Homo Digitalis erobert die Sterne

84. Ausgabe, 1. Quartal 2022

Homo Digitalis erobert die Sterne

Was treibt den Menschen ins Weltall? Und was findet er dort, wenn er angekommen ist? Entwickelt sich Homo Digitalis zum Conquistador del Universo oder wird er am Ende selbst erobert? Ein Balanceakt in der Schwerelosigkeit, zwischen Science und Fiction.

„Das ist es endlich. Nach 9 Jahren und Hunderten von Millionen Kilometern stehen wir dem Monolith von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der letzte Mensch, der das getan hat, verschwand und wurde nie wieder gesehen oder gehört. Etwas wirklich Erstaunliches geht hier draußen vor, und ich glaube wirklich, dass dieser schwarze Riese alles kontrolliert. Wir haben so viel zu fragen. Ich habe das Gefühl, dass die Antworten größer sind als die Fragen.“

Dr. Heywood Floyd, „2010: The Year We Make Contact“, Film, 1984

Protokoll Vorphase: Für die Menschheit

Die Webserie „For all Mankind“ (AppleTV+, seit 2019) verhandelt die Idee, dass die Sowjets das Space Race gewinnen. Infolge dessen macht die bemannte Raumfahrt einen gewaltigen Satz nach vorne und die erste Mondkolonie wird 1973 Realität.

Die Fiktion dieser Alternativweltgeschichte entspringt der Realität. Der Wettlauf ins All während des Kalten Krieges gipfelte in der ersten bemannten Mondlandung 1969 – „... großer Schritt für die Menschheit“, „alles fake“, „Weltraumhündin Laika“, man erinnert sich.

In der reellen Gegenwart des Jahres 2022 schlingert eine Trägerrakete des privatwirtschaftlichen Raumfahrtprogramms SpaceX (Elon Musk) aufgeregt zwischen Erde und Mond herum – sie wird unwillkürlich auf der dunklen Seite einschlagen. Tom Cruise möchte auf der internationalen Raumstation ISS einen Film drehen.

Die US-Raumfahrtbehörde NASA hat allein 2020 knapp 22,7 Milliarden US-Dollar in die Space Exploration investiert. Und Bayern steigt jetzt auch voll ein, in die Raum- und Luftfahrtforschung. #BavariaOne

Protokoll Phase A: Der Traum in den Sternen

Die Pseudo-Wissenschaft der Prä-Astronautik stellt unter anderem die Frage, ob die Götter früherer Zivilisationen High-Tech-Aliens waren und gibt sich dabei mit phantastischer Literatur ein unterhaltsames Stelldichein. Erich von Däniken und H.P. Lovecraft unterscheidet in diesem Fall nur eines: Von Däniken verdient mit seinen Schauergeschichten mehr Geld. Wann der Mensch nun die Grenze überschritt, von spiritueller Ehrfurcht hin zu wissenschaftlicher Neugier, ist nicht ganz klar. Vielleicht sucht man den Punkt in der wissenschaftlich durchdachten Proto-Science-Fiction solcher Autoren wie Jules Verne (Von der Erde zum Mond) oder Kurd Laßwitz (Auf zwei Planeten).

Protokoll Phase B: Das Warum liegt irgendwo da draußen

Warum aber sollte der Mensch überhaupt den blauen, also seinen Planeten verlassen? Ist doch eigentlich ganz schön hier.

Gedanke eins: Ein Gros der modernen Zivilisation basiert auf der Nutzung von Ressourcen. Diese sind endlich
(z. B. Kohle, Erdöl, Erze, Sand etc.). Oder sie sind theoretisch regenerativ (z. B. Holz und Wasser), decken aber auf lange Sicht nicht den Bedarf der Überbevölkerung. Auf anderen Planeten finden sich Ressourcen, die wir nutzen können und auf absehbare Zeit auch müssen. In einem Interview sagt Hakan Kayal, Professor für Weltraumtechnik: „Die Nutzung des Weltraums inklusive des Mondes und des Mars als neuen Lebensraum sind nur die logischen nächsten Schritte.“

Der Gegenspieler ist die Zeit. Eine Reise zum Mars ist ca. alle 26 Monate möglich, wenn die Distanz zwischen Erde und Mars möglichst gering ist. Die Reise selbst dauert sechs bis zehn Monate. Ein erfolgreiches Terraforming – man würde die Mars-Polkappen abschmelzen und so sukzessive eine erdähnliche Atmosphäre schaffen – ist nach ungefähr 170.000 Jahren realistisch. Bis dahin dürften auf der Erde schon längst die letzten PlayStation 5 ausgeliefert und die Halbleiterkrise überwunden sein.

Gedanke zwei: Die Suche nach außerirdischem Leben.

