2. Ausgabe 2024 | Nr. 93

Auf ein Wort, Christian Otto

Moderne Kommunikationsmittel gehören heute für die meisten Menschen zum Alltag. Der SERVER befragt an dieser Stelle Prominente und/oder von berufswegen kommunikative Menschen, wie, wann und wofür sie diese benutzen. Heute: Christian Otto, Magdeburger Domkantor und Domorganist. 2023 trat er sein neues Amt an der ältesten gotischen Kathedrale auf deutschem Boden an.

Christian Otto, Magdeburger Domkantor und Domorganist
Christian Otto, Magdeburger Domkantor und Domorganist

Vor rund 500 Jahren wurde der Dom vollendet. Ohne Musik ist das Gotteshaus nicht vorstellbar. Wie fühlt sich das für Sie als der „Neue“ an?
Zunächst einmal komme ich aus dem Staunen über diesen großartigen Raum nicht heraus! Bei 311 Jahren Bauzeit sieht man noch einmal einen viel weiteren Horizont zum Begriff langfristige Planung und Nachhaltigkeit.

Kann ein Domkantor heute noch ohne digitale Hilfsmittel arbeiten?
Könnte er vielleicht – tut er aber nicht. Vor allem für die Gruppenorganisation der Chöre, für die Terminplanung von Proben und Konzerten sind digitale Mittel wie Messenger-Dienste und E-Mail-Listen inzwischen ein unerlässliches Handwerkszeug, alltäglich. Oh nein! Wenn ich da wieder anfangen müsste, eine Telefonkette oder ähnliches zu erfinden, wie ich es von manchem Kollegen im Ruhestand gehört habe! Auch Noten kann man inzwischen digital auf dem Pad lesen, einzelne Chorsänger nutzen das. An dem Punkt pflege ich als Gegenpol aber meine Liebe zu Notenbüchern aus Papier, es macht mir Freude, die Musik auch „anfassen“ zu können, mit Buntstiften zu schreiben.

Die Kathedrale besitzt eine reiche Orgellandschaft mit gleich vier Königinnen der Instrumente. Spielt bei denen Digitalisierung inzwischen eine Rolle?
Ja. Die Hauptorgel hat 93 Register, also Klangfarben, deren zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten und Abfolgen digital mit Computersteuerung in der Orgel verwaltet werden. Das ist eine wunderbare Erleichterung! Diese Einstellungen lassen sich dann auch auf einem USB-Stick speichern, mit nachhause nehmen und mit der entsprechenden Software sogar am PC vorbereiten oder bearbeiten.

Klavier oder E-Piano, hat beides bei Ihnen seine Berechtigung?
Eindeutig ja! In meiner Mietwohnung habe ich eine elektronische Orgel, auf der ich flüsterleise oder sogar mit Kopfhörern rund um die Uhr üben kann, ohne jemanden zu stören. Ein E-Piano bleibt immer sauber gestimmt, das ist ein Vorteil. Für die Chormitglieder ist in der Probe ein analoges Klavier in seinem natürlicheren Klangverhalten angenehmer, die Stimme fühlt sich damit wohler, habe ich festgestellt. In Aufführungen haben „echte“ Instrumente mit analoger Klangerzeugung, jedenfalls was Orgeln oder Klaviere betrifft, in der Klangqualität doch noch einen Vorsprung zu den inzwischen sehr gut gewordenen digitalen Instrumenten. Beide Erscheinungsformen haben meiner Meinung nach ihre Berechtigung.

Künftig soll es eine Abendmusik-Reihe „DomchorVesper“ geben. Ist das für die Zuhörer eine Möglichkeit, eine Auszeit vom digitalen Alltag zu nehmen?
Vielleicht … Jedenfalls wünsche ich mir, dass der Funke überspringt, wenn wir am tausendjährigen Kaisergrab im Hohen Chor unter den Säulen, die sogar noch aus dem alten Vorgänger-Dom stammen mit unseren Stimmen musizieren. Ein Gefühl von Ehrfurcht und Ewigkeit, daran denke ich – und wir wollen Kerzen anzünden, auch ein durchaus analoger Punkt. Aber auch hier hilft uns die digitale Technik: Damit die Orgel, die weit weg ist, begleiten kann, benutzen wir eine digitale Mikrofon- und Monitoranlage – darüber sieht und hört die Organistin an der Orgel meinen Chor und sieht mich dirigieren.

Noten auf Papier, haben die eine Zukunft? Speichern Sie diese bereits auch digital?
Was Noten betrifft, habe ich persönlich in einem schon sehr digital geprägten Alltag die Vorliebe zum Papier – als Gegenpol. Ich liebe es, die Musik auf dem Papier förmlich „anfassen“ zu können, in manch altem Notenbuch, aus dem schon meine Vorgänger musizierten, steckt viel Lebenserfahrung und Geschichte.

Und im Urlaub, schreiben Sie noch die ganz klassische Postkarte?
Das meiste läuft bei mir über WhatsApp-Fotos. Das mache ich gern und viel. Aber zwölf Postkarten pro Urlaub sind trotzdem gesetzt – es ist doch auch schön, mal was Greifbares im Briefkasten zu haben, eine schöne Karte, die man sich auf den Küchentisch stellen kann, die man noch im Buch der Kochrezepte nach dreißig Jahren findet, wenn unsere Handys und digitalen Speichermedien längst Schrott sind.

Wie und wo sichern Sie Ihre wichtigsten privaten Bilder und Dokumente?
Auf einer externen Festplatte. Und: ich gebe zu, ich drucke wichtige Briefe zum Anfassen auch gerne mal aus.

Wer in seiner Arbeitszeit vermutlich vor allem mit sakraler Musik zu tun hat, was hört der nach Feierabend?
Gern höre ich Deutschlandfunk (über die App, da kann ich mir Beiträge aussuchen), das ist wohltuend, weil da vor allem gesprochen wird. Mal eine Musik-Pause, das ist wichtig. Damit man wieder Appetit bekommt, es einem nicht zu viel wird. Ansonsten: Panta du Prince, Falko, Tango. LOL.

Danke für das Gespräch.

Klaus-Peter Voigt