Mark Seidel - automatisches Lenksystem
© Bettina Koch

59. Ausgabe, 4. Quartal 2015

Hände weg vom Steuer

Das Automobil der Zukunft fährt autonom

Das Automobil der Zukunft fährt gleichmäßig, beschleunigt spritsparend, drängelt nicht und verschläft niemals eine Grünphase an einer Ampelkreuzung. Es findet allein das vorgegebene Ziel, fädelt sich souverän in Parklücken ein und fährt selbständig in die Garage. Das Automobil der Zukunft fährt autonom. Fahrer überflüssig? Praxistests mit Prototypen zeigen, dass es möglich ist. Selbstfahrende Traktoren haben sich bereits in der Landwirtschaft durchgesetzt.

„Jede zweite neue Maschine wird inzwischen mit automatischem Lenksystem ausgeliefert“,

sagt Markus Seidel, Spezialist für Agrarmanagementsysteme beim Landmaschinen Vertrieb Altenweddingen (LVA) im Landkreis Börde. Jährlich verkauft der John Deere Vertragshändler rund 200 neue Traktoren und 30 bis 35 neue Mähdrescher. Es ist schon gigantisch zu sehen, mit welcher Genauigkeit 15 bis 20 Tonnen schwere Maschinen dank Bordelektronik und Satellitensignalen ihre Spur finden. Dazu werden die GPS-Signale mit Korrektursignalen abgeglichen und auf den vom Landwirt eingemessenen Schlag übertragen. Dank einer Genauigkeit von bis zu zwei Zentimetern werden Überlappungen nahezu vermieden, also Flächen, auf denen doppelt ausgesät, Dünger und Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden.

Der Technik das Feld überlassen In Kombination mit einem Vorgewende-Managementsystem hat der Landwirt auch beim Wenden der Technik am Feldrand freie Hand für andere Aufgaben. Das System koordiniert die Maschinen- und Anbaugerätefunktionen für das Wenden und bringt den Ackerschlepper entsprechend der eingegebenen Arbeitsbreite präzise auf die nächste Bahn. Das funktioniert mit der drei Meter breiten Drillmaschine ebenso wie mit der 36 Meter breiten Pflanzenschutzspritze, mit Pflug, Grubber oder Scheibenegge. Der Landwirt kann sich auf die Beschaffenheit des Bodens oder auf die Feinabstimmung seiner Anbaugeräte konzentrieren. Um die technischen Möglichkeiten optimal zu nutzen und Bedienfehler zu vermeiden, sind Einweisungen und Schulungen für die Fahrer ein Muss. „Wir haben ein breit gefächertes Programm entwickelt“, sagt Markus Seidel,

„pro Jahr bieten wir 30 bis 40 Seminare in unserem Schulungszentrum in Altenweddingen an.“

Der Traktor- oder Mähdrescherfahrer kann seine Hände also ruhig mal vom Lenkrad nehmen und der Technik das Feld überlassen. Für den Autofahrer gilt weiterhin: Wer mit dem Handy am Steuer (ohne Freisprechanlage) erwischt wird, kassiert einen 60-Euro-Bußgeld-Bescheid und einen Punkt in Flensburg, auch wenn er einen Tesla fährt, der mit den neuesten Software-Updates ausgestattet ist – mit Autopilot-Funktion für das Spurhalten, Spurwechseln, Abstandhalten und Einparken. Denn noch gibt es keinen gesetzlichen Rahmen, der dem Menschen hinter dem Lenkrad die Verantwortung nimmt. Er muss stets die Kontrolle behalten und im Notfall eingreifen können.

Mehr Effizienz auf den Straßen

Protagonisten des selbstfahrenden Autos erhoffen sich mehr Effizienz auf den Straßen: Kein Rasen, kein Drängeln, mehr Gleichmäßigkeit – auf diese Weise könnte auch dichterer Verkehr besser fließen. Tests mit Prototypen laufen: In Deutschland ist der erste selbstfahrende Lkw von Daimler mit einer Ausnahmegenehmigung des Landes Baden-Württemberg für Testzwecke mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde auf bundesdeutschen Autobahnen unterwegs. In den USA hatte Daimler schon im Frühjahr zwei Lkw der Marke Freightliner im US-Bundesstaat Nevada zugelassen. Die VW-Tochter Scania arbeitet an einem Lkw-Konvoi, der mit einem einzigen Fahrer auskommen soll – er steuert das Führungsfahrzeug, die Flotte folgt. Bereits im Sommer 2013 absolvierte ein autonom fahrender Mercedes der S-Klasse auf deutschen Straßen einen Langstreckentest, Stadtverkehr inklusive, und BMW lässt Prototypen zwischen München und Nürnberg pendeln.

Aber was passiert, wenn die Bord-elektronik verrücktspielt und einen Unfall verursacht? In der Chefetage des schwedischen Autobauers Volvo hat man offenbar unerschütterliches Vertrauen in die Technik: Bei Unfällen mit seinen autonomen Automobilen, hieß es in einer Pressemitteilung, wolle Volvo die volle Haftung übernehmen.

Autor: Bettina Koch