E-Commerce macht den Innenstädten zu schaffen
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68. Ausgabe, 1. Quartal 2018

E-Commerce macht den Innenstädten zu schaffen ...

... doch es gibt gute Chancen, den Wandel mitzubestimmen

Der stationäre Einzelhandel steht vor der schwersten Krise seiner Geschichte. Und damit steht zugleich auch die Urbanität der Städte auf der Kippe. Schon jetzt ist das Ladensterben in den Boulevards, Einkaufsstraßen und Shoppingcentern nicht mehr zu übersehen. In der Landeshauptstadt Magdeburg machten alleine im Januar 2018 acht inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte in der Innenstadt dicht.

Die Krise hat längst das ganze Land erfasst. Der Handelsverband Deutschland (HDE) geht von einem Verlust von 50.000 Geschäften in den nächsten Jahren aus und warnt schon länger vor sinkenden Käuferzahlen und einer Verödung der Stadtzentren. Für 2017 rechnete HDE-Verbandschef Stefan Genth vor Wochen noch mit einem Umsatzplus von mageren zwei Prozent auf 492 Milliarden Euro und vermutete, dass der Online-Handel zweistellig zulegen wird: um elf Prozent auf 48,8 Milliarden Euro. Inzwischen hat der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) konkrete Zahlen für 2017 vorgelegt: Demnach kauften die Verbraucher in Deutschland im vergangenen Jahr Waren für 58,5 Milliarden Euro ein. Damit entfiel jeder achte Euro des gesamten Einzelhandelsumsatzes auf den Handel im Internet. Die größten Umsätze im Internet erreichen Bekleidung, Elektronik, Computer und Schuhe, die zusammen mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes ausmachen.

Zunehmend auf dem Vormarsch sind Haushaltswaren, Möbel und Inneneinrichtung sowie Waren des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel, Drogerieartikel und Tierbedarf. Der Umsatz mit Lebensmitteln im Internet hat 2017 erstmals die Milliardengrenze überschritten. Damit hat sich der Online-Anteil binnen einer Dekade von vier auf fast 13 Prozent katapultiert. Immer mehr Einzelhändler wissen, was auf sie zukommt:

„Appelle nützen nichts mehr. Der Mensch ist genetisch zur Faulheit verdammt. Wenn ihm etwas nützt und noch dazu bequem ist, dann wird er es tun. Couch-Shopping ist dafür nur ein weiteres Beispiel.“

Für Sirko Siemssen, Handelsexperte der Beratungsfirma Oliver Wyman, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der naivste Verbraucher den Wandel zu spüren bekommt: „E-Commerce wird nicht alle Standorte ausradieren, aber an vielen Stellen kommt es zu einem Teufelskreis“, sagt er. „Erst gehen einige Händler weg, dann geht es mit dem Standort bergab, und am Schluss ist er tot.“ Die „Welt am Sonntag“ zitiert Wyman mit den Worten: „Es wird tektonische Verschiebungen in der Branche geben.“ Gemeint ist damit faktisch eine Halbierung des stationären Angebotes: „In zehn bis 15 Jahren wird jedes zweite Filialunternehmen vom Markt verschwunden sein – der Rest aufgekauft oder fusioniert. Die nackten Zahlen treiben den Geschäftsleuten die Angst ins Gesicht. Denn unumstößlich ist, dass bereits 52 Prozent der Kunden Elektrogeräte und Computer über das Internet ordern, bei Textilien und Schuhen sind es 43 Prozent.

Die Studie „Trends im Handel 2025“ beschreibt haarklein den Niedergang des stationären Handels. Über den gesamten Einzelhandel hinweg werden zwar nur rund zehn Prozent aller Artikel online geordert, doch der Internet-Anteil wird sehr wahrscheinlich pro Jahr zwischen vier und neun Prozent zunehmen. Marktanalysten wie Markus Wotruba sagen voraus, dass viele selbstständige Einzelhändler nicht überleben und kleinere Städte künftig nur noch der Nahversorgung dienen werden. Kreditgeber legen Immobilienbesitzern in Großstädten wie Magdeburg, Leipzig oder Halle wärmstens ans Herz, ihre Läden in B-Lagen zu Wohnungen umzubauen.

