Digitalisierung braucht Brückenbauer

Willi Kaczorowski sieht in der Teilhabe für alle eine gesellschaftliche Pflicht

Zwischen schnellem Internet und Funkloch, zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt ziehen sich mit der Digitalisierung unsichtbare Gräben. Zu den großen Herausforderungen unserer Zeit gehört es, allen Regionen und Bevölkerungsgruppen den Zugang zu modernen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten und zur Teilhabe an vielfältigen gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen. Es gilt, die Chance zu nutzen, mit digitalen Services mehr Lebensqualität in ländliche Räume zu bringen und wenig internetaffine Bürger einzubeziehen. SERVER sprach darüber mit Willi Kaczorowski. Er ist Strategieberater für Digitale Transformation von Staat und Verwaltung.

Willi Kaczorowski

In Ihrem 2018 erschienenen Buch „Smartes Land – von der Smart City zur Digitalen Region“, das Sie zusammen mit Gerald Swarat geschrieben haben, entwickeln Sie Ideen zur digitalen Entwicklung ländlicher Räume. In den vergangenen Jahren lag der Fokus auf den großen Städten. Warum ist ein Blickwechsel nötig?
Die Ressourcen wurden auf die Großstädte konzentriert und nun drohen die Städte an ihrem Erfolg, an ihrer Anziehungskraft, zu ersticken. Landflucht und Migration führen zu Wohnungsknappheit und zunehmender Verkehrsdichte, zu steigenden Mieten und Parkplatznot, zu Luft- und Umweltbelastungen. Die Infrastruktur hält mit der Entwicklung nicht Schritt, soziale Spannungen nehmen enorm zu.
Wenn wir diese Probleme der Großstädte lösen wollen, müssen wir ländliche Regionen stärken und zwar so, dass sie die Schwächen der Städte kompensieren. Dörfer und Kleinstädte sind zum Beispiel attraktiv für junge Leute, die eine Familie gründen und mit ihr naturnah leben möchten. Ihnen sollte es dann aber auch möglich sein, im Home Office oder in einem Co-Working Space zu arbeiten, Anträge für einen Kita-Platz oder die Steuererklärung online einzureichen, in sozialen Netzwerken zu kommunizieren und online einzukaufen. Dafür braucht es schnelles Internet.

Das Land Sachsen-Anhalt hat rund 300 Millionen Euro Fördermittel bereitgestellt, um die Haushalte in den nächsten Jahren flächendeckend mit schnellem Internet mit mindestens 50 Mbit/s zu versorgen. Bis 2030 sollen flächendeckend Glasfaserkabel verlegt werden, für den Datenaustausch in Gigabit-Geschwindigkeit. Ist es damit getan?
Schnelles Internet ist die Basis. Auf dieser Grundlage müssen wir überlegen, was wir daraus machen, und wir dürfen die Bürger nicht vergessen, die bisher nicht oder sehr selten im Internet unterwegs sind. Das betrifft jeden zweiten über 60-Jährigen und insgesamt etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland. Gräben in der Gesellschaft drohen tiefer zu werden. Mit intelligenter Assistenz-Infrastruktur können wir Brücken bauen.

Was verstehen Sie unter einer intelligenten Assistenz-Infrastruktur?
Neben schnellem Internet und guter Netzabdeckung gehören dazu physikalische und virtuelle Orte sowie digitale Anwendungen, die so miteinander vernetzt werden, dass sie für alle Bewohner nutzbar sind. Zu diesem Netzwerk können Angehörige oder Bekannte gehören, die dem älteren Bürger bei der Anschaffung und beim Einrichten der Technik helfen, aber auch IT-Systemhäuser, die Technik vorstellen, Lust auf neue Geräte und deren Nutzung machen. An Volkshochschulen, in Begegnungsstätten und Bibliotheken kann es Unterstützung geben, damit sich Senioren zum Beispiel für Online-Zahlungsmittel registrieren oder damit sie ein Bahnticket online kaufen können. Eine schöne Initiative sind die Versilberer Cafés des Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ in Hamburg und Berlin, hier werden ältere Menschen in die digitale Welt begleitet, ihnen wird geholfen, das Internet zu verstehen. Das wäre auch in ländlichen Regionen machbar.
Senioren- und Pflegeheime sollten mit WLAN ausgestattet sein, damit die Bewohner zum Beispiel über Videotelefonie mit ihren weit entfernt lebenden Kindern und Enkeln in Verbindung bleiben können. Das ist Lebensqualität. Aber es muss dann auch jemanden im Haus geben, der helfen kann, wenn die Technik nicht funktioniert oder der Bewohner aus Versehen eine falsche Taste gedrückt hat.

Wer soll das leisten?
Kommunen sind gut beraten, diese Entwicklung nicht dem Selbstlauf zu überlassen, sondern sich über Zustand und Ziele klarzuwerden, Prioritäten zu setzen und ein Konzept zu erarbeiten, das den Ort in der Entwicklung voranbringt, seine Stärken herausstellt und ihn attraktiver werden lässt. Auch Personal für Hilfeleistungen einzuplanen, gehört dazu. Ehrenamtliche allein können das nicht schultern. Es gilt, ein Netzwerk aus Dienstleistern, Ehrenamtlichen und Mitarbeitern der Kommune zu schaffen.

Wer soll das bezahlen? Viele Kommunen klagen über knappe Mittel, wer den Haushalt konsolidieren muss, dem schaut die Kommunalaufsicht bei jeder freiwilligen Aufgabe scharf auf die Finger …
Eine zunehmende Digitalisierung entscheidet über Lebenschancen. Wer hat die Möglichkeit, sie zu nutzen und wer nicht? Allen Bürgern die Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. In diesem Sinne halte ich es für notwendig, Fördertatbestände bei der Digitalisierung auf soziale Einrichtungen auszudehnen, die Entwicklung einer intelligenten Assistenz-Infrastruktur zur Pflichtaufgabe zu erheben und Mitarbeiter der Kommunalaufsicht aufzuschlauen. Ausgaben für eine intelligente Assistenz-Infrastruktur oder auch für alternative Mobilitätsangebote sollten nicht mehr als konsumtive Mittel, sondern als Investitionen in die Zukunft des Landes betrachtet und auch so behandelt werden. Und wir brauchen statt der einzelnen sporadischen Initiativen eine Systematik. Vermutlich muss der Druck von unten kommen. Vielleicht brauchen wir eine „mondays-for-future“-Bewegung …

bek