Protokoll Phase C: Raumfahrt/Industrie

Die Raumfahrtindustrie lässt sich von zeitlichen Prognosen nicht erschüttern und läuft auf Hochtouren. Denn obgleich wir zu unser aller Lebzeiten wohl kaum auf dem Mars frühstücken werden, ergeben sich aus dem Streben danach technologische Fortschritte. Beispiele gefällig? Die folgende Liste bietet sicherlich Gesprächsstoff auf Ihrer nächsten Soiree. Dinge, die ursprünglich für die Raumfahrt entwickelt und dann für die Privatanwendung adaptiert wurden:

Klettverschlüsse (1948), Digitalfotografie (1975), Stoß- und kratzfeste optische Linsen (1983), der High-Tech-Schwimmanzug LZR Racer (2008), das Material für durchsichtige Zahnspangen – transluzentes polykristallines Aluminiumoxid (1986), die Wasserpistole Super Soaker (1982), Rettungsdecke (1964), Memoryschaum (1966)

Protokoll Phase D: Die Menschheit – nicht mal eine 1

Schon vor zwei Absätzen haben Sie sich gefragt: Wann geht es denn endlich um die Aliens? Der Platz ist rar und so gerne wir uns jetzt in Popkultur verlieren würden – es geht nicht. Im kosmischen Ganzen ist der Planet Erde und seine Bewohner im Prinzip nichtig.

Die Kardaschow-Skala, benannt nach dem russischen Astronomen Nikolai Kardaschow, klassifiziert Zivilisationen in mindestens vier Typen und stellt dabei eine Kausalität her, zwischen der Entwicklung einer Zivilisation und deren Energieverbrauch. Kurz: Das Streben nach Expansion und Weiterentwicklung sorgt für höheren Energiebedarf. Der höhere Energiebedarf bedingt u.a. das Streben nach Expansion usw.
 
Typ 1 schafft es, die vorhandene Energie des eigenen Planeten vollständig und effizient zu nutzen, Typ 2 die des Sternensystems, Typ 3 – die Galaxie, Typ 4 – mehrere Galaxien. Auf dieser hypothetischen Skala ist die Menschheit ca. eine 0,75. Sollte eine außerirdische Zivilisation die Technologie haben, um uns oder wenigstens unser Sonnensystem anzusteuern, besteht die Möglichkeit, dass wir diesen Wesen einfach zu primitiv sind, als dass sie Kontakt aufnehmen würden. Oder anders: Wer unterhält sich schon mit jedem Rudel Säugetiere, das in dem Wald lebt, den man gleich rodet?

Die Rare-Earth-Hypothese ist da etwas nüchterner. Sie skizziert, dass das Entstehen von intelligentem Leben auf unfassbar seltene Umstände zurückgeht. So selten, dass wir faktisch alleine in der Galaxie und im Universum sind.

Um Ulf Poschardt zu zitieren: „Bitte nicht!“

Protokoll Phase E: Die Zukunft haben wir hinter uns

Na, desillusioniert oder gar deprimiert? Vollkommen unnötig. Zum Zeitpunkt, als dieser Text entsteht, geht die Raumfahrtindustrie noch immer steil nach oben. Allein 2020 erwirtschaftete sie umgerechnet knapp 394 Milliarden US-Dollar Umsatz. Ende 2023 will das deutsch-spanische Raumfahrtunternehmen Plus Ultra acht Mini-Satelliten in die Umlaufbahn des Mondes bringen, um störungsfreie Kommunikation zwischen der Erde, möglichen Mondbasen und Raumstationen zu ermöglichen. Ende 2024 soll der Bau der Gateway starten, einer internationalen Raumstation, die um den Mond zirkelt und regelmäßige bemannte Mondmissionen erleichtern soll.

Hätten immer alle Forscherinnen und Forscher auf Essays wie dieses hier gehört, vermutlich hätten wir bis heute weder Akkuschrauber noch Klettverschluss. Und das kann ja keiner wollen.

Autor: Robert Gryczke

Solarsystem.Nasa.gov, abgerufen am 12.02.2021; Deutschlandfunk.de, „In vier Schritten ins All“ vom 28.11.2016; NationalGeographic.de, „Weltall: …“, Ausgabe 07.2015; Planetary.org, „NASA’s FY 2020 Budget“, abgerufen am 13.02.2022; FR.de, „SpaceX …“, vom 13.02.2022; Spiegel.de, „Notfalls …“ vom 06.05.2022; BR.de, „Raumfahrt in Bayern“ vom 09.11.2021; FNR.de, abgerufen am 13.02.2022; DeutschlandfunkKultur.de, „Weltraumbergbau: …“ vom 16.09.2021; Ingenieur.de, „Wettlauf …“ vom 28.04.2020; Video „Eine Mars-Basis …“, YouTube / Dinge erklärt – kurzgesagt, abgerufen am 13.02.2022; Spektrum.de, „Der Traum …“ vom 30.07.2018; Süddeutsche.de, „Überirdisch gut“ vom 17.07.2019; Deutschlandfunk.de, „Paradoxes …“ vom 16.02.2013; Video „… – die Kardaschow-Skala“, YouTube / Kurzgesagt – in a Nutshell, abgerufen am 14.02.2022; Statista.de, „Höhe des Umsatzes ...“, abgerufen am 14.02.2022; Deutschlandfunk.de, „Satellitenflotte“ vom 20.01.2022