Homo Digitalis und die  Nahrung der Zukunft

2. Ausgabe 2022 | Nr. 85

Homo Digitalis und die Nahrung der Zukunft

Homo Sapiens hat Hunger. Mehr, mehr, mehr. Schneller, schneller, schneller. Was bleibt in Zukunft für Homo Digitalis noch übrig? Wir servieren ein buntes Menü schwarzmalerischer Lichtblicke. Darin finden sich frisch zubereitete Highlights aus Agrartechnologie, Meeresbiologie, Populärwissenschaft, Digitalisierung und Dystopie. Bon appétit!

„Soylent Green is people!“

Robert Thorn, „Soylent Green“, Film, 1973

Amuse-Bouche, der Appetizer: Hunger

Nahrung. An diesem Begriff hängen existenzielle Emotionen. Liebe geht durch den Magen; man hat Angst zu verhungern – es ist der Gleichklang aus Leben und Überleben.
Nahrung ist Geopolitik. Ernährungssicherheit und Kontrolle gehen in Krisenregionen Hand in Hand. Ernährungskrisen sind humanitäre Krisen. Die Welthungerhilfe fasst zusammen: „Alle dreizehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger.“ Auch: Knapp 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll.

I. Hors d’œuvre, die Vorspeise: 5G-Carpaccio mit Agrar-Balsamico

„5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“, gab die damalige Forschungsministerin Anja Karlicek 2018 in einem TV-Interview zum Besten. Ein Zitat, das ihr im Anschluss um die Ohren flog. Vermutlich, weil der leicht bockige Unterton dem geneigten Politikverdrossling suggerierte: „Aha, Milchkanne, soso – das ist für sie also Landwirtschaft!“

Reflexartig – aber erst zwei Jahre später – sprang das Deutsche Milchkontor (DMK) in den Ring und titelte: „Warum wir 5G an jeder Milchkanne brauchen“. Das Fazit liest sich spekulativ, aber herrlich futuristisch. Schlagworte wie Präzisionslandwirtschaft, Melkroboter und Sensortechnik (die am Klang der Hufe auffällige Tiere erkennt) lassen jedes Sci-Fi-Herz höherschlagen.

Feststeht: In Zukunft wollen bis zu 10 Milliarden Menschen ernährt werden. Digitalisierung kann dabei helfen. Und wenn dafür automatisiert Sojatiere gemolken werden müssen und der Frühstückshafertrunk aus der 5G-Cyber-Milchkanne kommt – dann sei es so.

II. Poisson, das Fischgericht: Labor-Algen an grünem Proteinschleim

Laut Bilanz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) „betrug die Nettoerzeugung (Schlachtmenge) von Fleisch in Deutschland etwa 8,3 Millionen Tonnen Schlachtgewicht.“ Weltweit wird diese Zahl auf ca. 360 Millionen geschätzt (Stand 2018). Rind, Schwein, Geflügel, Lasagne (Pferd), Ziege – es ist alles dabei, was in einen guten Skandal gehört.

Keine Sorge, es folgt kein Zeigefinger, der einem die Currywurst oder den Sonntagsbraten vermiesen will. Der Bedarf, andere Lebewesen als  Nahrungsquelle fachmännisch zu zerlegen und als Nährstoffbrocken zu konsumieren, existiert. Um diesen Bedarf auch in Zukunft zu decken, erobert Homo Digitalis zunehmend auch feuchtere Biome. Statt Pferde also lieber Seepferde. Denn: Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der – Algen.

Mikroalgen wie Spirulina sind seit geraumer Zeit fester Bestandteil der Lebensmittelwirtschaft – sie lassen sich unkompliziert als Farbstoff (grün und blau) einsetzen. Das Geliermittel Agar Agar kann aus zahlreichen Rotalgen-Arten gewonnen werden. Durch Gen-Manipulation könnte man theoretisch sogar den Geschmack beeinflussen. So wird in naher Zukunft aus Agar Agar vielleicht Bacon Bacon. Bei der Recherche zu diesem Thema stolpert man über das französische Unternehmen Kyanos, das mit einem patentierten Verfahren namens Cyclotrophy Algenproteine im Labor züchten will. Die Website dazu ist mittlerweile ein Datenfriedhof. Wer weiß, womöglich haben die Forscher längst ihren Lebensmittelpunkt unter die Meeresoberfläche verlagert und alle Server zurückgelassen.

(Server zurücklassen – das würde uns nie passieren.)

III. Sorbet, das Halbgefrorene: Saure Daten-Debatte auf zivilem Zerrspiegel

Kurzer Snack. In ihrem Buch Food Code – Wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten reden die Autoren Olaf Deiniger und Hendrik Haase über die Gefahren einer „digitalen Esskultur“, an deren Anfang ein umfassend durchdigitalisierter Bauernhof steht, Smart-Home-Datenkraken den User abernten und an deren Ende diese Daten etwa Überproduktion verhindern könnten.
Dass die Smart-Home-Revolution bis heute ausblieb, den Inhalt scannende Kühlschränke überwiegend Ausstellungsobjekte sind und die Überproduktion im Lebensmittelhandel,
weniger mit Berechenbarkeit als mit dem Drang nach Billigpomp zu tun hat, lässt das Buch zwar außer Acht, aber ansonsten hübsch gedacht.

