2. Ausgabe 2024 | Nr. 93

Homo Digitalis und sein digitaler Besitz

THE MaaS EFFECT

Gekaufte Games werden abgeschaltet. Musik und Filme sind nicht überall verfügbar. Und wer kauft eigentlich noch CDs und Blu-rays? Triple-A-Games passen eh schon lange nicht mehr auf physische Datenträger. Aber was ist eigentlich mit den Besitzrechten an digitalem Content? Unser Nutzungsverhalten ändert sich – die Besitzverhältnisse ebenso.

Filmabend. Sie scrollen durch Netflix, Prime Video, Disney Plus: „Folgende Titel sind bald nicht mehr verfügbar:“ – okay. Uh, eine Idee. Wer streamt eigentlich die Harry Potter-Filme? Kurz auf werstreamt.es schauen. Ach, schau an, bei genau einem Streamer ist der Film inkludiert. Mist, der einzige Dienst, den Sie nicht abonniert haben. Hm, sollen Sie den Film für 3,99 Euro „ausleihen“ oder vielleicht doch gleich für 11,99 Euro kaufen? Dann hat man ihn wenigstens mal da. Obwohl … hat man?

„Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.“

Friedrich Nitzsche

MaaS: Media as a Service
Das digitale Leben wird zunehmend von AAS-Modellen bestimmt. Heißt nicht, dass gleich die Geier über einen herfallen, aber je nach Bereich kann das ähnlich schweißtreibend werden. AAS steht für „as a Service“ und beschreibt einen Service, ein Angebot oder eine Dienstleistung im Kontext von langfristigen Bezahlmodellen und On-Demand-Inhalten. Das bezieht sich auf Filme, die auf Abruf in digitalen Katalogen wie Netflix zur Verfügung stehen, eBooks, aber auch das Erstellen und vor allem Hosten von Websites gegen monatliche Gebühren. Auch hochpreisige Computerspiele funktionieren in der Gegenwart nach diesem Modell und sind darauf ausgelegt, neue Nutzer langfristig zu binden – etwa via In-Game-Käufen von Inhalten, die gefühlt keinen Mehrwert bieten, sondern nur noch Inhalte freischalten, die womöglich sowieso vorhanden waren.
Dieses Modell bringt natürlich auch Vorteile mit sich. Dazu zählt etwa der unkomplizierte Zugriff auf ein teils maßgeschneidertes Angebot – wir alle wissen, wie es sich auswirkt, wenn wir auf Netflix mal ein Anime geschaut haben. Angebote wie „Shopify“ ermöglichen es Nutzern, gegen eine monatliche Gebühr, mit vergleichsweise wenig Aufwand selbst einen Onlineshop zu betreiben. Im Gegenzug entstehen natürlich auch gewisse Abhängigkeiten und die unklare Rechtslage in Bezug auf Online-Inhalte.

MaaS EFFECT – Part I:
Das Modell Spotify, Deezer & Co.
Mit Sicherheit hat Spotify nicht nur das Musikstreaming salonfähig gemacht, sondern auch die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, verändert. Warum sich eine CD mit einem einzigen Album für 10 bis 17 Euro kaufen, wenn ein Abo bei Spotify mit Zugriff auf Millionen Musikstücke, Hörspiele und Podcasts ebenfalls nur knapp 11 Euro kosten?
Das ist eine gute Frage und fasst vielleicht das MaaS-Modell besonders gut zusammen. Mit einem Abo kann ich die Musik auch offline hören, mir auf meinen Musikgeschmack maßgeschneiderte Musikempfehlungen anhören. Sobald ich das Abo aber einstelle oder gar meinen Account ganz lösche, ist das Musikerlebnis eben dahin. Egal, wie viel Euro ich bis dahin in den Dienst investiert habe: Die heruntergeladene Musik ist dann weg – zumindest so lange, bis ich das Konto reaktiviere. Und in einer durchmedialisierten Gesellschaft, in der Homo Digitalis sich auch über persönlichen Geschmack definiert, in dem es die eigens kuratierten Feel-Good-Playlists gibt, Herzschmerz-Podcast-Episoden oder diese ganz bestimmten Hörspiele, kann ein Verlust all dieser Features ein schwerwiegendes Ereignis sein.
Bis vor ein paar Jahren war bei Amazon das Feature „AutoRip“ ein Bonus für Nutzer. Hat man eine physische Audio-CD gekauft, gab es bei vielen davon die Möglichkeit, den CD-Inhalt kostenfrei zusätzlich als MP3 herunterzuladen. So konnte man z. B. eine CD verschenken und sich gleichzeitig selbst das Album in digitaler Form herunterladen. Heutzutage ist es kaum noch möglich MP3s zu kaufen und unverschlüsselt auf den eigenen Endgeräten zu lagern. Heruntergeladene Dateien von Amazon, Spotify und Co. sind mit digitalem Kopierschutz versehen: kein Konto – kein Abspielen.

Musikstreaming hat aber auch die Musik selbst verändert: kürzere Titel ohne Intro; es muss sofort losgehen. RBB24 hat in einem Artikel zum Thema ein wunderbares Beispiel angebracht. Im Erfolgssong „Komet“ treffen zwei passionierte Sonnenbrillenträger verschiedener Generationen aufeinander: Udo Lindenberg und Apache207.

