75. Ausgabe, 4. Quartal 2019

Homo Digitalis hat ein Rendezvous

Der Mensch ist ein Herdentier, das ändert sich auch im digitalen Zeitalter nicht. Aber irgendetwas hat sich doch geändert – oder nicht? Ein Potpourri digitaler Datinglösungen, illustrer Statistiken und die Frage, ob wir wirklich alles wissen wollen.

Um sich dem Thema Liebe 2.0 angemessen zu nähern, an dieser Stelle ein Dialogzitat des Marionetten-Duos Spejbl & Hurvínek:

„Vati? Vati, was ist denn eigentlich die Liebe?“
„Bitte?“
„Was ist ... Was ist die Liebe?“
„Schwer zu sagen. Schwer zu sagen, Hurvínek. Du würdest es sowieso nicht begreifen.“
„Warum?“
„Warum – weil die wahre Liebe ein Gefühl erfordert. Und das haben die Puppen nicht.“

(Schallplatte „Spejbl & Hurvínek - Ganz Gross...“, Stück „Über die Liebe“, 1969)

Unsexy: nackte Zahlen

Laut einer aktuellen Sammelstudie des Online-Dating-Vergleichsportals Zu-Zweit.de – und schon der Umstand, dass es ein solches gibt, ist bezeichnend für den Zeitgeist – hat das Smartphone den Computer überholt. Es ist jetzt das beliebteste Gerät zur Online-Partnersuche.

Knapp 17 Millionen Deutsche sind Single. In Deutschland gibt es rund 2500 Online-Dating-Plattformen. Auf diesen Dating-Plattformen sind knapp 135 Millionen Profile registriert. Darunter befinden sich 8,4 Millionen aktive Nutzer. Die beste Zeit um online zu flirten ist der Sonntagabend. Die beste Jahreszeit der Winter. 85 Prozent der weiblichen Nutzer sind unter 35. 75 Prozent der männlichen Nutzer sind unter 35.

EliteSchwäne: für Depressionen mit Niveau

Kurz: An einem lauschigen Sonntagabend im Winter kann sich der unter 35-jährige Durchschnittsteutone Hoffnungen auf die große Liebe machen und braucht dafür nur noch sein Handy und den rechten Daumen. Damit erstellt er dann Profile, für Angebote wie Neu.de für Singles, ElitePartner für Singles mit Niveau oder LemonSwan für besonders attraktive Singles mit Niveau.

Aber Single ist nicht gleich Single. Das wissen auch die Anbieter der 2500 Online-Dating-Plattformen. „2500, das ist eine Hausnummer“, denkt sich auch der Autor des vorliegenden Textes und googelt ins Blaue hinein „Singlebörse für Motorradfahrer“. Motorrad-Partner.com, Motorrad-Singles.com und, weniger subtil, Motorradfahrer-sucht-Frau.de.
Okay, die meisten dieser Seiten sehen aus, wie der etwas tapsige Versuch eines Senioren, im Volkshochschulkurs eine Website zu bauen. Aber immerhin sind die meisten Angebote, Zitat, „100 % kostenfrei“. Google ergänzt „Singlebörse für“ mit folgenden Vorschlägen: „Veganer“, „Bergsteiger“, „Jäger“, „Behinderte“, „Übergewichtige“, „Reiche“.
    
Und wenn Homo Digitalis nicht sofort ein Nest bauen will – egal ob nun Zitronenschwan oder komischer Vogel? Dann sucht er sich ein Casual Date. Bedeutet Gelegenheitssex, klingt aber besser. Dies tut er dann auf kostenpflichtigen Dating-Portalen wie C-Date, Secret.de & Co. Ob die Bezeichnung als Seitensprungportal nun den Reiz des Verbotenen befeuern soll, oder ein Ausdruck der vielzitierten deutschen Direktheit ist, sei dahingestellt. Aber mal ganz direkt: Die Mitgliedschaft im Club der Unverbindlichkeit kostet je nach Anbieter 13 bis 60 Euro pro Monat.

Obacht: An der University of North Texas kommt man zu dem Schluss, dass erfolgloses Online-Dating Depressionen auslösen können. Aber gibt es da nicht auch ... doch, ja: Skilldate.de – für Menschen mit Depressionen*. Und da schließt sich der Kreis.

