Gehen, sehen, hören, fühlen
© Jürgen Hildebrand/ABiSA

60. Ausgabe, I. Quartal 2016

Gehen, sehen, hören, fühlen – beim Stadtbummel die Perspektive wechseln

Barrieren wahrnehmen und ihre Wirkung erfahren

Wie schwer behindert ist ein behinderter Mensch? Das hängt davon ab, welche Körperfunktionen wie stark beeinträchtigt sind, möchte man antworten. Dr. Jürgen Hildebrand, ehrenamtlicher Vorsitzender und Mitbegründer des Allgemeinen Behindertenverbandes in Sachsen-Anhalt (ABiSA) e.V., sieht das komplexer: „Das hängt auch davon ab, auf welche Barrieren der Mensch in seiner Umgebung und bei seinen Unternehmungen trifft und wie er selbst mit der Beeinträchtigung umgeht, wie er sie annimmt und seine Chancen für ein selbstbestimmtes Leben nutzt.“

Kann Mann, Frau oder Kind wie andere am gesellschaftlichen Leben teilhaben, einkaufen, Sport treiben, Kinofilme gucken, Theater erleben … ? Dann wird er oder sie trotz seiner Behinderung vieles ungehindert genießen können. Oder ist diese Person bei allem, was sie tun will, auf Hilfe angewiesen und dennoch von vielem ausgeschlossen?

Um Barrieren zu erkennen, ihre ausgrenzende Wirkung zu erfahren, aber auch mögliche Alternativen nachzuempfinden, empfiehlt Jürgen Hildebrand einen Perspektivwechsel: „Verstöpseln Sie Ihre Ohren bei einem Konzert, was bleibt von dem Hörerlebnis übrig und wie fühlen sich die Vibrationen an, die die Musik in Ihrem Körper erzeugt? Verbinden Sie sich die Augen und versuchen Sie, sich auf dem vertrauten Platz vor Ihrem Wohnhaus zurechtzufinden. Schieben Sie einen Rollstuhlfahrer durch die Stadt, um mit ihm einzukaufen oder einen Behördenweg zu erledigen. Sie werden Barrieren wahrnehmen, von denen Sie bisher keine Notiz genommen haben.“

Solch ein Rollstuhlfahrerspaziergang wird beispielsweise in Schönebeck am 4. Mai 2016 vom ABiSA organisiert. Anlass ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Kommunale Entscheidungsträger, aber auch andere Interessierte sind eingeladen, Rollstühle und Veränderungen mit anzuschieben.

Wheelmap.org ist Einladung zum Mitmachen

wheelmap.org

Eine gute Möglichkeit, organisiert oder allein aktiv zu werden, bietet die Wheelmap-App für iPhone, iPad oder Android von Raúl Krauthausen und dem von ihm gegründeten Berliner Verein Sozialhelden. Mit Enthusiasmus wurde sie entwickelt und mit Preis-, Förder- und Spendengeldern finanziert. Ehrenamtlich werden Aktionen organisiert. Registrieren, einloggen, mitmachen, lautet die Aufforderung.

„Denn wenn jede einzelne Person, die mitmacht, nur einmal kurz darüber nachdenkt, ob das Lieblingscafé oder der Bäcker um die Ecke rollstuhlgerecht ist, dann haben wir schon  viel gewonnen“,

schreibt Raúl Krauthausen. Der studierte Kommunikationswirt und ausgebildete Telefonseelsorger fährt selbst Rollstuhl –Krauthausen ist kleinwüchsig und leidet an der sogenannten Glasknochenkrankheit (Osteogenesis imperfecta), was ihn nicht daran hindert, ein lebensfroher Mensch zu sein, der auch gern über sich lacht, wie er sagt.

Wheelmap.org ist eine online-Karte zum Suchen, Finden und Markieren rollstuhlgerechter Orte wie Cafés und Restaurants, Behörden und Bibliotheken, Geschäfte oder Freizeiteinrichtungen. Ein Ort, dessen Eingang und sämtliche Räume im Rollstuhl zugänglich sind, wird mit grün markiert. Ist der Ort prinzipiell zugänglich, der Eingang über maximal eine Stufe von höchstens sieben Zentimetern Höhe und sind die wichtigsten Räume stufenlos erreichbar, dann wird orange markiert. Für Orte, die für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich sind, gibt es rot. Dieses einfache System soll nicht nur gehbehinderten Menschen dabei helfen, ihre Unternehmungen barrierefrei zu planen, auch Senioren mit Rollatoren und Familien, die mit Kinderwagen unterwegs sind, kann die online-Karte eine wertvolle Orientierungshilfe sein.

