Estland als digitaler Pionier
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56. Ausgabe, 1. Quartal 2015

Estland als digitaler Pionier

Der große Sprung des baltischen Tigers

Was fällt Ihnen als Erstes zum Begriff Estland ein? Holzbau? Blockhaus? Ostsee? Baltischer Tiger? Na, da wissen Sie doch schon mehr über das nördlichste Land des Baltikums als die meisten  Deutschen. Doch wäre Ihnen auch in den Sinn gekommen, dass sich die Esten gern als „digitale Revolutionäre“ bezeichnen? Sie sind es aber tatsächlich: Keine andere europäische Nation ist als digitale Informationsgesellschaft so fortschrittlich wie dieses kleine Land, größer als die Schweiz, kleiner als Niedersachsen. Neuester Clou der onlineverrückten Nation: Jeder Mensch auf dieser Welt darf ein Este werden, ein sogenannter e-Este. Wozu das gut ist? Lesen Sie selbst.

Der neue EU-Kommissar für den digitalen Binnenmarkt ist ein Este. Sein Name: Andrus Ansip. Das ist kein Zufall, sondern ein Beweis. Nämlich dafür, dass Estland tatsächlich die am weitesten fortgeschrittene Informationsgesellschaft der Welt ist. Das wissen und bewundern viele auch außerhalb der Landesgrenzen. Rund 99 Prozent des Landes sind mit einem kostenlosen Hotspot-Netz abgedeckt. Wer keinen eigenen Rechner besitzt, geht über öffentliche Terminals ins Netz. Nahezu jede Schule im Land ist online. Gewählt wird per SMS oder im Internet. Dokumente lassen sich digital signieren. Herzstück der beispiellosen Digitalisierung des Alltags ist die „ID kaart“, ohne die im Land so gut wie nichts geht. Innerhalb Estlands ist die Verwendung eines Personalausweises für alle Esten seit Jahren Teil des öffentlichen Lebens. Auf der vom Staatsbürgerschafts- und Migrationsamt ausgestellten „ID kaart“  gibt es ein Foto. Sie dient – wie ein deutscher Personalausweis – auch als Reisedokument innerhalb der EU, allerdings nur für Esten. Doch besonders wichtig ist sie innerhalb Estlands – nicht nur für Esten selbst, sondern auch für alle, die in Estland wohnen. Bis zu 600 Dienste können Privatpersonen in Anspruch nehmen – etwa für Zeitkarten aller Art, von öffentlichen Verkehrsmitteln bis hin zur Fischerei-erlaubnis oder zum Parkticket. Für Unternehmen sind es mit 2.400 noch weit mehr Angebote. Überhaupt sind viele Dienste bereits auf Onlinebetrieb umgestellt – Steuerformulare gibt es praktisch nicht, und auch der Bedarf an Stimmzetteln bei Wahlen ist marginal, der Este stimmt fast immer ohnehin online ab.

Beim Ausbau digitaler Dienste sind die Esten so ehrgeizig wie keine andere Nation. Und die „Gier“ ist noch immer nicht gestillt. Erst kürzlich sorgte Estland weltweit für Schlagzeilen, als die Regierung ein ungewöhnliches Projekt startete. Eines, das es „Bürgern aus aller Welt“ ermöglicht, um einen digitalen Wohnsitz in Estland zu ersuchen. Auf der offiziellen Plattform E-Estonia.com heißt es wörtlich: „Jeder, der die damit verbundenen weltbesten digitalen Dienste von überall in der Welt aus nutzen will, kann einen eigens dafür konzipierten digitalen Ausweis beantragen."

Wer eine solche von der Republik Estland ausgestellte Chipkarte sein Eigen nennt, kann u.a. digitale Signaturen leisten, ein Unternehmen eintragen lassen, E-Banking-Geschäfte abwickeln und Dokumente verschlüsseln. Besonders nützlich ist die Karte für all jene, die bereits eine Beziehung zu Estland haben, weil sie dort früher gearbeitet, studiert oder „geurlaubt“ haben.

Wer „e-Este“ werden möchte, muss zur Beantragung allerdings nach Estland reisen – vorerst. Denn auf einer Polizeistation oder auf dem Grenzschutzamt müssen Fingerabdrücke und ein Gesichtsprofil erstellt werden. Bis Ende 2015 soll es aber auch möglich sein, in estnischen Botschaften rund um die Welt Anträge abzugeben bzw. Karten zu erhalten. Estnischer E-Bürger kann man dann kinderleicht auch ohne eine Reise in den Norden werden – die Kosten bleiben mit 50 Euro pro Karte überschaubar.

Die Regierung hofft, dass es schon bald mehr e-Esten als echte Esten gibt: Man rechnet mit bis zu zehn Millionen E-Esten bis 2025 – bei derzeit etwa 1,3 Millionen Einwohnern. Die Chancen stehen gut, die ambitionierten Ziele zu erreichen. Auch, wenn die Karte kein Ausweis oder gar ein Reisedokument ist, sondern lediglich eine Chipkarte, durch die man weltweit Zugriff auf Serviceleistungen mittels eines USB-Kartenlesegeräts hat. Und doch gibt es eine Menge Menschen, denen das estnische Modell Vorteile bringt. Zu allererst Unternehmen aus dem Ausland, die bereits mit estnischen Firmen zusammenarbeiten. Aber es sollen natürlich viele weitere ausländische Geschäftstreibende für eine Zusammenarbeit mit einem estnischen Unternehmen gewonnen werden.

Denn im Grunde ist genau das der Hintergrund dieser nun global ausgerichteten nationalen IT-Strategie. Und nebenbei geht es für die Regierung in Tallin darum, sich nach außen erneut als Vorreiter bei digitalen Lösungen zu profilieren. Für Tallin wichtig ist allerdings, dass auch andere EU-Länder ihre digitalen Services für die Nutzung mit ausländischen IDs kompatibel machen.

Autor: Jens-Uwe Jahns