81. Ausgabe, 2. Quartal 2021

Sie sind weg!

Da schlägt die Tür ins Schloss. Noch zwei Treppen, dann kracht auch die Haustür. Die Mädels sind weg. Ich ertappe mich, wie ich – sicher ist sicher – hinter der Gardine stehe und ihnen bis zur nächsten Hausecke nachschaue. Es folgt mein Freudensprung, höher als die Fensterbank. Sie sind weg! Endlich! Schule findet wieder statt. Hoffentlich sehr, sehr lange.

Diese Stille ist einzigartig. Gott sei Dank lernen meine beiden wieder was. Ich habe Höllenqualen gelitten, im Angesicht des Leidens meiner pubertierenden Gören. Wie sie sich gehen ließen, Tag für Tag ein wenig mehr. Am Ende war es schlafen bis Mittag, zocken bis Mitternacht, kein Badezimmerbesuch, kein Kleiderwechsel aus dem Nachthemd. Lernen nur, wenn ich es gar nicht mehr aushielt und soviel Dampf auf die Stimmbänder gegeben habe, dass es so richtig rauchte. Dieses monatelange Pendeln zwischen Bett und Kühlschrank. Als wenn das nicht allein schon furchtbar gewesen wäre. Die missmutigen Mienen, die miserable Laune, der allmählich fauler werdende Geruch aus dem Kinderzimmer ... Ich maß im Homeoffice mit den Mädchen den Puls der Zeit auf. Er war langsamer als die Brockenbahn kurz vor Drei Annen. Meine Kinder siechten vor sich hin und ich hatte alle Mühe, ihnen nicht zu folgen.

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Ganz anders als ich. Homeschooling, Homeoffice, die zig Versuche für sinnvolle Freizeitgestaltung. Und dieses ständige Gekoche ... Manchmal, nachts, schreckte ich auf, loggte mich auf ihre Moodle-Lernplattformen ein und bekam das große Grausen: Ein Mädchen nach dem anderen warf die Flinte ins Korn. Ich kann es verstehen. Lehrer, die Aufgabenblätter in Excel hochladen und ansonsten verschollen bleiben, Pauker, die sich an Abgabeterminen festhalten statt locker Stoff zu vermitteln. Direktoren, die ihre fleißmäusigen Untertanen reflexartig in Schutz nehmen und was von Datenleitungen aus der Kaiserzeit und musealen Computern faseln. Ich hab auch bald nur noch Bahnhof verstanden. Eineinhalb Schuljahre, so leer wie eine hohle Nuss, Monate, so sinnfrei wie „Frauentausch“.

Doch nun, endlich, hat das Leben wieder Struktur. Ein Glück. Noch ein paar Wochen, und 13 Jahre mühsame Erziehung hätte sich in Luft aufgelöst. Die Kids wären mir glatt am langen Arm verdummt: YouTube als Lebenshilfe, Insta als Schulhof- Kommunikation und TikTok als 24-h-Input – das Leben kann so einfältig sein.

Und was mache ich jetzt mit der vielen Freizeit? Die Kinderzimmer von Pizzakartons befreien? Zum Arzt wegen Rauschen im Ohr? Wieder ins Büro oder sogar auf die Straße? Richtig Lust habe ich auf gar nichts. Jetzt weiß ich‘s. Ich kaufe mir eine Hängematte und werde einfach mal abhängen. So wie meine Mädchen die letzten Monate.

juj