1. Ausgabe 2024 | Nr. 92

Homo Digitalis trifft Elon Musk

Cyberpunk X-travaganza

Tech-Megalomanen wie Elon Musk, Jeff Bezos & Co. haben das Spalten von Gemütern zur Meisterdisziplin evolviert. Und sie verändern den technologischen Zeitgeist und ganz sicher die Zukunft. Aber wie? Herzlich willkommen im Gruselkabinett des technoiden Größenwahns und wahnsinnig großartiger Technologie.

Gehirnimplantate, Lieferdrohnen, Raumfahrt 4 Fun, Unsoziale Netzwerke, Mixed-Reality-Brillen: 2024 A. D. leben Sie, werte Leserschaft, in der Zukunft. Lassen Sie sich nicht durch das Fehlen surrender Lichtschwerter und verchromter retrofuturistischer Fahrzeuge täuschen. Science & Fiction haben mehr Schnittstellen als Sie glauben – inklusive Großkonzernen, deren pfiffige CEOs mit Allmachtsfantasien lieber morgen als übermorgen fremde Planeten besiedeln wollen. Die Reihe „Homo Digitalis“ wirft fortan von Zeit zu Zeit auch einen Blick auf die Lenker und Denker gegenwärtiger Technologiebestrebungen.

„Der schnellste Weg wäre, thermonukleare Waffen über den Polen abzuwerfen.“

Elon Musk über die Besiedelung des Mars, 2015

Einführung: Eine megalomanische Geschichte der Technik
Wir wissen nicht, ob es vor 2,6 Millionen Jahren schon Steinzeitmenschen gab, die selbstbewusst Feuerstellen errichtet haben und anschließend in maßgeschneiderten Fellen peinlich durch die Höhlen stolziert sind. Auch über die Persönlichkeit des Universalgelehrten Leonardo da Vinci, der immerhin bereits im 15. Jahrhundert Skizzen für Hubschrauber und Militärgeschütze zauberte, ist zu wenig bekannt, als dass wir an ihm über den Zusammenhang „technische Innovation – Größenwahn“ philosophieren könnten. Da Vinci war vermutlich Vegetarier, aber das wollen wir ihm nicht vorhalten.
Im 19. und 20. Jahrhundert hatte sich Nikola Tesla als Pionier auf dem Gebiet der Elektrotechnik verdingt – Stichwort „Zweiphasenwechselstrom“ – und wurde von Mitmenschen als Gentleman, angenehm und kultiviert beschrieben – obgleich seine Meinung zu starken Frauen ambivalent war. Automobil-Pionier Rudolf Diesel sinnierte zu Beginn des
20. Jahrhunderts über das, was wir heute als Sozialstaat kennen.

Und, liebe Leserinnen und Leser, wie enttäuscht sind Sie gerade? Zu wenig Skandale? Uneingelöste Versprechen in der Überschrift? Zu wenig Welteroberungspläne? Keine Sorge: Hier kommt die Gegenwart!

1995 gründet ein gewisser Jeff Bezos den Online-Buchhandel Amazon.
2000 fusioniert ein junger Tech-Genius namens Elon Musk seinen Bezahldienst X.com mit dem Bezahldienst der Konkurrenz – Ergebnis: PayPal.
2004 launcht der Harvard-Student Mark Zuckerberg das soziale Netzwerk Facebook – öffentliche Entschuldigungen für Verfehlungen werden Routine.

Elon Musk: A Dreamer with a Dream‚ whistling a Dream within a Dream
Elon Musk wird 1971 in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas, geboren; wächst dort mit seinem Bruder Kimbal als Kind des Maschinenbauingenieurs Errol Musk auf; wird in der Schule gemobbt – man habe ihn sogar krankenhausreif geschlagen – und flüchtet sich in das Lesen von Fach- und Sachliteratur. Mit zwölf Jahren programmiert er sein erstes Computerspiel. Bis dahin also die durchschnittliche Hintergrundgeschichte der meisten Comic-Superschurken.

Mit 17 entflieht er dem Wehrdienst und wandert zum Studieren nach Kanada aus; macht seinen Bachelor-Abschluss in Physik und VWL, aber an einer Universität in den USA. 1995 bricht er ein ergänzendes Physikstudium ab und gründet mit seinem Bruder Kimbal im Neuland Internet das Startup „Global Link Information Network“, später nach dem gleichnamigen Produkt umbenannt Zip2. Der Dienst bietet Markierungen und Werbeflächen für Unternehmen auf digitalen Landkarten an, am ehesten vergleichbar mit dem, was Nutzer in der Gegenwart mithilfe von Google Maps erledigen. 1999 kauft der damalige Computerriese Compaq das Unternehmen für 307 Millionen US-Dollar; Elon Musk erhält 22 Millionen und wird schlagartig zum Multimillionär. Er kommt auf den Geschmack: Unternehmensgründungen fetzen! Er hat schnell den Ruf eines stoischen Arbeitstiers. Verschiedene Outlets werden in diversen Porträts Elon Musks „120-Stunden-Woche“ erwähnen und auch, dass er teilweise an seinem eigenen Geburtstag arbeitet. Wie viele Menschen in unzähligen Branchen an ihrem Geburtstag ebenfalls arbeiten und wie viele US-Amerikaner aufgrund eines maroden Sozialsystems mit drei Jobs keine Milliardäre werden – das muss an anderer Stelle überdacht werden.
Kurz vor der Jahrtausendwende werkelt Musk an einem Onlinebezahlsystem: X.com. Der Dienst fusioniert 2000 mit einem Konkurrenzprodukt und wird zu dem wichtigsten Bezahldienst der Gegenwart PayPal. Die dann ungenutzte Domain „X.com“ kauft Elon Musk 2017 zurück.

