58. Ausgabe, 3. Quartal 2015

Gewischtes Finger-Rheuma

Letztens in der Straßenbahn: Jeder unter 30 stiert auf sein Smartphone und tippt wild aufs Display. Zeitgeistsurfen nennt man das. Wir sind ständig und überall online. Es wird immer weniger geredet. Dafür wird getwittert, gesimst und Ge„WhatsAppt“.

Ob das Zeit spart, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, dass es alle machen. Also mache ich es auch. In Maßen.

Sonst würde mir die Zeit fehlen, um mit meinen Mitmenschen zu reden. Aber ich gebe zu, dass ich schwer beeindruckt bin von den Leuten, die zehnfingrig auf ihrem Handy beinahe so taktvoll rumhacken wie einst Phil Collins auf dem Schlagzeug. Mit zwei Daumen ist da manch einer wortreicher als mancher Politiker mit einer Zunge. Und das soll was heißen. Einige kriegen das sogar mit ihren übergewichtigen Wurstfingern besser hin als blonde Models den Wesenstest.

Doch ich gebe zu, ich habe Angst um die junge Generation. Nein, nein, nicht davor, dass die fortschreitende Evolution die Stimmbänder der Menschheit verkümmern lässt. Nein, ich fürchte, dass die jungen Menschen ihren Großeltern die raren Betten in den Pflegeheimen streitig machen. Haben Sie mal ganz genau darauf geachtet, wie die ihre Finger beim Dauersurfen halten? Sie knicken sie ein. Genau. Die Daumen sind so geknickt wie die Rübe vom Guardiola nach einem Elfmeterschießen. Jeder Chirurg weiß, was das bedeutet: Dauerknicken führt beim Dauergebrauch früher oder später zu Muskelkater. Das ist die erste Phase. Der folgt, etwa nach dem Verschleiß des dritten oder vierten Handys, die Gicht. Die wieder mutiert nach 20, 25 Jahren zur schweren Arthritis. Unheilbar. Pflegefall.

Der moderne Mensch wischt die drohende Gefahr weg. Vorzugsweise auf dem Touchscreen.

Rheuma, Gicht, Arthritis, Wischen ...