Zusätzlich kann der Toilettenstatus eingetragen werden. Grün gibt es nur, wenn die Tür mindestens 90 Zentimeter breit ist, die Bewegungsflächen mindestens 1,5 mal 1,5 Meter breit sind, ein WC-Becken mit größerer Sitzhöhe und Stützgriffen vorhanden ist und das Waschbecken mit dem Rollstuhl unterfahren werden kann.

Für gemeinsamen Spaß beim Ent-decken und Lernen haben sich die Wheelmap-Erfinder den „Social Mapping Day“ ausgedacht. Es ist die Einladung, mit Kollegen oder Freunden gemeinsam Mappen zu gehen. Für Lehrer und ihre Schüler heißt es: Wheelmap macht Schule, unterstützt mit kostenlosem Unterrichtsmaterial. Und Wheelmap-Botschafter kann man natürlich auch werden, Mapping-Aktionen in der Kommune organisieren, die Öffentlichkeit informieren, Firmen, Bürgermeister und Stadträte aufmerksam machen …

Andere Behinderungen, andere Barrieren

 „Das ist eine sehr hilfreiche Geschichte“, findet Dr. Jürgen Hildebrand, zumindest was die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer angeht. Bei anderen Beeinträchtigungen gehe es um andere Hindernisse. Hildebrand nennt als Beispiele fehlende oder unzureichende Bodenindikatoren wie Rasenkanten, Pflastersteine oder Borde, die von blinden Bürgern mit dem Langstock ertastet werden können. Zu klein geschriebene oder kontrastlose Hinweisschilder in Behörden, auf Bahnhöfen oder an Haltestellen grenzen sehschwache Menschen aus. Eine unzureichende visuell-technische Ausstattung von Kinosälen hindert hörgeschädigte Menschen am Kulturgenuss. Bürger mit geistiger oder seelischer Behinderung wiederum benötigen andere Erleichterungen, unter anderem Behördentexte in einfacher Sprache. Eine gute Sache für sehbehinderte Menschen sei beispielsweise der „sprechende Hilfeknopf“ im Service-Center des Magdeburger Hauptbahnhofes und in einigen Jobcentern, sagt Hildebrand.

In Sachsen-Anhalt leben rund 184.500 anerkannte Schwerbehinderte, in der Landeshauptstadt sind es mehr als 17.600. Der demografische Wandel lässt zudem ein weiteres Ansteigen von altersbedingten Geh-, Seh- und Hörbeeinträchtigungen erwarten. 56.100 Magdeburger sind älter als 65 Jahre, Tendenz steigend.

„Alle öffentlichen Gebäude, die neu errichtet werden, sollten deshalb weitgehend barrierefrei sein“,

wünscht sich Hildebrand.

Auch für den Wohnungsbestand gibt es Angebote, so unterstützt die KfW Eigentümer mit dem Förderprogramm „Altersgerecht umbauen“ bei der Reduzierung von Barrieren.  Im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPVN) macht die Bundesregierung Druck: Bis 2022 soll der gesamte ÖPNV barrierefrei sein. „Ein schönes Ziel, der Haken ist nur, dass der Bund den Kommunen nur die Aufgabe überträgt, ihnen aber nicht das Geld dafür zur Verfügung stellt“, sagt Hildebrand, der die Forderung vor allem „auf dem flachen Land“ daher für wenig realistisch hält. In Magdeburg sind 86 von rund 260 Straßenbahnhaltestellen barrierefrei (Jahresbericht 2015 des Behindertenbeauftragten der Stadt Magdeburg). Inklusive Bushaltestellen werden von den Magdeburger Verkehrsbetrieben 700 Haltestellen bedient.

Reisen für alle – geprüfte Informationen zur Barrierefreiheit sind im Internet unter:

www.sachsen-anhalt-tourismus.de/reiseservice/tourismus-fuer-alle/ zu finden.

Noch ist die Zahl der Unternehmen und Institutionen, die sich erheben und zertifizieren ließen, übersichtlich. Unter den 19 erfassten Einrichtungen sind zwei Gastronomie-Anbieter, zehn Übernachtungsmöglichkeiten von Hotel bis Ferienpark, fünf Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie zwei Touristinformationen und das öffentliche WC im Rathaus der Stadt Barby. Die Prüfberichte geben Auskunft, welche Barrieren vorhanden sind und was barrierefrei nutzbar ist.

Weitere Tipps für barrierefreie Erlebnisse: Zum Beispiel eine Fahrt mit der Harzer Schmalspurbahn auf den Brocken, barrierefreies Baden im Solequell Bad Salzelmen (Schönebeck) oder eine Tour durch das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, wo ein Ampelsystem Auskunft über die Befahrbarkeit der Wege gibt.

Autor: bek