IV. Pièce de résistance, das Hauptgericht: Die Nahrung der Zukunft

Wenn der werte Leser, die werte Leserin bis zu dieser Stelle gekommen ist und glücklicherweise noch keine Übersättigung erfahren hat, bzw. nichts Sättigendes überfahren hat, steht vielleicht die Frage im Raum: „Aber was will uns dieses Essay denn sagen? WAS ist die Nahrung der Zukunft? Und was ist die Brücke zum Digitalen Wandel?“ Berechtigt. Am anderen Ende der Tastatur fragt man sich das ebenso.

Die Science Fiction macht sich, wie so oft, reichlich Gedanken dazu und endet beunruhigend oft in Dystopien. In Tank Girl (1995) wird das Prekariat als Wasserspender geerntet – immerhin besteht der menschliche Körper zu einem Großteil aus Wasser. In Matrix (1999) bekommt die Besatzung eines Frachters einen nährstoffhaltigen Proteinbrei serviert, der auffällig an Haferschleim erinnert. Zumindest in diesem Punkt haben wir die Fiction überholt. Protein-Shakes, die auf Social Media wie blöde beworben werden, sind genau das: proteinhaltiger Nährstoffglibber. Längst werden Insekten als probates Lebensmittel etabliert. Es gibt Insekten-Riegel, -Chips, -Bier, usw.

Die Wahrheit ist: Unsere Nahrung ist längst in der Zukunft angekommen – nur unsere Ernährung nicht. Fachmessen, wie die Future Food-Tech, stellen die Nahrung der Zukunft, unter Aspekten wie Nachhaltigkeit, Tierwohl und Klima, in den Mittelpunkt. Dabei spielen unweigerlich auch Technologien wie 5G eine Rolle, die eine globale Datenübertragung in Echtzeit ermöglichen. Womöglich ist „Remote-Algenzucht-Tank-Supply-Manager“ schon bald ein anerkannter Ausbildungsberuf. Das Handwerk wird sich freuen.

V. Fromage, der Käse: Kybernetik-Brei

Medizin ist unangenehm. Oft. Die Digitalisierung unserer Ernährung hat womöglich gar nicht nur etwas mit Wohlstand zu tun. Vor allem in der Medizin zeigt sich der technologische Fortschritt in puncto Nahrung. Menschen, die aus verschiedenen Gründen auf dem herkömmlichen Weg keine Nahrung mehr zu sich nehmen können, greifen mitunter auf Ernährungspumpen zurück. Diese befördern einen Ernährungsbrei direkt in den Magen-Darm-Bereich. Auch Insulinpumpen grenzen an High Tech. Hier wird der Blutzuckerwert in Echtzeit überwacht und kann jederzeit am Smartphone abgerufen werden. Die Pumpe verabreicht bei Bedarf automatisch Insulin. Es klingt bitter, aber solche aus der Not entstandenen Lösungen, sind die eindrucksvollste Schnittstelle zwischen Digitalisierung und Nahrung. Und nur die Schranke im Kopf hindert einen daran, diese Technik weiterzudenken. Eine automatisierte und vor allem optimierte Zufuhr essenzieller Nährstoffe in den Körper. Sicherlich gäbe es auf der einen oder anderen Expedition ins All, in die Wüste oder zum Meeresgrund eine Verwendung dafür.

VI. Dessert, die Nachspeise: Magenbitter-Mus mit Schwarzmalersahne

Also, was isst Homo Digitalis in Zukunft? Höchstwahrscheinlich sieht die Antwort wenig spektakulär aus: Der Mensch hat gewisse Nahrungsformen etabliert, von denen er nicht abweichen will. Ein Burger soll ein Burger bleiben – das ist ja überhaupt erst der Grund für eine ganze Branche von pflanzlichen Ersatzprodukten. Der Zugriff auf globale Ressourcen erlaubt es, in naher Zukunft neue Nahrungsquellen zu erschließen. Moderne Technologie ermöglicht uns die Verarbeitung eben dieser. All dieser Fortschritt wird aber vermutlich erst salonfähig, wenn es McAlgae oder Insect King (kross) auf die  Speisekarten der großen Fastfeeder geschafft haben.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: BzfE.de, „Digitaler Wandel in der Lebensmittelwirtschaft“, abgerufen am 07.06.2022; DMK.de, „Warum wir …“ vom 08.07.2020; Cordis.Europe.eu, „Geopolitik und Ernährungssicherheit“, abgerufen am 07.06.2022; Welthungerhilfe.de, „Hunger …“, abgerufen am 07.06.2022; Zeit.de, „Warum 5G …“ vom 11.03.2019; Ferchau.com, „Algen …“ vom 03.01.2022; BMEL.de, „Versorgungsbilanz …“, abgerufen am 08.06.2022; Boell.de, „Fleischkonsum …“ vom 06.01.2021; Zukunftsessen.de, „Sind Algen …“ vom 19.09.2021; Utopia.de, „Algen, Insekten …“ vom 07.04.2021; Cordis.Europa.eu, „Im Labor gezüchtete …“, vom 08.06.2020; Deutschlandfunkkultur.de, „Digitalisierung und Esskultur“ vom 24.02.2021; FutureFoodTechSF.com, abgerufen am 08.06.2022; NutriciaMed.de, abgerufen am 08.06.2022