2. Ausgabe 2024 | Nr. 93

Televisionen: Die Geschichte des Fernsehens

Von der Röhre bis zum Livestream on Demand

Kürzlich kündigte Disney für seinen Streamingdienst eine neue Funktion an: Channels. Auf diesen soll 24/7 ein kuratiertes Programm laufen, für all jene, die sich vielleicht gerade nicht selbstständig entscheiden wollen. Moment, das Konzept kennen wir doch. Bevor sich die Geschichte der linearen Unterhaltung endgültig zu einem ewigen Kreis der Televisionen zusammenschließt, wollen wir einen Blick auf die Geschichte des Fernsehens werfen.

Seit einiger Zeit schalten Streamingdienste auch Werbung zwischen dem Content. Bezahlen muss man das Angebot in der Regel trotzdem, obgleich es auch günstiger wird. Mit großen Schritten kehren wir langsam zurück zu festen Sendezeiten mit Werbeunterbrechung. Channels on Demand?

Testbild

1927 entwickelt Philo Farnsworth das erste elektronische Fernsehsystem, das Bildsignale durch Elektronenröhren überträgt. Der 20-Jährige konnte ein Jahr vorher zwei Geldgeber von seiner Idee überzeugen. Ein Patent am System erfolgt noch ‘27. In den Folgejahren liefert sich der junge Erfinder und Ingenieur einen Lizenzstreit mit dem angehenden US-TV-Monopolisten RCA (Radio Corporation of America). RCA knickt ein, da ein früher Lehrer Farnsworths’ bestätigen kann, dass der junge Genius Baupläne für ein TV-Gerät bereits im Alter von 15 Jahren vorgelegt hatte. Das eigenwillige und teils exzentrische Gemüt Farnsworths’ inspiriert Jahrzehnte später Matt Groening, den „Simpsons“-Erfinder, zu einer Figur für seine zweite Erfolgsserie „Futurama“: Professor Hubert J. Farnsworth – ein eigenwilliger Erfinder mit kauzigem Gemüt.

Kanal 1: Achtung, Achtung! Fernsehsender Paul Nipkow.

1935 eröffnen über den März verteilt die ersten sogenannten Fernsehstuben in Berlin; die Anschaffung eines eigenen Apparats scheitert an der industriellen Fertigung der TV-Geräte und an den Mondpreisen. Ein Gerät soll zwischen 2500 und 3600 Reichsmark kosten, was in der Gegenwart ganz grob einem Betrag zwischen 12.000 und 17.000 Euro entspricht. Und außer politischen und industriellen Influencern kann sich das 1935 AD niemand leisten. In Fernsehstuben hingegen können sich bequem 20 bis 30 Leute am wärmenden Lagerfeuer der neu aufkommenden Medien wärmen.
Am 22. März ist es dann soweit und die weltweit erste Fernsehansagerin, Ursula Patzschke-Beutel, begrüßt das Publikum wie folgt: „Achtung, Achtung! Fernsehsender Paul Nipkow. Wir begrüßen alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß ‚Heil Hitler!‘.“
Unangenehm, aber dafür wird das Publikum dreimal die Woche je zwei Stunden mit exzellentem Programm unterhalten; darunter Jonglage, Zaubertricks und Nazi-Propaganda. Vor Gewinnspiel-Shows und Promo-Big-Brother bleibt das Volk zum Glück vorerst verschont.

1936 passieren zwei wichtige Dinge in der Geschichte des Fernsehens: Die Olympischen Sommerspiele 1936 im August machen Fernsehstuben und Fernsehgroßbildstellen zu einem Hort sportlicher Großevents – das Fernsehen wird zum Massenmedium.

Am 2. November nimmt die British Broadcasting Company (BBC) ihren Fernsehbetrieb auf. Die einstündige Premiere umfasst eine Begrüßung, eine Zeitansage, Wetterinfos, Nachrichten und Varieté.

Aufgrund des Zweiten Weltkriegs verzögern sich nachfolgende Entwicklungen in der Fernsehtechnik und dem Programm um ein paar Jahr.

Kanal 2: United States of Television

1941 liegt die erste öffentliche Vorführung des Fernsehers auf der New Yorker Weltausstellung bereits zwei Jahre zurück. Die FCC (Federal Communications Commission) beschließt den technischen TV-Standard NTSC (National Television System Committee) für die USA. Im gleichen Jahr vergibt die FCC zehn kommerzielle TV-Lizenzen. Privatwirtschaft, ick hör dir trabsen! Mit dieser Lizenz dürfen die Stationen 15 Stunden pro Woche senden. Kurze Zeit später wird Fernsehwerbung erlaubt. Infolgedessen flimmert am 1. Juli die erste kommerzielle TV-Werbung über den Äther und zwar für den Uhrenhersteller „Bulova“.

