82/83. Ausgabe, 3. Quartal 2021

Einer geht von der Kommandobrücke

Dr. Michael Wandersleb beendet seine letzte Vertragsperiode als KID-Geschäftsführer und KITU-Vorstandsvorsitzender

„Was wollen Sie denn über mich schreiben?“,

sind seine abwehrenden ersten Worte bei unserer Begegnung. Für einen größeren Beitrag sehe er keinen Anlass. Doch die Redaktionskonferenz hatte ihn überstimmt. Wir treffen Dr. Michael Wandersleb in seinem Büro bei KID, den Kommunalen Informationsdiensten. Seit Januar 2004 ist er  Geschäftsführer des IT-Dienstleisters. Zum Jahreswechsel steht der Wechsel in den Ruhestand bevor. Ruhestand? Kaum zu glauben, wenn man ihn erlebt. Und seine 66 Jahre sieht man ihm auch nicht an. Doch es ist beschlossene Sache. Für die nächste Legislatur steht er nicht mehr zur Verfügung. 18 Jahre hat Michael Wandersleb die Entwicklung der KID geprägt. Mit seinen Ideen, seinem Wissen, seinem Elan und dem Drang, immer nach vorn zu wollen, Neues zu entdecken und zu entwickeln. Das letzte und sehr erfolgreiche Projekt für ihn war der KITU-TAG im Oktober. Lächelnd blickt er darauf zurück, und bleibt in der Stimme doch sachlich: „Es war eine Gemeinschaftsarbeit und ich danke allen, die am Erfolg beteiligt waren, für ihre gute Arbeit.“ Es war die größte IT-Messe, die von der KITU in Sachsen-Anhalt auf die Beine gestellt worden ist. (Mehr darüber ist in diesem Magazin zu lesen.) „Wir haben ein bisschen CeBit gespielt“, sagt Wandersleb augenzwinkernd. Stolz kann er darauf sein, nicht zuletzt, weil die Initialzündung für die Gründung der KITU, der Kommunalen IT-UNION, von ihm kam.


Der Start allerdings verlief zunächst nicht erfolgversprechend. Am Anfang stand die Idee, Kommunen an der KID zu beteiligen. Das stieß auf wenig Gegenliebe. Von „Heuschrecke KID“ war die Rede, die alles vereinnahmen wolle. Dr. Wandersleb ließ sich nicht abschrecken, überzeugt von der Sinnhaftigkeit, die Kommunen in eine Gemeinschaft einzubinden. Durch den Deutschen Städte- und Gemeindebund erfuhr er von der Möglichkeit einer Genossenschaft, die ein recht unkompliziertes Mitgliedsprozedere ermöglicht. Gesagt, getan. 2009 wurde die KITU gegründet und das erste Mitglied war Barleben. Das anfängliche Vorurteil von „Magdeburg und seinen Vasallen“ verstummte schnell, als Zeitz der Genossenschaft beitrat. Noch weiter weg von Magdeburg ging es kaum. Andere Kommunen wurden hellhörig. Heute hat die KITU 91 Mitglieder.

„Ohne Netzwerk kann man heute nicht mehr bestehen.“

Der KITU-TAG entstand wie in logischer Folge. Um ins Gespräch zu kommen. Zunächst im relativ kleinen Kreis, in den Geschäftsräumen am Alten Markt. Doch schnell zeigte sich, wie eng dieser Rahmen war – größere Räume folgten. 2021 nun in der Mittellandhalle in Barleben. Zunächst, um den Abstand entsprechend „Corona-Verordnungen“ zu ermöglichen, letztlich jedoch konnten mehr Interessenten teilnehmen als je zuvor. Es hätten noch mehr sein können, wenn die Corona-Beschränkungen nicht gewesen wären. Die Nachfrage war da. Der regelrechte Hunger nach Information. „Schön, dass wir diese Möglichkeit bieten konnten“, freut sich Dr. Michael Wandersleb, der die Wichtigkeit von Kommunikation und Vernetzung betont. „Ohne Netzwerk kann man heute nicht mehr bestehen.“


Technik und Kommunikation, das sind seine Themen. Dabei sah sein beruflicher Weg erst ganz anders aus. Wäre es nach dem Vater gegangen, wäre er Apotheker geworden. Beim jugendlichen Michael entwickelte sich dann jedoch der Wunsch, einmal in der Leitung eines Unternehmens zu arbeiten. Deshalb wollte er zunächst Jura studieren. Schließlich aber trieb es ihn in Richtung Volkswirtschaftslehre und Industriebetriebslehre. Der gebürtige Helmstedter studierte an der Universität in Würzburg, machte seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften und erhielt 1980 seinen ersten Lehrauftrag. Später zog es ihn in die Wirtschaft, in die „Welt der Großunternehmen“, wie er es selbst bezeichnet. Er begann bei dem späteren DAX-Konzern Kali und Salz AG (BASF-Gruppe) zunächst in Lehrte/Hannover, später in Kassel, arbeitete in der Direktionsassistenz, wurde Leiter des weltweit tätigen Beteiligungscontrollings. Von 1992 bis 2003 bekleidete er leitende Positionen bei der Deutsche Telekom AG. Der Weg dahin führte über Magdeburg.