Zitat, GEMA: „Der längstplatzierte Nummer-1-Hit aller Zeiten und der erfolgreichste Top-10-Hit überhaupt: ‚Komet‘ hat deutsche Musikgeschichte geschrieben.“
Abrufzahlen: 300 Millionen Abrufe in 2023.
Laufzeit: 2:47 Minuten – etwa solange, wie Sie vermutlich gebraucht haben, um diesen Abschnitt zu lesen, weil Sie zwischendurch den eben erwähnten Song gesucht und abgespielt haben. Auf Spotify?

MaaS EFFECT – Part II:
Das Ammenmärchen der digitalen Videothek
Und, haben Sie nach dem Eingangsbeispiel auch mal überlegt, ob Sie die Harry Potter-Filme im Regal stehen haben? Vielleicht steht daneben ja eine Sammleredition Ihres Lieblingsfilms. Sie nehmen die Scheibe aus der Verpackung, legen sie ein und das einzige, was Ihnen jetzt noch in die Quere kommen könnte, sind die eigenwilligen Regionalcodes bei DVDs und Blu-rays die mit dem jeweiligen Abspielgerät kompatibel sein müssen – ganz sicher bald ein technisches Relikt. Vielleicht rufen Sie Ihren Lieblingsfilm aber auch aus einer Ihrer digitalen Videotheken ab, etwa bei Amazon, Google,
YouTube etc. Ob die Filme überhaupt irgendwie zum Kauf stehen oder gar im Angebot inkludiert sind, hängt in erster Linie von den Lizenzvereinbarungen zwischen den Streamern und den Distributoren ab. Lieblingsserien und -filme, die heute noch auf Netflix laufen, könnten nächsten Monat nicht mehr verfügbar sein. Die Gründe dafür sind verschieden. So wird eventuell Content von einer Plattform abgezogen, weil gerade ein neues Streamingangebot in den Startlöchern steht.
Schaut man sich die Preisgestaltung der digitalen Käufe an, könnte man den Eindruck gewinnen, Amazon & Co. wollten einen geradezu zurück zu physischen Medien bringen. Leihpreise von bis zu 5 Euro, Kaufpreise bis zu 12 Euro – oft ohne Sprachoptionen – da wirken die 8 bis 12 Euro für eine physische Blu-ray geradezu günstig. Außerdem und auch wenn es heutzutage kaum vorstellbar ist: Wenn das Internet ausfällt, fällt der Filmabend auch aus. Und auch, wenn kapitalistische Alptraumszenarien nicht der Kern dieses Artikelformats sein sollen: Digitale Filmangebote hängen letztendlich immer an den Deals zwischen Plattformen und Distributoren. Werden diese zwei sich nicht mehr einig, können Titel theoretisch aus dem Programm fliegen – ersatzlos.
Per Nutzungsbedingungen erwirbt der Nutzer lediglich ein zeitlich unbegrenztes Recht, diese Inhalte zu nutzen. Kurz- um: Wenn Sie Ihr Amazon-Konto löschen, können Sie sich auch von den gekauften Inhalten verabschieden – egal, ob Sie diese nun heruntergeladen haben oder nicht. Ein digitaler Kopierschutz macht es möglich.

MaaS EFFECT – Part III:
#StopKillingGames
Für diesen Punkt braucht es gar kein großes Drumherum, sondern nur ein aktuelles Beispiel. Im Netz mobilisieren sich gerade Fans des Online-Rennspiels „The Crew“. Nach zehn Jahren schaltet das Studio Ubisoft die Server für das Spiel ab und macht die Nutzung damit de facto unmöglich. Das Spiel stirbt. Ein Spiel, für das Spieler weltweit Geld bezahlt haben und welches jetzt ersatzlos gestrichen wird. Derzeit nutzen noch knapp 12 Millionen Spieler das Game, an mangelndem Interesse hängt die Abschaltung wohl nicht.
Computerspiele sind zunehmend ausschließlich online spielbar – auch Singleplayer. Kurz gesagt: Spieler sind auch bei Kauf eines Vollpreistitels oft von der Serverstruktur der Spielehersteller abhängig.
Die Bewegung „StopKillingGames“ setzt sich dafür ein, dass Spielehersteller den Support für einen Titel nicht einfach einstellen dürfen, ohne den aktiven Spielern eine Art privates Hosting zu erlauben oder den Titel eben offline spielbar zu machen.

MaaS EFFECT: Fazit
Media as a Service ist kein Teufelszeug. Es ist im Prinzip eine Verschlankung von Prozessen für Anbieter und Nutzer. Das große „Aber“ ist die Rechtelage. Haben uns die damals aufkeimenden Heimmedien ein Stück mediale Selbstbestimmtheit zurückgegeben, weil wir uns Filme und Spiele nun endlich angucken konnten solange und wann wir wollten, steht genau diese Selbstbestimmtheit in der Gegenwart wieder ein bisschen auf der Kippe. Wenn E-Books seitens der Verleger remote verändert werden können, Inhalte aus digitalen Bibliotheken entfernt oder zumindest nicht zugänglich gemacht werden – dann wünscht man sich fast ein bisschen die VHS zurück.

Aber nicht das Zurückspulen vergessen!

Autor: Robert Gryczke

Quellen: MSN.com, „Gamer-Initiative …“ vom 02.05.2024; PrimeVideo.com, „Nutzungsbedingungen“ vom 19.10.2023; Medium.com, „Is Spotify …“ vom 20.04.2024; RBB24.de, „Musik-Streaming …“ vom 28.05.2024; StopKillingGames.com, abgerufen am 12.05.2024; Eurogamer.de, „The Crew … “ vom 17.12.2023