Ohne dass es zum Thema gehören würde: Wussten Sie, dass „Musk“ übersetzt „Moschus“ bedeutet? Und wussten Sie ferner, dass der Begriff u. a. aus dem Altindischen stammt und „Hoden“ bedeutet? Internet: herrlich!

X: Nachtigall, ick hör
Dir twittern
2006 geht Twitter an den Start. Die Presse ist sich uneinig: Microblogging, Social Network, Selbstdarstellung? 2010 zeigt sich Twitter in neuem Design, mit neuen Funktionen, inkl. Video- und Bildernutzung. 2014 schärft sich das Design mit Profilfoto und -text mehr Richtung Social Network. 2022 kauft Elon Musk – nach einem Business-Drama – das Unternehmen Twitter Inc. für 44 Milliarden US-Dollar. Ein Jahr später beginnt das Re-branding: aus Twitter wird X; aus Twitter Inc. die X Corp.; twitter.com leitet um auf – Na, wer hat aufgepasst? – X.com! In der Gegenwart von 2024 „x’t“ noch niemand, man „twittert“ nach wie vor und setzt einen „Tweet“ ab. Aber Elon Musk ist davon überzeugt, die Meinungsfreiheit wiederhergestellt zu haben, u. a. weil er den Account des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump wieder freischaltet.

Neuralink:
Der Weg zum Cyborg
Wer Elon Musks Liveauftritte verfolgt, muss sowieso denken, einem Androiden bei der holprigen Menschwerdung zuzusehen. Einige seiner Bestrebungen funktionieren aber auch andersherum, die Nachrichten berichteten davon: Elon Musks Unternehmung Neuralink hat das erste Mal das hauseigene Gehirnimplantat – der münzgroße Chip mit der Bezeichnung „N1“ wird operativ direkt ans Gehirn angelegt – in einen Menschen verpflanzt. Diese Technologie wird als BMI bezeichnet, Brain Machine Interface (Gehirn-Computer-Schnittstelle), und soll u. a. Querschnittsgelähmten auf lange Sicht die Motorik zurückgeben, ja: Rollstuhlfahrer sollen wieder laufen können.
Absolut alles, was Sie, liebe Leserschaft, tun, beginnt als elektrischer Impuls im Gehirn. BMIs/Gehirnchips fangen diese Gehirnströme ab, eine Software interpretiert diese als entsprechende Steuerbefehle. Damit soll kurzfristig Elektronik wie Smartphones, Computer etc. bedient werden können. Mittelfristig will Musk Blinden das (digitale) Augenlicht zurückgeben, querschnittsgelähmten Menschen das Laufen und generell eine drahtlose Steuerung von Exo-Prothesen ermöglichen. Langfristig träumt er von einer Anbindung an Künstliche Intelligenz. Forscherinnen und Forscher auf der ganzen Welt zeigen sich abwechselnd beeindruckt von der Ingenieursleistung hinter dem Chip. Sie werden aber auch nicht müde zu erwähnen, dass es niemandem hilft, die Erwartungshaltung bis ins Unendliche zu steigern und unsachliche Formulierungen wie „Gedanken auslesen“ zu verwenden. Alle Funktionen, die über das Auslesen von Gehirnströmen hinausgehen, sind trotz aller respektablen Erfolge nach wie vor Fiktion. Aber selbst wenn, ist es doch unfassbar beruhigend, dass die Macht dieser Technologie in den Händen eines Mannes liegt, der „X Corp.“ für einen seriösen Firmennamen hält.

Lesen Sie dazu auch: „Homo Digitalis und sein Herz aus Stahl“, Server-Ausgabe 76 und jederzeit online.

SpaceX: Fly me to the Moon
Elon Musks Unternehmungen verändern die Technologie der Gegenwart. Manche Ideen fahren auch gnadenlos gegen die Wand. Das allein soll nicht vorgehalten werden, wo gehobelt wird und so weiter. Es ließe sich schlichtweg besser verdauen, wenn Musk vorher nicht jedes Mal mit seinem ungebremsten Götterkomplex auf die Menschheit losgehen würde. Das High-Speed-Train-Projekt Hyperloop wurde 2022 still und heimlich zu Grabe getragen. Das Schnell-und-günstig-Tunnelbauprojekt The Boring Company entpuppt sich nach und nach als ein aufgeblasener Reinfall.

Das Unternehmen SpaceX hingegen ist ein Phänomen und maßgeblicher Treiber der kommerziellen und privaten Raumfahrt. Hier und da explodiert mal eine Rakete, aber hey, immerhin fliegen SpaceX-Transporteinheiten seit 2012 regelmäßig zur Weltraumstation ISS. Außerdem erforscht das Unternehmen wiederverwendbare Raketenbauteile. We like. Zu Musks ambitionierten Zielen mit SpaceX gehört die Besiedelung des Mondes und des Mars.

Vielleicht erholen sich die Mietpreise auf der Erde ja dann wieder ein bisschen.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: ZDF.de, „Musk: Chip in …“ vom 30.01.2024; BBC.com, „Neuralink: …“ vom 04.02.2024; WDR.de, „Computerchip im Gehirn: …“ vom 31.01.2024; Wikipedia.de, „Nikola Tesla“, abgerufen am 06.02.2024; Ingenieur.de, „Die Utopie …“ vom 12.08.2011; Time.com, „Mark Zuckerbergs …“ vom 02.02.2024; BBC.com, „Elon Musk’s …“ vom 09.04.2021; Handelsblatt.de, „So wurde …“ vom 27.08.2018; Starting-Up.de, „Elon Musk und Zip2“, abgerufen am 12.02.2024; ZDF.de, „Chronologie …“ vom 28.10.2022