76. Ausgabe, 1. Quartal 2020

Homo Digitalis und sein Herz aus Stahl – Folge 4: Man-Machine-Interface

Der Mensch im digitalen Wandel |
Folge 4: Man-Machine-Interface

Im Science-Fiction-Genre sind Menschen längst zu Cyborgs mutiert. Doch schon vorher fragte sich die Philosophie, wo die Grenze zwischen Mensch und Maschine eigentlich verschwimmt. Eine Suche nach Wurzeln, Status Quo und Zukunft der Maschine Mensch.

Der Mensch will immer mehr zur Maschine werden, die Maschinen sollen immer menschlicher werden. Heben sich die Grenzen irgendwann auf, sind Probleme vorprogrammiert:

„Wir weinen, wenn ein Vogel singt, aber nicht wenn ein Fisch blutet. Gesegnet sind die, die eine Stimme haben. Wenn die Puppen sprechen könnten, würden sie mit Sicherheit schreien: Ich will aber kein Mensch sein!“ (Motoko Kusanagi, Film „Ghost in the Shell 2: Innocence“, 2004)

Basics: Cyborgs sind keine Roboter
Bevor wir in medias res gehen, wollen wir kurz über ein paar Begriffe nachdenken, die allzu häufig synonym verwandt werden:

Roboter: Der Begriff taucht das erste Mal 1920 im Theaterstück „R.U.R. - Rossum‘s Universal Robots“ auf, geschrieben vom tschechischen Autoren Karel Čapek. Im Stück werden künstliche geschaffene Fronarbeiter „Robots“ genannt. Die sprachlichen Wurzeln liegen dabei im tschechischen Substantiv „robota“ für „Arbeit“. Organisationen wie die „Japanese Industrial Robot Association“ (JIRA) oder das „Robotics Institue of America“ (RIA) definieren den Begriff unterschiedlich. Gemeinsamkeiten gibt es in dem Bild einer Maschine, die eine bestimmte Aufgabe nach vorgegebenen Parametern erfüllt. Das reicht von Industrierobotern, die festgelegte Arbeitsschritte wiederholen, bis hin zu autonom fahrenden Verkehrsmitteln, die dank Sensoren und Machine Learning Informationen aufnehmen, verarbeiten und anschließend eigene Entscheidungen treffen.
Android bezeichnet in diesem Kontext einen besonders menschenähnlichen Roboter. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Worten „anḗr“ für „Mann/Mensch“ und „eidḗs“ für „ähnlich/förmg“ ab. Einige Quellen datieren die erste Nutzung des Begriffs um 1728 im Nachschlagewerk „Cyclopaedia“ von Ephraim Chambers.

Cyborg: Das Kofferwort aus dem englischen „cybernetic organism“ taucht das erste Mal 1960 in dem Aufsatz „Cyborgs and Space“ auf. Wissenschaftler Manfred Clynes beschreibt darin die Überlegung, nicht etwa die Bedingungen auf Raumschiffen erdähnlicher zu machen, sondern Menschen mit künstlichen Teilen auszustatten und den neuen Bedingungen im Weltraum anzupassen. Obwohl mittlerweile zu einem soziokulturellen Streitbegriff mutiert, lässt sich die Bedeutung wie folgt zusammenfassen: Ein biologischer Organismus wird mit dem Ziel der Verbesserung um künstliche Teile erweitert.

Eisenhand: Prothetik in der Geschichte
Der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de la Mettrie betrachtete Mensch und Tier als „aufrecht kriechende Maschinen“. In diesem Kontext sind Prothesen vielleicht eher „Ersatzteile“. Holzbeine, Haken, künstliche Zehen – solche kosmetischen Lösungen gab es schon lange vor der christlichen Zeitrechnung.
Die Geschichte moderner und funktionaler Prothetik hingegen beginnt weitestgehend mit der „Eisernen Hand“ des Ritters Götz von Berlichingen, etwa um 1504. Dank einfachem aber robustem Federmechanismus lassen sich die Finger paarweise und in Kombination mit dem Daumen bewegen. Zum Reiten und für das Halten von Schwert und Schild ist das Stück damit geeignet. Bei einem Folgemodell lassen sich alle Finger einzeln bewegen. Götz von Berlichingen hätte damit wohl sogar schreiben können.

Größte Triebfeder in der Prothetik bleibt der Krieg – leider
1920 meldet Jakob Hüffner beim Patentamt ein chirurgisches Verfahren an, bei dem Armstumpf und Prothese direkt verbunden werden. Die passende Prothese entwickelt der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Das Gesamtkonstrukt, der „Sauerbruch-Arm“, setzt sich nicht durch. Wohl aber der Gedanke, die Prothesen direkt über Muskeln anzusteuern. In den 1950ern und 1960ern entwickelt Russland, auch im Zuge der katastrophalen Folgen des Contergan-Skandals, die Prothesentechnik weiter.
1958 implantierte der Schwede Ake Senning den ersten funktionierenden Herzschrittmacher – in einer mit Harz überzogenen Schuhcremedose.
1964 kommt die „Myoelektrische Prothese“ auf den Markt. Elektroden greifen die elektrischen Signale der verbliebenen Muskeln ab und steuern so die Bewegung der Prothese. Die Technik wird weiterentwickelt; gilt als bahnbrechend – auch in der Gegenwart.
1969 beginnt in Texas die Geschichte mechanischer Organe, mit einem temporären Kunstherzen. 1982 erhält ein Patient in Seattle das erste Mal dauerhaft ein Kunstherz, das „Jarvik-7“, benannt nach seinem Erfinder Robert Jarvik.