1944 wird der letzte verbleibende Sendebetrieb in bzw. aus Deutschland eingestellt, darunter der in Paris betriebene „Fernsehsender Paris“. Im darauffolgenden Jahr installieren die Besatzer eigene Sendeanstalten: USA in München, Frankfurt am Main, Stuttgart und Bremen; Russland in Berlin; Großbritannien in Hamburg und Frankreich in Baden-Baden.

1948 bis 1949 werden die bis dahin in Deutschland errichteten Sendeanstalten in deutsche Verwaltung übergeben: der Bayerische Rundfunk (BR), der Südwestfunk (SWR) der Hessische Rundfunk (HR), der Nordwestdeutscher Rundfunk (NWDR) usw.

Kanal 3: Hauptsache bunt

1954 strahlt das US-Fernsehen die erste landesweite Fernsehsendung in Farbe aus; eine Veranstaltung mit dem Titel „The Tournament of Roses Parade“. Es gibt vorher schon vereinzelte Farbfernsehshows im regionalen Bereich. Farbfernsehen ist längst kein Selbstläufer. Nicht alle Geräte sind
überhaupt kompatibel und wenn, sind schon gar nicht alle TV-Sendungen in Farbe.

1956 findet die Live-Übertragung des ersten „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ (später „Eurovision Song Contest“) statt. Deutschland gewinnt nicht – natürlich.

1967 wird es plötzlich bunt auf (einigen) deutschen Röhrenfernsehern, bevor Vizekanzler Willy Brandt im Rahmen der 25. Funkausstellung symbolisch auf einen Knopf drückt, um offiziell das Farbfernsehen zu begrüßen.

1980 wird eine technische Besonderheit namens „Videotext“ / „Teletext“ offiziell in den Sendebetrieb aufgenommen. Grundlage ist die Übertragungsform des Fernsehens selbst, bzw. die Latenz des Endgeräts beim Bildaufbau. Pixelige Texttafeln zeigen Informationen wie das TV-Programm, Wetter oder Kennenlern-Angebote an.

Kanal 4: Privat & Fernsehen

1981 geht das Musikfernsehen MTV (Music Television) auf Sendung und begrüßt sein Publikum mit dem bedeutungsschwangeren Song „Video Killed the Radiostar“.

1984 werden die Weichen von Deutschlands televisionärem Kulturgut gestellt: Mit dem „Kabelpilotprojekt“ (später Sat.1) in Ludwigshafen begrüßt Moderator Jürgen Doetz das Publikum aus seinem Kellerstudio zum „ersten privaten [Fernsehveranstalter] in der Bundesrepublik Deutschland“. Gleichzeitig tickt eine andere mediale Zeitbombe: Im gleichen Jahr nimmt RTLplus den Sendebetrieb auf.

1991 weiß schon kein DDR-Bürger mehr, was eigentlich „Westfernsehen“ war, als das offizielle DDR-Fernsehen DFF abgestellt wird. Gleichzeitig geht mit „Premiere“ das erste deutsche Bezahlfernsehen in den Äther. Ohne Decoder ist das hochwertige Programm verschlüsselt. Ausnahmen sind Prestige-Projekte wie „Kalkofes Mattscheibe“, die sollen Lust auf den Inhalt hinter der Bezahlschranke machen.

Kanal 5: On Demand

2005 nimmt die Videoplattform YouTube („Deine Röhre“) ihren Betrieb auf und wird die Art des Medienkonsums nachhaltig und grundlegend ändern. Ab jetzt können Nutzer unkompliziert selbst Videos aufzeichnen und vor allem anschauen. Nutzer möchten nun häufiger einfach anschauen, was sie möchten, wenn sie möchten.

2007 transformiert sich der ehemalige DVD-Verleih-Service Netflix zu einem Streaming-Service.

2013 präsentiert Netflix seine erste eigene Serie, „House of Cards“ und landet einen Riesenhit.

2024: Nachdem das lineare Fernsehen mehrfach totgesagt wurde und überlebt hat, Smart TVs und Mediatheken die Grenzen zwischen linearen und On-Demand-Inhalten verschwimmen lassen und der „Streaming War“ das Publikum zurück in die Videopiraterie treibt, kündigt Disney Plus an, künftig auf eigenen „Channels“ ein vorsortiertes themenspezifisches Programm anzubieten.

Herzlich Glückwunsch, der Kreis ist rund.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: GamePro.de, „Disney Plus ...“ vom 19.04.2024; Farnovision.com, abgerufen am 14.05.2024; Fernsehmuseum.info, abgerufen am 14.05.2024; Wikipedia.org, „1941 in television“, abgerufen am 15.05.2024; Udiscover-Music.de, „MTV …“ vom 31.06.2024