenue and Usage Statistics“ vom 18.10.2024