Gehirnbooster: Human Enhancement
Noch immer ist es das ehrenwerte Ziel der Prothetik bei Menschen und Tieren die Funktionalität ihres Körpers wiederherzustellen. Und trotz rascher Entwicklung gibt es noch keine Prothese, die Körperteile zu hundert Prozent ersetzen kann. Doch obgleich eine verlorene Gliedmaße immer ein schweres Schicksal ist, schleicht da beim Leser und Schreiber der unrühmliche Gedanke mit. Dieser Gedanke, den man aus ethischen und moralischen Gründen nicht zu äußern wagt, der aber nach dem Konsum von Literatur und Popkultur unweigerlich aufblitzt: „Gibt es da nicht auch Vorteile?“
Wir befinden uns an einem Wendepunkt in der Geschichte. Das erste Mal denken wir nicht nur über Ersatz von Körperfunktionen nach, sondern auch über „Enhancement“ – Verbesserung.
2012 diskutiert die Sportwelt darüber, wie amputierte Profiläufer mit High-Tech-Prothesen aus Karbon zu behandeln seien. Die Prothesen ermüden nicht. Und die federnde Sonderanfertigung verschafft physische Vorteile.
2017 titelte die Presse: „Forschern gelingt Gehirn-Boost“. Ein Forschungsteam pflanzt 20 Patienten einen Neurochip ein. Das Ergebnis: „Die Leistungen der Probanden verbesserten sich um 15 Prozent bei Aufgaben, die das Kurzzeitgedächtnis beanspruchen, und um 25 Prozent bei solchen, die das Arbeitsgedächtnis fordern.“
2019 geistert der Name „Enno Park“ in Verbindung mit dem Schlagwort „Cyborg“ durch die Medien. Park ist Vorsitzender des Cyborg e.V., „zur Förderung und kritischer Begleitung der Verschmelzung von Mensch und Maschine“. Er selbst trägt zwei Chochlea-Implantate im Schädel; überwand damit die Gehörlosigkeit. Die Technik in seinem Kopf übertrifft das natürliche menschliche Gehör, lässt ihn Geräuschquellen filtern, verstärken oder ganz ausblenden. In einem Interview gibt Enno Park an: „Gehirnimplantate, die uns schneller reagieren, denken und lernen lassen, halte ich hingegen noch für Science Fiction.“ Siehe 2017.
Neil Harbisson, eigentlich farbenblind, gilt als Avantgardist der Cyborg-Bewegung. Er ließ sich 2004 eine Antenne in den Schädel implantieren, die Farben für ihn dank verschiedener Vibrationsstufen ‚hörbar‘ macht. Seine Mitstreiterin Moon Ribas hat Sensoren in den Füßen, die Daten über seismische Aktivitäten online abrufen und per Vibrationen umsetzen. Obwohl die beiden ihre Implantate als neue Sinne bezeichnen, funktionieren sie genau genommen schlichtweg dank Vibrationen über das taktile Empfinden, das per se die meisten Menschen besitzen. Genau genommen haben sie sich einen sehr teuren Vibrationsalarm implantieren lassen.

Mensch: Maschine
Was machen wir nun mit diesen Informationen? Sollen wir diesen Text mit dem so gerne bemühten Bild ausklingen lassen, der Mensch würde in naher Zukunft zum Maschinenwesen mutieren? Oder denken wir daran, dass Herzschrittmacher, implantierte Insulinpumpen und Hirnschrittmacher vor allem die Lebensqualität verbessern? Und haben wir Angst vor den düsteren Cyberpunk-Visionen von „Blade Runner“ & Co. – oder haben wir vielleicht Angst davor, dass sie uns gefallen?

Werfen wir doch unsere Gehirnbooster an, schrubben die Schädelantennen und grübeln ein wenig nach.

Autor: Robert Gryczke

Quellen: (TU-Chemnitz.de, „Robotik [...]“, abgerufen am 08.03.2020); (Wirtschaftslexikon.Gabler.de, „Cyborg“, abgerufen am 08.03.2020); (TheAtlantic.com, „The Man[...]“, abgerufen am 08.03.2020); (Zeit.de, „Die erleuchtete Maschine“ vom 10.06.1999, abgerufen am 08.03.2020); (SWR.de, „Kurze Geschichte der Prothetik“, abgerufen am 08.03.2020); (Spiegel.de, „Der Retter […]“ abgerufen am 08.03.2020); (Spektrum.de, „Myoelektrische Prothese“, abgerufen am 08.03.2020); (History.com, „First […]“, abgerufen am 08.03.2020); (Tagesspiegel.de, „Federnder Fortschritt“, abgerufen am 08.03.2020); (Berliner-Zeitung.de, „Ich bin ein Cyborg […]“, abgerufen am 08.03.2020); (Welt.de, „Forschern gelingt [...]“, abgerufen am 08.03.2020); (Cyborgarts.com, abgerufen am 08.03.2020)