3. Ausgabe 2024 | Nr. 94

Homo Digitalis und sein digitaler Besitz

Der Schrecken vom Amazon.com

Jeff Bezos ist einer der Gründerväter der United States of E-Commerce. Er hat aus einem Buchhandel eine globale Wirtschaftsmacht gemacht. Herzlich willkommen im Gruselkabinett des technoiden Größenwahns und wahnsinnig großartiger Technologie.

1995 gründet ein gewisser Jeff Bezos den Online-Buchhandel Amazon in einer Garage. 2025 will er ca. 50 Millionen seiner Amazon-Aktien verkauft haben. Gegenwert: 7,8 Milliarden US-Dollar.

„Ich wollte eine Frau, die mich aus einem Gefängnis in der Dritten Welt herausholen konnte. Das Leben ist zu kurz, um mit Leuten abzuhängen, die einfallslos sind.“

Jeff Bezos über Ansprüche an seine Lebensgefährtin, 2013

Weitermachen, wo du aufgehört hast …
Fleißige Server-Leser haben sicherlich gerade ein Déjà-vu. In Zeiten von Intellectual Properties, Markenaufbau, Spin-offs und so weiter, haben wir uns dazu entschieden, eine Reihe in der Reihe fortzuführen. Im modernen Streaming-Dschungel würde man solch ein Konzept vielleicht wie folgt betiteln: „Serientitel X präsentiert: Serientitel Y“ oder „Serientitel Z: Aus der Welt von Serientitel W“
Wiedererkennung ist Trumpf!
Wir begrüßen Sie also zurück, zu unserer Porträt-Reihe, über Menschen, die unsere digitale Gegenwart geformt haben – ob wir es wollten oder nicht.

Der Mensch im digitalen Wandel präsentiert:

Homo Digitalis trifft:
Aus der Welt von Jeff Bezos
Na, haben Sie schon die anderen 19 Episoden der Hauptreihe konsumiert? Nicht? Kein Problem. Unter server-lesen.de finden Sie die ganzen wilden Abenteuer des digitalen Wandels! Und unser Algorithmus sagt uns, dass SIE die richtige Zielgruppe dafür sind!

Jeff Bezos: Bestseller für Besteller
1964 wird Jeffrey Preston Jorgensen in Albuquerque, New Mexico, USA geboren. Sein leiblicher Vater ist professioneller Einrad-Hockey-Spieler und arbeitet – ironischerweise – in einem Zweiradfachgeschäft. Ob verschiedene Vorstellungen von Profi-Sport die Eheleute auseinandertreiben ist nicht bekannt, aber bereits 1968 heiratet Mutter Jacklyn den Exil-Kubaner Miguel Bezos, Namensretoure inklusive – aus Jeffrey Jorgensen wird Jeffrey ‚Jeff‘ Bezos. Verschiedene Quellen ergehen sich nun etwa in hymnenhafte Details. So soll er bereits in seiner Jugend Interesse an Technik und Naturwissenschaften zeigen, ist 1982 Abschlussjahrgangsbester an der University of Florida, fabuliert dort schon von der Besiedlung des Alls und schreibt sich im gleichen Jahr an der Princeton University im Hauptfach Physik ein, wechselt später aber zu Elektroingenieurwesen; Abschluss 1986. Bis dahin ein normaler Lebenslauf, den tausende andere US-Amerikaner sicherlich in ähnlicher Form vorweisen können, ohne drei Dekaden später zu den drei reichsten Menschen auf dem Planeten zu gehören. Aber Jeff Bezos hat etwas, das viele andere eben nicht haben: eine Garage!

Amazon: Kunden kauften auch …
Zwischen 1987 und 1994 passieren drei entscheidende Dinge: 1987 kehren nach über zehn Jahren endlich wieder rote M&Ms in die Tüten zurück! (Hat nichts mit dem Thema zu tun, aber hätten Sie es gewusst?)

1993 heiratet Jeff Bezos seine Kollegin MacKenzie Scott. Beide haben sich Ende der Achtziger auf administrativer Ebene in der Investitionsspelunke D. E. Shaw kennengelernt. In der Ehe finden vier Kinder statt – davon drei aus eigener Produktion und ein schneller Versand aus Übersee. Die Ehe wird 2019 geschieden. Im gleichen Jahr verlobt sich Bezos mit TV-Gesicht Lauren Sánchez.

1994 verzeichnet die Internetnutzung ein Plus von 2300 Prozent. Jeff und MacKenzie Bezos erkennen die Zeichen der Zeit, kündigen ihre Jobs, ziehen (aus steuerlichen Gründen) nach Bellevue, Washington, und gründen am
5. Juli den Online-Buchhandel Cadabra Inc. Im November des gleichen Jahres wird aus Cadabra Amazon.com Inc. „Cadabra“ klingt zu sehr nach „Cadavre“ (Kadaver) und ein Firmenname mit A wird schneller gefunden. Clever, nimm das „Zeiss“!
Am 16. Juli 1995 geht Amazon.com online. Die regionale Seatle Times frotzelt dazu:

„Es gibt einen großen, neuen Buchladen in der Stadt – und es gibt einen Haken: Sie finden ihn auf keinem Stadtplan von Seattle. Wenn Sie also durch die Regale schlendern und das Sortiment durchstöbern möchten, müssen Sie sich ins Internet einwählen.“

Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass diese Firmengründung 25 Jahre später maßgeblich zu Headlines wie „Handelsverband warnt vor Ladensterben“ führen wird. 1997 geht das Unternehmen bereits an die Börse und erweitert 1998 das Sortiment um Musik und Filme. Amazon expandiert schnell und beginnt ab 1999 mit der Übernahme verschiedener anderer Firmen. Eine Auswahl:

• 2008 erwirbt Amazon den Hörbuch-Service Audible für 300 Millionen US-Dollar.
• 2014 kauft Amazon die Live-Streaming-Services Twitch für insgesamt 970 Millionen US-Dollar.
• 2021 kauft Amazon Hollywoods Traditionsstudio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) mit Marken wie „RoboCop“, „Poltergeist“ und „James Bond“ für 8,4 Milliarden US-Dollar. Die hauseigene Filmproduktion wird zu „Amazon MGM Studios“.

Die Liste ist lang. Weitere Amazon-Tochterfirmen: AbeBooks, BoxOfficeMojo, Goodreads, IMDb, Wondery, Woot.
2008 startet der optionale kostenpflichtige Service Amazon Prime. Dieser bietet für einen jährlichen Festbetrag kostenfreien Versand und u. a. Zugang zum 2007 gestarteten hauseigenen Streamingdienst Amazon Music an. In der Gegenwart inkludiert Amazon Prime die hauseigenen Services Music, Video, Gaming und Reading. Eine Kampfansage an Spotify, Netflix & Co.
2021 zieht sich Jeff Bezos als Geschäftsführer (CEO) aus dem operativen Geschäft bei Amazon zurück, bleibt aber im Verwaltungsrat. Zu diesem Zeitpunkt ist Jeff Bezos rund 211 Milliarden US-Dollar schwer. Er will sich mehr auf seine anderen Aktivitäten konzentrieren.
Blue Origin:
Die teuersten 10 Minuten der Welt
2018 lässt Jeff Bezos in einem Interview mit Business Insider ein mittlerweile infames Statement vom (Aktien)Stapel:


„Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, so viel Geld einzusetzen, ist, meine Amazon-Gewinne in die Raumfahrt zu investieren. Das ist im Grunde alles.“
Diese Aussagen kommen nicht von ungefähr. So wie auch Elon Musk träumt Jeff Bezos bereits um die Jahrtausendwende aktiv von Raumfahrt und gründet 2000 das Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Nach 20 Jahren Forschung erfüllt sich 2021 ein Traum: Jeff Bezos fliegt ins All. Der Sub-Orbital-Flug, in einer Höhe von knapp 107 Kilometern über dem Erdboden, dauert ca. 10 Minuten. Mit an Bord des hauseigenen Shuttles „New Shepard“, sind Halbbruder Mark Bezos, die 1939 geborene Berufspilotin Mary Wallace ‚Wally‘ Funk und das Multimillionärs-Söhnchen Oliver Daemen, dessen Vater für die Reise 28 Millionen (!) US-Dollar gelöhnt hat.

Stand 2024 ...
• bestehen Pläne für eine kommerzielle Weltraumstation;
• hat sich Blue Origins System für wiederverwendbare  Raketen bereits mehrfach bewährt und wird die Kosten für kommerzielle Raumfahrt langfristig senken;
• hat Blue Origin ein Antriebssystem auf Basis von flüssigem Sauerstoff und Erdgas vorgestellt;
• wurde ein Vertrag mit der US-Weltraumbehörde NASA geschlossen; Ziel ist die Rückkehr auf den Mond ab 2029 und von dort aus das Projekt Marsraumfahrt.

Sicherlich dauert es nicht lange, bis Familie Schulz seine Amazon-Pakete schnurstracks auf die Mondstraße 14b geliefert bekommt.

Zahlungsart wählen und jetzt kaufen
Der Vollständigkeit halber: Jeff Bezos spendet regelmäßig für wohltätige Zwecke, hier mal 10 Milliarden gegen den Klimawandel (2020), dort mal 123 Millionen gegen Obdachlosigkeit (2022) und wann anders mal 1 Million für die Freiheit der Presse (2017). An dieser Stelle wollen wir nicht noch auf den letzten Metern in Kapitalismuskritik verfallen, aber – 211 Milliarden US-Dollar Vermögen, das sieht ausgeschrieben so aus: 211.000.000.000

Bitte wählen Sie Ihre Zahlungsart.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: BusinessInsider.com, „Jeff Bezos’ …“ vom 04.11.2013; TechnologyReview.com, „Meets Altos Labs …“ vom 04.09.2021; BusinessInsider.de, „Jeff Bezos …“ vom 22.04.2024; WashingtonPost.com, „Jeff Bezos …“ vom 08.08.2013; FastCompany.com, „Inside …“ vom 01.08.2004; SeatleTimes.com, „Amazon…“ vom 16.08.2019; ZDF.de, „Handelsverband …“ vom 24.04.2023; Wikipedia.org, „List of Mergers …“, abgerufen am 15.08.2024; Fortune.com, „Jeff Bezos …“ vom 07.07.2021; BusinessInsider, „Jeff Bezos …“, Video vom 28.04.2018; NYTimes.com, „Bezos …“ vom 20.07.2021; FoodReference.com, „Food History …“, abgerufen am 15.08.2024