81. Ausgabe, 2. Quartal 2021

Warum der Digitalisierungs-Schub vor unseren Schulen stockt

Spannende Ergebnisse einer SERVER-Umfrage in Sachsen-Anhalts Schulen zum aktuellen Stand der Anbindung mit modernster Technik

Die nackten Fakten klingen ernüchternd: Sachsen-Anhalt liegt bei der Digitalisierung auf dem vorletzten Platz (Quelle: Fraunhofer-Institut). Und: Nur 33 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben das Glück, eine Schule mit einer Online-Lernplattform zu besuchen, gegenüber mehr als 50 Prozent in anderen OECD-Ländern (Quelle: Sonderauswertung der OECD zur PISA-Studie von 2018). Kenner der regionalen Szene wissen, dass in Sachsen-Anhalt nur magere 100 der insgesamt 950 Schulstandorte über eine schnelle Internetanbindung verfügen. Ist die Lage vor Ort wirklich so bescheiden? Der SERVER startete eine eigene Umfrage an Schulen.

Zweifellos: Die Corona-Krise hat zu einem beispiellosen Digitalisierungsboom geführt. Homeoffice, Homeschooling, Videokonferenzen – so viel wie möglich musste quasi über Nacht kontaktlos stattfinden. Doch ebenso schnell legte die Pandemie auch offen, woran es hapert: ruckelnde Online-Meetings, Homeschooling mittels E-Mail und Word-Aufgabenblätter statt Lernplattformen. Besonders das krachend gescheiterte Projekt Homeschooling nervt Schüler, deren Eltern und letztlich auch die Willigen in der Lehrerschaft. Heiko Steffens von der Hansestadt Osterburg (Altmark), sagt: „Lehrer sagen uns, dass das LMS-Moodle zu kompliziert in der Anwendung sei. Bei anderen Videokonferenz-Systemanbietern ist indes der Datenschutz das Problem. So werden bei MS-TEAMS die Daten unverschlüsselt an Server übertragen, die in Ländern außerhalb des DSGVO-Geltungsbereiches sind.“ Das Ergebnis sei dann oft der Verzicht auf Online-Unterricht.

Da konnte auch der von der Kanzlerin in höchster Not einberufene Schulgipfel im Kanzleramt nicht mehr viel ausrichten. Denn es fehlt an so vielem: an Geräten, an digitaler Zusammenarbeit, an Infrastruktur, an Sicherheitsmechanismen, an technischem und fachlichem Support.

Corona befeuert Nachfrage

Widmen wir uns zunächst der Hardware. Corona befeuerte die Nachfrage nach Laptops, Tablets und Computern enorm. Nur wer über traditionelle Einkaufskanäle verfügte, konnte helfen. So wie Deutschlands kommunale IT-Dienstleister (zu denen auch die KID gehört), die kurzfristig fast 200.000 Endgeräte beschafft haben. Ein beachtlicher Erfolg, aber letztlich nur der berühmte Tropfen ... Denn offenkundig wurde auch hier: Der 2019 verabschiedete „Digitalpakt Schule“, der moderne Technik im Wert von 5 Milliarden Euro in die Bildungslandschaft spülen sollte, ist viel zu klein gedacht. Bei ungefähr 10,9 Millionen Schülern in Deutschland sind das rein rechnerisch 454 Euro pro Schüler. Das mag für ein durchschnittliches Tablet je Schüler reichen, doch wer bezahlt Server, Breitbandanbindung, WLAN-Netz, Server, ITSupport, schulinterne Verkabelung, Lehrerweiterbildung und, und, und?

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass allein die Ausstattung mit Dienstlaptops für Lehrkräfte dürftig und der Bedarf groß ist. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nutzen nahezu 90 Prozent der Lehrkräfte eigene Geräte, um ihren Unterricht vorzubereiten. Eva Gerth, GEW-Vorsitzende in Sachsen-Anhalt, berichtet gar von Schulen, die von Haus aus überhaupt keine Videokonferenzen anbieten können, weil es an Laptops fehlt, weil keine Webcam dran ist oder ein entsprechendes Mikro an den Computern fehlt: „Wenn digitaler Unterricht stattfindet, dann nur über die privaten Geräte der Lehrkräfte und über deren privaten Internetanschluss.“ Man habe nicht selten „die absurde Situation, dass Eltern Videokonferenzen organisieren, damit Lehrkräfte überhaupt Unterricht machen können.“