Auch der Warenlogistik steht eine Revolution bevor: Algorithmen und künstliche Intelligenz übernehmen viele Routineaufgaben im Einkauf und in der Angebotssteuerung – besser und schneller als menschliche Entscheider. 

„Handelsunternehmen werden schon bald mit wenigen begabten Köpfen und Händen viel mehr erreichen können als heute mit großem Personaleinsatz“, sagt Siemssen. 

In den Filialen nimmt der Technikeinsatz ebenfalls rasant zu, bis hin zu selbstfahrenden Lieferwagen. Immer mehr Arbeitsplätze im Handel sind in akuter Gefahr. 2016 waren noch 23.000 Jobs hinzugekommen. Jetzt kursieren Zahlen von einem Jobabbau in mindestens doppelter Größe binnen fünf Jahren.

Doch wo Schatten ist, da ist auch Licht. Margaret Stange-Gläsener, Managerin des größten innerstädtischen Einkaufscenters Sachsen-Anhalts, sagt: „Ich bin fest davon überzeugt, dass den Menschen das Couch-Shopping auf Dauer nicht reichen wird. Sie  wollen sehen, fühlen, riechen und hören, was sie sich in ihre vier Wände holen. Menschen wollen mit anderen Menschen Gemeinsames er-leben und sich nicht nur einsam dem Kaufrausch auf der XXL-Liege hingeben. Der Einzelhändler, der seinen Kunden im Geschäft und im Netz begrüßt und alle Kanäle gleich gut bedient, der wird auch künftig erfolgreich sein.“

Eine weitere Überlebensstrategie für kleine Kaufleute ist der Rückzug als lokaler Nischenanbieter, der die Möglichkeit hat, flexibler und genauer als jeder Konzern auf Kundenwünsche einzugehen. Für das Gros der Branche aber stehen unweigerlich Neuordnung und Internationalisierung auf dem Plan.

Vor Ort sind sich alle einig, dass die Innenstadt- und Gewerbevereine und die Kommunen einfach mehr machen müssen. Die To-do-Liste ist weder neu noch Hexenwerk: einheitliche Öffnungszeiten in einem Stadtzentrum, ein WLAN-Netz für alle Geschäfte, ein guter Mix aus Branchen und Gaststätten. Dabei geben die Darwinschen Gesetze die Richtung vor: Wer nicht mitmachen will oder kann, um den muss man sich nicht weiter kümmern. Die anderen müssen eine Allianz der Besten bilden.

Allee-Center-Managerin Stange-Gläsener weiß auch:

„Einkaufen kann man überall, dies aber mit einem Kultur- oder Sporterlebnis zu verbinden, das funktioniert im Internet nicht. Klar, man spart Parkgebühren und Zeit, doch es fehlt eine breite und abwechslungsreiche Gastronomie, ein Park mit Platz für Kind und Hund, eine Bootsfahrt kann man ebenso vergessen wie den Besuch eines Innenstadtfestes oder Weihnachtsmarktes. Nein, nein, die Kunden kommen in die Städte, weil sie eben mehr möchten als nur ein Produkt zu kaufen.“

Sie glaubt, dass die Menschen, „je mehr sie mit medialen Reizen überflutet werden“ immer mehr Sehnsucht nach Urbanität, nach dem Ursprünglichen, dem Puls des Lebens haben. Innenstädte, die sich nicht geschlagen geben, haben tatsächlich noch die Chance, mit Gestaltung, Ambiente, Erlebnischarakter und Angebots- bzw. Sortimentsvielfalt zu punkten. Andererseits führen Defizite im Warenangebot aus Konsumentensicht zu drastischen Einbußen der Attraktivität. Darunter haben vor allem kleinere Städte zu leiden.

Und noch eins: Bisher haben sich die städtischen Wirtschaftsförderer eher um das Gewerbe gekümmert – es ist Zeit, sich stärker der Rettung des Einzelhandels zu widmen. In Magdeburg hat man dies z.B. erkannt. Mit einem sechsstelligen Betrag versucht die öffentliche Hand die Auswirkungen einer langjährigen Innenstadtbaustelle auf den City-Handel zu dämpfen. Marketing und Werbung sollen Einbrüche bei Besucherzahl und Umsatz verhindern. Am Rückgang der Einzelhandelsumsätze wird sich trotzdem wohl nichts ändern lassen. Noch aber besteht die Chance, den Wandel aktiv mitzugestalten.

Autor: juj