3. Ausgabe 2024 | Nr. 94

Leinwandträume: Die Geschichte der Kinoerfahrung

Vom Bioskop bis zum 4D-Kino

Während im Filmpark Babelsberg 4D-Kinos die großen Reißer sind, geben wir uns im Multiplex mit 3D zufrieden, im Programmkino mit 2D und daheim teilweise mit 1D – weil der Fernseher zur Geräuschquelle neben dem Mobile Game degradiert wird. Wie hat sich Kinotechnik entwickelt, mit welchen Methoden wollte man das Publikum früher begeistern und wie funktioniert das Kino der Zukunft? Eine Reise durch die Kinosäle verschiedener Generationen.

Kinofoyer

1887 lässt Eadweard Muybridge Serienbilder von einem Reiter plus Pferd um eine Lichtquelle kreisen: die Illusion von Bewegung.
1891 flimmert in den USA ein zwei Sekunden langer Film namens „Dickson Greeting“ durch die Edison-Kamera. 1885 präsentieren die Gebrüder Skladanowsky ihr „Bioskop“ in Berlin. Der Proto-Filmprojektor braucht zwei getrennte Filmstreifen und liefert mit max. 16 Bildern pro Sekunde (fps) keine flüssige Bewegung. Das Gerät setzte sich nicht durch. „Bioskop“ im früheren Jugoslawien und „Bioscoop“ in den Niederlanden bezeichnen auch in der Gegenwart das „Kino“. 1885, knapp einen Monat später, präsentieren in Paris die Gebrüder Lumière ihren „Kinematografen“ und zeigen der Öffentlichkeit zehn ihrer Kurzfilme. Ihr Gerät kann aufzeichnen, projizieren und kopieren. Ein Novum.

Saal 1: Die Kohlfee und der Stummfilm

1886 präsentiert die französische Regisseurin Alice Guy-Blaché den ersten fiktiven oder auch „Spielfilm“: „Die Kohlfee“.
Ab 1900 entwickelt sich der Stummfilm zu einer festen Instanz der Unterhaltungsangebote – von den „Kintöppen“ in Deutschland bis zu den US-typischen Nickelodeons, in denen Hafenarbeiter nach 14-Stunden-Schichten günstig ihren Feierabend verbringen. Leicht entzündlicher Nitratfilm rollt mit 16 bis 24 fps vor einer Kohlebogenlampe vorbei. Im Saal wird entweder live dazu Musik gespielt – oder die Unruhe sorgt für Abwechslung. Mitte der 1920er neigt sich die Stummfilmzeit ihrem Ende zu.

Saal 2: Der Jazzsänger und der Tonfilm

Die Versuche Film mit Ton vorzuführen gibt es tatsächlich seit Beginn der Stummfilmzeit. Schon Edison wollte Ton, scheiterte aber an den technischen Limitierungen seiner Zeit. Das in Frankreich entwickelte Chronophone setzt sich ebenfalls nicht durch. 1922 sieht Berliner Publikum im Alhambra-Kino den ersten zeitgenössischen Tonfilm. „Der Brandstifter“ nutzt das jüngst entwickelte Tri-Ergon-Verfahren; Bild & Ton sind synchron. Die drei deutschen Entwickler Hans Vogt, Jo Benedict Engl und Joseph Massolle finden allerdings keinen Platz dafür in der Industrie. Der Tonfilm setzt sich erst fünf Jahre später durch – in Hollywood. 1927 bricht mit „Der Jazzsänger“ das Zeitalter des Tonfilms an. Der abendfüllende Spielfilm zeigt den Aufstieg eines verarmten Sängers zum Bühnensternchen. Die abendfüllende Produktion ist über weite Strecken noch immer ein Stummfilm, wird aber unterbrochen von u. a. Gesangseinlagen. Diese werden über das „Vitaphone“-Verfahren abgespielt, eine Art Plattenspieler, der an den Filmprojektor gekoppelt ist. Zwei Jahre später entsteht mit „Melodie des Herzens“ der erste deutsche vollvertonte Spielfilm. Die Übergangsphase zum Tonfilm dauert bis 1936 an. Einer der letzten Stummfilme ist der sowjetische „Kosmische Reise“.