SERVER-Umfrage kommt zu ernüchternden Ergebnissen

Aber klar, das Thema ist nicht geeignet für Verallgemeinerungen. Die Situation vor Ort ist überaus unterschiedlich. Offenbar hat auch das Landesbildungsministerium den Überblick verloren und lieferte dem „Server“ auf mehrfache Nachfrage weder eine Antwort noch Fakten. Deshalb startete unsere Redaktion mit Unterstützung der KITU eine eigene Umfrage. 33 Kommunen und/oder Landkreise beantworteten den Fragebogen. Ernüchterndes Ergebnis: Gerade einmal 24 Prozent der befragten Schulen verfügen über einen zukunftsfähigen Glasfaseranschluss. Mit 39,4 Prozent befinden sich Schulen mit einfacher Telefon-Kupferleitung in der Mehrheit; 36,4 Prozent verfügen zumindest über eine Breitbandleitung. Ernüchternd ist die Reichweite des hausinternen IT-Netzes: In jeder vierten Schule liegt Internet einzig im Schulsekretariat an, weitere 26,2 Prozent der Schulen können darüber hinaus auch im Computerkabinett online gehen. Nur 11,9 Prozent der Schulen verfügen in der Hälfte ihrer Klassenräume über ein Netz, in allen Räumen können gerade einmal 16,7 Prozent der Schulen online gehen.

Die Frage, ob ein digitaler Unterricht in der Schule uneingeschränkt möglich ist, bejahten 8,8 Prozent der Schulen. „Nein“ vermerkten 44,2 Prozent, „teils, teils“ kreuzten 47 Prozent an. Martin Lösel und Marion Broos von der Stadt Könnern wissen, warum in den Schulen ihrer Stadt Internetempfang nur im PC-Kabinett und im Schulsekretariat möglich sind: „Im ländlichen Bereich fehlt es schlicht am Breitbandausbau.“

IT-Infrastruktur ist eine Katastrophe

Sebastian Wagner, Sachbearbeiter EDV der Stadt Zeitz, schildert die Situation so: „In unseren zwei Sekundar- und sieben Grundschulen wurden über das Programm „Fibre4EduLSA“ Glasfaserhausanschlüsse gelegt. Da aber straßenseitig noch kein Glasfaser anliegt und auch die schulinterne Verteilung nicht oder nur unzureichend vorhanden ist, kann man maximal im Computerkabinett online gehen.“

Katrin Gröschel, Sachgebietsleiterin Bildung, Jugend, Sport der Stadt Zeitz, ergänzt: „Nur eine Sekundarschule und zwei Grundschulen haben ein internes Kabelnetz, was nutzbar wäre. Eine Grundschule wird gerade saniert. Die restlichen Grundschulen haben entweder gar keine Verkabelung oder sind, wenn überhaupt, nur in den Computerräumen angebunden.“ Auch in der Grundschule Henningen (Altmarkkreis Salzwedel) ist die Situation bescheiden. Alexej Radloff, EDVExperte der Stadtverwaltung, vermerkt im Fragebogen vielsagend: „Mit 16 MB kommt man nicht weit.“

Ganz anders die Situation hingegen in Calbe/Saale und Möser. Die Grundschule Möser hat Highspeed-Internet in allen Klassenräumen, berichtet Henriette Prudlo von der Gemeindeverwaltung: „Die 3. und 4. Klassen können digitalen Unterricht uneingeschränkt nutzen, für die 1. und 2. Klassen ist die Umsetzung geplant.“ Isabel Jaekel, Fachbereichsleiterin Stadt Calbe (Saale), gibt zu Protokoll: „Unsere Grundschule ist mit der besten verfügbaren Technik ausgestattet.“

Dazwischen viele hoffnungsvolle Töne, die Gewissheit geben, dass sich die Situation vielerorts in naher Zukunft signifikant verbessern wird. Beispiel Barleben. Michael Schumann, Bereichsleiter Bürgerservice, gibt zu Protokoll: „Die Erschließung unserer Schulen mit Highspeed-Internet befindet sich derzeit im Aufbau. Grund- und Gemeinschaftsschule werden über 26 Displays und im Vollausbau dann über rund 400 voll ausgestattete und personalisierte Endgeräte verfügen.“ Dass es nicht immer nur an der Infrastruktur, sondern auch mal an der Hardware liegen kann, zeigt das Beispiel Zerbst. Hier haben alle sechs Grundschulen der Stadt inzwischen Glasfaseranschlüsse erhalten. Nico Ruhmer, Amtsleiter Zentrale Dienste, sagt: „Uns fehlen der Aufbau der Hardware sowie die Anschlüsse an die Verbindungspunkte.“

Wer Digitale Tafeln hat, der nutzt sie auch

Die schulinterne IT-Infrastruktur ist entscheidend dafür, ob überhaupt mit modernsten Lernmitteln gearbeitet werden kann. Digitale Tafeln sind ein Symbol für das Lernen 2.0. Eine Tafel, mit der digitale Inhalte aus dem Netz abgerufen werden können, kann Unterricht ebenso abwechslungsreich wie spannend machen. Der SERVER hat auch das abgefragt und erfahren, dass erfreuliche 59 Prozent der befragten Schulen über Digitale Tafeln verfügen – einige Schulen sogar über mehr als eine. Und sind diese erst einmal da, so werden sie auch genutzt. 90 Prozent der Schulen nutzen sie täglich, 15 Prozent gelegentlich – allerdings zuweilen ohne Zugriff auf das Internet.