Verwischt: Liebe auf den ersten Click Swipe

Das ultimative Klischee und Sinnbild für die Liebe 2.0 ist aber die Dating-App Tinder. Foto gefällt – nach rechts swipen; Foto gefällt nicht – nach links swipen. Haben beide nach rechts geswiped, gibt es einen Match und die Konversation kann beginnen. Das ist oberflächlich. Das reduziert Menschen zu Objekten. Das hat weltweit 50 Millionen Nutzer pro Tag und einen Marktwert von knapp 3 Milliarden US-Dollar. Die Speerspitze der Mobile-Dating-Apps. Andere heißen OKCupid, Lovoo – die Liste ist endlos. Und Tinder ist  zu einem festen Bestandteil der Popkultur geworden. „Tindern“ ist jetzt ein Deonym, für Mobile-Dating. „Ich hab jemanden getindert.“
Diese Art des Datings passt doch aber zum Zeitgeist. Keine Vorschriften mehr. Keine Verpflichtungen. Weg mit dem konservativen Zeug. Im Stern-Ableger Neon schreibt eine junge Autorin über ihr drittes Tinder-Date: „[...] Da sei es zwar nicht hip und super cool, sagt Niko, aber man könne sich wenigstens in Ruhe unterhalten. Mir gefällt das. Ich bestelle mir einen Wein, der leider äußerst bescheiden schmeckt. Meine Begleitung (34 Jahre alt, sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Javier Bardem und Mr. Big) fragt die Kellnerin kurzerhand, ob ich einen anderen Wein bekommen könnte. Auch das gefällt mir.“

Nun gut, das klingt jetzt weniger wie eine Generation, die die etablierten Rollenmuster aufsprengt und Bücher über die Vorteile von Polyamorie liest, Titel Schlampen mit Moral, sondern eher nach dem klassischen Männchen-Weibchen-Schema-F – ganz wertfrei gemeint, versteht sich.

I Like = Fuck you: Beziehungen in Zeiten von Social Media

Gehen wir mal vom besten Fall aus. Der Erstkontakt über Elite-Swan, OKTinder oder dergleichen war erfolgreich. Als erstes wird bei Facebook – wer auch immer es noch nutzt – der Beziehungsstatus geändert. Dafür gibt es safe 25 Likes und vier Kommentare à la „Och, freut mich. Alles Gute ihr zwei“ – mindestens einen davon von dem oder der Ex. Aber jetzt geht das Debakel erst richtig los.

Die Online-Dating-Plattform eDarling veröffentlichte 2016 eine Studie, deren Tenor wie folgt klingt: Ohne Social Media wären Beziehungen wahrscheinlich besser dran. Das liegt vor allem daran, dass man sein künftiges Date auf Facebook, Instagram, Twitter & Co. regelrecht stalkt. Partybilder, Bilder mit Ex oder tägliches Posting empfanden jeweils knapp die Hälfte der befragten Singles als „besonders abschreckend.“ Achso, und Rechtschreibfehler. Die sind auch unsexy. Na wenigstens das.

Natürlich gab es Misstrauen schon immer. Wer fünf Mal die Woche länger arbeiten muss, erntete auch vor 50 Jahren schon einen misstrauischen Blick daheim. Aber heutzutage taucht am gleichen Abend vielleicht noch ein ungünstiger Post bei Instagram auf. Das Frauenmagazin Jolie schließt ein umfassendes Fallbeispiel mit dem charmant fokussierten Fazit: „Der Zugriff auf so viele (eigentlich banale) Informationen kann Angst und Eifersucht entstehen lassen, welche so vorher gar nicht existierten.“

Und dem schließen wir uns gerne an.

Robert Gryczke

(Zu-Zweit.de, „Allgmeine Statistiken [...]“, abgerufen am 19.11.2019); (Zu-Zweit.de, „LemonSwan im Test […]“, abgerufen am 19.11.2019); (GQ, „Online-Dating schadet […]“, vom 30.05.2018, abgerufen am 19.11.2019); (Zu-Zweit.de, „[...] Seitensprung Portale im Vergleich“, abgerufen am 19.11.2019); (Skilldate.de, Startseite, abgerufen am 19.11.2019); (Wirtschaftswoche, „Zahlen & Fakten [...]“, vom 12.04.2019, abgerufen am 19.11.2019); (Stern, „[...] auf Tinder“, vom 28.05.2019, abgerufen am  0.11.2019); (eDarling, Studie „Soziale Netzwerke [...]“, vom 25.10.2016, abgerufen am 20.11.2019); (Jolie, „Deswegen kann [...]“, vom 08.02.2019, abgerufen am 20.11.2019)

* Hinweis: Depressionen sind eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Bei Suizidgedanken oder Ähnlichem suchen Sie sich bitte Hilfe. Die Telefonseelsorge hat Ansprechpartner – rund um die Uhr und auch anonym. Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222,
https://www.telefonseelsorge.de