Saal 3: Von Blumen und Bäumen und der Farbfilm

1932 erscheint mit Disneys Zeichentrick-Kurzfilm „Von Blumen und Bäumen“, als Vorprogramm des Clarke-Gable-Dramas „Strange Interlude“, einer der ersten kommerziellen Farbfilme. Zum Einsatz kommt das Farbdruckverfahren „Technicolor“, bei dem der Film in drei Arbeitsschritten rot, blau und grün eingefärbt wird. Die entsprechende Mischung ergibt die restlichen Farben. 1935 erscheint mit der Roman-Adaption „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ der erste vollständig kolorierte abendfüllende Spielfilm. Der Siegeszug des Farbfilms ist besiegelt – obgleich Schwarzweißfilme noch bis in die Fünfziger produziert werden.

Saal 4: Bwana, der Teufel und das 3D-Kino

In den fünfziger Jahren entwickelt sich das Fernsehen zur ernsthaften Konkurrenz für das Kino. Um das Publikum weiterhin vor die Leinwand zu locken, überlegen Betreiber und Produzenten das erste Mal, wie man das Medium immersiver gestalten kann. 1952 läuft mit dem Afrika-Abenteuer-Film „Bwana, der Teufel“ der erste abendfüllende 3D-Film in den US-Kinos. Das zur Kinopremiere geschossene Foto vom Publikum mit 3D-Brillen auf der Nase wird sich in das kollektive Gedächtnis einprägen. Das Branchenblatt Variety schreibt über den „ersten Langspielfilm in Natural Vision 3-D“, dass die „3-D-Technologie noch ein wenig technische Entwicklung“ bräuchte. Zu diesem Zeitpunkt werden die Bilder über zwei Projektoren auf die Leinwand geworfen; das Publikum erhält günstige Einweg-3D-Brillen mit Polarisationsfolien. Ein Jahr später erscheint mit dem Horrorfilm „Das Kabinett des Professor Bondi“ (OT: House of Wax) der erste 3D-Film mit Stereoton. Die 3D-Technologie wird im Laufe der Filmgeschichte einige Hochs und Tiefs erfahren. Regisseur James Cameron löst in der Gegenwart mit „Avatar“ (2009) einen erneuten Hype aus.

Saal 5: Der Tingler, Percepto und originelle Kino-Gimmicks

1959 läuft mit „Schrei, wenn der Tingler“ kommt ein weiteres B-Movie des Produzenten William Castle. Das titelgebende Gruselwesen soll jedem Menschen innewohnen, zu voller Größe heranwachsen und aus dem Leib brechen, wenn die Person in Angstmomenten nicht schreit. In manchen Kinos wird dazu das „Percepto“-System verbaut: Ein harmloser Elektroschock bringt das Publikum so zum Juchzen. Der Versuch, das Kinoerlebnis wieder attraktiver, sozialer und teilweise interaktiver zu machen, treibt bisweilen originelle Früchte: „Smell-o-Vision“ pumpt passende Gerüche in den Saal; bei „Scratch and Sniff“-Karten muss dafür ein Kartenfeld freigerubbelt werden; „Hypno-Vista“ präsentiert einen Leinwand-Hypnotiseur; „Duo-Vista“ nimmt das Konzept „Split Screen“ vorweg; „Illusion-O“ nutzt 3D-Brillen, aber nicht für Räumlichkeit, sondern um scheinbar zufällig Geister im Bild zu platzieren. 1974 wird das Publikum mit dem „Sensurround“-System durchgeschüttelt, zunächst im Katastrophenfilm „Erdbeben“. Ein spezielles Subwoofer-System erzeugt starke Vibrationen durch Schalldruck im niederfrequenten Bereich und gibt das Gefühl mitten im Katastrophengebiet zu sitzen. Folgen: Beschwerden aus Nachbarsälen, Nasenbluten, teure Mieten für die Technik (500 Dollar/Woche) und zerbröselnde Decken am Veranstaltungsort. Fünf Jahre später ist der Audiozauber vorbei.