Dass moderne Technik auch beherrscht werden muss, steht außer Frage. In unserer Umfrage wird freimütig eingeräumt, dass nur rund 62,5 Prozent der Lehrer den Umgang mit Digitalen Tafeln beherrschen. Der Rest ist entweder noch nicht geschult worden oder schlichtweg nicht daran interessiert.

Warum Online-Unterricht die Ausnahme ist

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch zur Frage, warum Sachsen- Anhalts Lehrer beim Distanzunterricht so selten Online-Unterricht anbieten.

Heiko Steffens von der Hansestadt Osterburg (Altmark): „Neben der noch nicht umfänglich verfügbaren Breitbandanbindung sind es vor allem rechtlichen Hürden, insbesondere beim Datenschutz, die die Lehrer verunsichern.“

Martin Lösel, Stadt Könnern: „Die technische Ausrüstung bei Lehrern und Schülern ist nicht vorhanden.“

Mario Kilmer, Stadt Bernburg: „In allen unseren Schulen liegt zwar Glasfaser an, aber aufgrund der unzureichenden ITInfrastruktur ist das Netz nicht überall nutzbar. Ein weiterer Grund ist das mangelhafte Angebot an Weiterbildungen und Schulungen für Lehrer zur Digitalisierung.“

Uwe Kröber, Beauftragter für Digitalisierung und IT-Sicherheit der Stadt Bitterfeld-Wolfen, sieht neben der fehlenden Lehrer- Fortbildung auch die „mangelhafte Eigeninitiative der Schulen“ als Ursache an.

Sebastian Wagner, Sachbearbeiter EDV der Stadt Zeitz, meint, „dass die unzureichende Breitbandverfügbarkeit nicht unbedingt wesentliche Voraussetzung für Homeschooling“ sei, könne aber sehr wohl ein Indikator dafür sein, dass „Eltern, Lehrer, Entscheidungsträger generell weniger Zugang/ Umgang/Erfahrung mit digitaler Technik haben. Wer neue Medien einsetzen will, braucht Erfahrung und Sicherheit mit deren Umgang.“ Er fürchtet, dass „Sachsen-Anhalt als Flächenland mit geringster Bevölkerungsdichte und höchstem Durchschnittsalter“ eher grundsätzliche Probleme habe.

Anne Engelhardt, Sachbearbeiterin Kita/Schulen in der Stadt Teuchern, hat zwei Ursachen ausgemacht: „Die teils ungenügende technische Ausstattung in den Elternhäusern und die fehlende fachlichen Kompetenzen der Lehrkräfte.“

Schulen sind keine IT-Firmen

Genau das dürfte auch längerfristig das Problem bei der Schul-IT sein. Denn selbst wenn alle Schulen Highspeed-Netze, Vollvernetzung aller Klassenräume, Digitale Tafeln und genügend Endgeräte für Schüler und Lehrer hätten, bliebe die Tatsache, dass Schulen Bildungseinrichtungen und keine IT-Betriebe sind. Schulen werden nie über ausreichend Fachkräfte verfügen, die sich stets und ständig um das Management der Schul-IT kümmern können. Die bisherige Praxis, dass Fachlehrer administrativ zum Administrator ernannt wurden, funktioniert nicht; schon gar nicht auf Dauer. Warum? Weil sie in aller Regel weder über ausreichende Fachkenntnisse noch über ein ausreichendes Zeitbudget verfügen. Gerade hier müssen kluge Lösungen her, die im Grunde nur über mehr Betriebsunterstützung durch Inanspruchnahme von Management-Services, eine Vereinheitlichung von Infrastrukturen und mehr Intelligenz in der Infrastruktur möglich sind. Wer Erfolg haben will, muss die Schulen vom administrativen Betrieb ihrer IT-Infrastruktur entlasten. Möglich würde dies z. B. durch Cloud-Technologien oder künstliche Intelligenz mit flexiblen und mobilen Zugriff auf Daten und Systeme, regelmäßige und automatische Updates, die Sicherheit sowie den Schutz von Daten und Anwendungen garantieren.

Föderale Struktur ist hinderlich

Dummerweise macht ausgerechnet die eigentlich förderliche föderale Struktur die Umsetzung derartiger Digitalisierungsstrategien für die Schulen in Sachsen-Anhalt nicht einfacher. Dabei würde es schon helfen, wenn alle Schulen eines Schulträgers, oder sogar alle Schulen im Land ein einheitliches Konzept hätten. Dennoch gibt es Grund zum Optimismus, dass in einer nächsten Pandemie vieles besser laufen dürfte: Es ist der spürbare Wille aller Beteiligten, das Problem endlich zu lösen und damit vom Image des ewig Letzten wegzukommen. Auch das wird in unserer Umfrage deutlich: Nur in sieben der 32 befragten Schulen gibt es keinen Zeithorizont zur IT-Erschließung.

juj