56. Ausgabe, 1. Quartal 2015

Nachts, wenn der Chef fackelt

Dean Rusk war in den 1960er Jahren US-Außenminister. Eines seiner Zitate ist mir seit Jahrzehnten allgegenwärtig: „Zu jeder Zeit schläft ein Drittel der Menschheit, der Rest richtet Unheil an.“ Daran musste ich gerade wieder denken, als ich neulich nachts um 3 Uhr von einem vertrauten Piep-Ton geweckt wurde. Eine Mail traf mein iPhone in der Nacht. Ich schaute drauf und fand eine unaufschiebbare Mail meines Chefs: „Morgenmeeting mich erinnern; Stichwort Fackel“. Rusks Zitat ist wahrer als je zuvor, denn zwei Drittel richtet wahrlich Unheil an – es schickt der schlafenden Minderheit Botschaften zu.

Ok, ich habe mein Handy ausgeschaltet, mich umgedreht und weitergeschlafen. Alles wäre wieder gut gewesen, hätte ich nicht gnadenlos verschlafen. Ein ausgeschaltetes Handy kann ja nicht mehr Wecken. Dumm gelaufen. Das Morgenmeeting habe ich nicht erlebt. Und verpasst, welche Fackel gezündet wurde. Wir machen ja in Papier.

Ich fordere ein Nachtmail-Verbot. Nachtback- und Nachtflugverbote gibt’s ja schon lange. Und das ist auch gut so. Es wird Zeit, das nächtliche Anmailen von Mitarbeitern und anderen Untertanen unter Strafe zu stellen. Wehret den Anfängen! Was kommt als Nächstes? Nachtwandelnde Chefs, die uns zu nachtschlafender Zeit anrufen? Ich fordere das Verbot aus Prinzip. Und um die vielleicht letzte Chance zu ergreifen, einen Schutzwall um unsere Privatsphäre zu errichten. Wo Arbeit und Freizeit gleichermaßen digitalisiert sind (und das über die Zeitzonen hinweg), ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis sich die Welt des Geldverdienens unbekümmert durch alle Ruhezonen mailt, simst und twittert. Rastlos, ruhlos, zügellos.

Schluss damit. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Sagte schon mein Vater immer. Und der hatte es von seinem Vater. Sicher, das war zu Zeiten, wo man noch zu Fuß zur Arbeit ging und der Postbote an der Tür klingelte, wenn etwas mitgeteilt werden musste: „Telegramm für Sie!“ Heute bimmelt es von morgens bis nachmittags. Nur nicht mehr an der Tür. Auf allen Geräten, durch den Abend mittendurch. Ich sag ja nichts, wenns wirklich wichtig ist. Meinetwegen, wenn ein Auftrag oder ein Kollege in Gefahr ist. Aber wie oft hat man es schon erlebt: Kaum reicht man diesem Gedanken den kleinen Finger, schwupps, ergreift er die ganze Hand. Mitsamt dem iPhone.

Es gibt einfach zu viele Chefs, die es nicht lassen können. Unbekümmert um die Freizeit ihrer Untergebenen ist ihnen schnurzpiepegal, aus welchen Umständen heraus sie da eine Antwort erzwingen. Mitarbeiter, die gerade einen Ehestreit ausfechten, Sekretärinnen, die gerade außer Atem vom Sport oder von noch schöneren Dingen sind, Teamplayer, in denen eine Droge wirkt. Die könnten sich zu Antworten hinreißen lassen, die, nun ja, wenig druckreif sind. Wenns ganz dumm läuft, noch mit „Antwort an alle“.

Die Fackel, die da am kommenden Tag brennt, könnte zum Großbrand werden. Alles schon erlebt. Ob er das unter „Stichwort Fackel“ gemeint hatte?

Autor: Jens-Uwe Jahns