Saal 6: Tiger Child und das IMAX-Großbildformat

1970 läuft der 17-minütige Experimentalfilm „Tiger Child“ auf der „Japan World Exposition“. Das Besondere: Der Film wird rückblickend als erster IMAX-Film bezeichnet werden. IMAX ist ein proprietäres System aus speziellen 70mm-Filmkameras und Projektoren, die dieses Material auf riesige Leinwände werfen. IMAX-Leinwände sind bis zu 30 Meter breit; ein Gros des Sichtfeldes. Durch das hochwertigere Material – 70 mm bietet einen deutlich höheren Detailgrad als 35 oder gar 16 mm – entsteht ein anderes Seherlebnis.


Saal 7: Lisztomania und die Klang-Revolution

1975 etabliert der technische Anbieter Dolby Laboratories einen neuen Standard. Sein „Dolby Stereo“-System erlaubt erstmals eine 4-Kanal-Abmischung fürs Kino: Links, Mitte, Rechts und Raumklang. Der Film „Lisztomania“, ein groteskes Biopic über den Komponisten Franz Liszt, nutzt das System als erstes. 1982 sorgt THX Ltd., eine Unternehmung des „Krieg der Sterne“-Regisseurs George Lucas, für einen einheitlichen Klang in allen Kinos. Das gleichnamige Zertifikat setzt sich – mit vielen Folgeprodukten – als Qualitätsstandard durch.

Saal 8: Star Wars: Episode I und der Paradigmenwechsel

1999 startet „Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung“ im Kino. In einer Handvoll US-Kinos wird digital auf die Leinwand projiziert. Zu diesem Zeitpunkt ein Experiment. 2002 wird die DCI gegründet, die „Digital Cinema Initiatives“, um einheitliche Standards für digitale Projektionstechnik zu setzen – auch im Sinne des Publikums. 2010 haben große Ketten und kleinere Kinos auf digitale Projektionstechnik umgestellt. Große Verleiher und Studios geben kaum noch klassische Filmrollen heraus.

Saal 9: Status Quo oder die 2. Welle der Gimmicks

2012 läuft „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ im Kino. Regisseur Peter Jackson schwört auf die „High Frame Rate“-Technologie (HFR) und präsentiert den Film mit 48 statt den üblichen 24 fps; außerdem in 3D und vereinzelt in IMAX. Die HFR-Technologie wird vom Publikum als unnatürlich wahrgenommen. Das allzu flüssige Bild lässt Vergleiche mit Daily Soaps laut werden – 24 fps werden nach wie vor als besonders cineastisch empfunden. In der Gegenwart sind sogenannte 4D-Kinos in Freizeitparks, z. B. dem Filmpark Potsdam Babelsberg, der große Renner. 3D-Filme – oft Animationsfilme – werden mit beweglichen Sitzeinheiten verbunden; es wackelt munter auf und ab, während das Publikum digital durch den Dschungel sprintet.
Seit 2014 finden Laserprojektoren verbreitete Anwendung: mehr Licht, mehr Farben und vor allem eine konsistente Bildqualität.
Das Thema Künstliche Intelligenz und Kinoerfahrungen möchten wir an dieser Stelle noch nicht aufmachen – obwohl es wohl sinnvoll wäre.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: Planet-Wissen.de, „Anfänge …“ vom 15.03.2022; Spiegel.de, „Die Geburt …“ vom 22.02.2010; AliceGuyBlache.com, abgerufen am 16.08.2024; BZ.de, „Es geschah …“ vom 17.09.2000; StudioBabelsberg.com, abgerufen am 18.08.2024; DisneyShorts.com, abgerufen am 18.08.2024; Variety.com, „Review: Bwana Devil“ vom 31.12.1951; MentalFloss.com, „8 Haunting …“ vom  18.10.2018; TMX.com, abgerufen am 18.08.2024; IntoFilm.org, abgerufen am 18.08.24; HollywoodReporter.com, abgerufen am 18.08.2024; DCIMovies.com, abgerufen am 18.08.2024