„Magdeburg war für unsere Familie immer eine besondere Stadt.“

Schon von Kindheit an kannte er die Stadt, vor allem wegen seines Vaters. Der opponierte als Jugendlicher in Wolfenbüttel gegen die Nazis und erhielt Schulverbot. Sein Abitur konnte er später im „Nachbarland“ nachholen, in Magdeburg. „Das war dadurch in der Familie immer eine besondere Stadt.“

Beruflich kam er dann 1992 das erste Mal hierher. Eine Stelle in der damaligen Oberpostdirektion war ausgeschrieben. Es war eine Zeit des Umbruchs, „da war viel los“, das reizte und forderte den Mittdreißiger. Dr. Michael Wandersleb wurde Abteilungsleiter Finanzen und Controlling der Deutsche Telekom AG Direktion Magdeburg, übernahm später zusätzlich den Bereich Hochbau und wurde Vertreter des Direktionspräsidenten sowie Niederlassungsleiter für die Geschäftskunden in Sachsen-Anhalt. Bis es 1999 durch Umstrukturierung zum Wechsel nach Berlin kam, wo er ebenfalls leitende Positionen innehatte.

Doch Magdeburg blieb eine besondere Stadt für Michael Wandersleb. Hier hat er seine Frau kennengelernt, gleich um die Ecke seines jetzigen Arbeitsplatzes, auf dem Alten Markt. Privat fanden sie ihre Heimat in Niederndodeleben. Von dort aus pendelte Michael Wandersleb zur Arbeit nach Berlin. Weite Fahrten waren für ihn nicht neu, arbeitete er doch zwischenzeitlich in Kassel. Im Vergleich dazu war Berlin fast nebenan. „Das war damals üblich“, winkt er ab. Berlin sollte ja auch nicht sein bleibender Lebensmittelpunkt sein. Haus und Hof zu verkaufen, „darin sah ich keinen Sinn.“ Es war für ihn nie ausgeschlossen, wieder nach Magdeburg zurückzukehren.

Die Möglichkeit fand sich im Herbst 2003 – besser gesagt: Sie fand ihn. Er wurde auf die Ausschreibung der Stelle Geschäftsführer bei der KID hingewiesen, informierte und bewarb sich. Alles sehr schnell, wundert er sich rückblickend noch immer. Bereits am 1.1.2004 ging es los.  

Neben dem positiven privaten Aspekt war es jedoch vor allem der berufliche, erklärt Michael Wandersleb. Zuvor sei er „ein kleines Rädchen in einer ganz großen Welt mit riesigen Zahlen“ gewesen, wo jeder nur für einen ganz kleinen Ausschnitt zuständig sei. Sein Traum jedoch war, selbst ganzheitlich zu gestalten. Das bot ihm die KID. Er hatte Ideen, Vorstellungen, Engagement, kann damit seine Mitarbeitenden anstecken. Unter Wanderslebs Leitung entwickelte sich der Kommunale Informationsdienst, erweiterte sich von 50 Mitarbeitern auf 130. Aus einem kleinen Unternehmen mit einem Gesellschafter wurde eines mit 91 Gesellschaftern, nämlich in der KITU, deren Vertreter den engagierten Geschäftsmann seit 2009 zum Vorstand wählten.

„Manchmal wäre ich gern Dr. Dolittle.“

Diesmal stellt er sich nicht mehr zur Wahl. Mit dem Ende des Jahres 2021 endet auch die Geschäftszeit von Dr. Michael Wandersleb in KID und KITU. Wie es danach weitergeht, das entscheide er letztlich im Januar, „wenn es soweit ist. Vielleicht werde ich das Thema Blühwiese angehen.“ Und Tiere beobachten im Garten. Im Homeoffice entdeckte er beim Blick nach draußen die Vielfalt der Vögel im Garten. Tiere faszinieren ihn, er engagiert sich mit seiner Frau für das Tierheim in Wolmirstedt, woher auch die beiden Katzen Flocke und Heidi stammen. Wenn möglich, würde er sich gern einen Hund zulegen. „Manchmal wünsche ich mir, Dr. Dolittle zu sein“, sagt er mit einem großen Lächeln. „Tiere haben so eine eigene Art der Kommunikation, die würde ich gern verstehen.“

BiA

Fotos: H. Könitz

Sich sportlich mehr bewegen gehört zu den Zielen des (Un)Ruheständlers. Sich auch mal Ruhe gönnen und mit Dingen beschäftigen, für die bisher keine Zeit war. Ein Buch über mathematische Effekte wartet seit Jahren im Regal. „Mathematik kann spannend sein“, sagt er und fügt dann lachend hinzu: „Vielleicht lege ich es aber auch nach zehn Seiten schon wieder weg.“ Was zählt, ist die Vorstellung, das endlich machen zu können.

Ein Ruhestand also im Garten und mit Tieren, mit Sport und Spazieren? Natürlich nicht nur. Wandersleb hat noch mehrere Ämter inne, wurde gerade erst in diesem Jahr in den Akkreditierungsausschuss der Hochschule Harz berufen und dann ist da auch noch „seine“ Uni in Würzburg. Seit 1986 ist er dort Lehrbeauftragter. Gern auch weiterhin. Am besten in den Sommersemestern, wenn das Wetter schön ist und man gut Wein trinken kann. Sagt‘s und lacht. Dann wird er wieder ernst: „Aber nur so lange, wie es Sinn macht. Ich möchte nicht zu denen gehören, die man raustragen muss.“

Zukunftsvisionen und Realitätssinn, dafür steht Dr. Michael Wandersleb. Gewiss auch weiterhin.