Rathaus Weißenfels
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„Wir sind ja keine Mitbewerber, sondern Kollegen“

Wie die KITU-Gemeinschaft ihren Mitgliedern bei schweren Entscheidungen hilft.
Der Fall Weißenfels.

Weißenfels, bekannt durch den Mitteldeutschen Basketball Club (MBC) und das Schloss „Neu Augustusburg“, ist die bevölkerungsreichste Stadt im Burgenlandkreis. Der Weißenfelser gilt als bodenständig, realistisch und selbstbewusst. So lange es irgendwie geht, erledigt man im Städtchen gern selbst, was so anfällt. Von alters her hat der Weißenfelser etwas gegen Fremdbestimmung, Vereinnahmung, Unterwerfung. Erfährt der vorsichtige Menschenschlag aus dem Süden Sachsen-Anhalts dann aber, dass der „Große“ den „Kleinen“ weder schlucken noch unterwerfen will, dann singt er wahre Loblieder. Die Mitgliedschaft der Stadt in der Kommunalen IT-UNION, kurz KITU, ist dafür ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit.

Von Euphorie war in den Monaten vor dem Beitritt der Stadt Weißenfels zur KITU-Genossenschaft bei Sven Hantscher nichts zu spüren. „Ja, ich hatte Vorbehalte“, gesteht der Fachbereichsleiter Zentrale Dienste. „Wir wussten ja, dass die Landeshauptstadt Magdeburg Gesellschafter der KID ist, die wiederum die Geschäfte der KITU führt. Skeptiker wie ich hatten durchaus Vorbehalte, dass am Ende des Tages der Große den Kleinen schlucken könnte.“

Und trotzdem – nach langen Diskussionen in Verwaltung und Stadtrat wurde Weißenfels zum 1. Januar 2011 KITU-Mitglied: „Die drei Mitarbeiter in der IT-Abteilung hatten die Administration der Verwaltung für 42.000 Einwohner mit rund 200 PC-Arbeitsplätzen zwar im Griff, aber wir wussten, dass wir mit allem, was nach vorn gehen muss, überfordert sind. Und angesichts unserer angegrauten Hardware und anderer Defizite in der IT-Technik musste eine ganze Menge ,nach vorn gehen‘.“

Heute ist Sven Hantscher nicht nur froh über den Mut zum Risiko seiner Stadt, sondern auch überzeugt davon, dass es in der kommunalen Familie weit mehr Mit- als Gegeneinander gibt: „Die Kleinen lernen von den Großen. Und manchmal ist es sogar umgekehrt."

Als eines der ersten KITU-Mitglieder gehört Weißenfels inzwischen zu den Kommunen, die die meisten Erfahrungen mit der Genossenschaft haben:

„Und wissen Sie was, wir haben mit der KITU schon jede Menge Projekte sehr erfolgreich umgesetzt.“

Das erste davon war die Erneuerung der IuK-Netzwerkinfrastruktur mit TK-Anlage in Zusammenarbeit mit KITU und KID. Die Umsetzung machte Schluss mit dem Weißenfelser Flickenteppich an Hardware und Netzen in der Verwaltung. Statt einem chaotischen Mischmasch aus Glasfaser, Kupfer, LAN, WLAN oder DSL wurde binnen fünf Monaten ein zukunftssicheres VoIP-ready-Datennetz, zu dem passend eine neue VoIP-Telekommunikationsanlage installiert wurde. Da zu jener Zeit gerade das Weißenfelser Rathaus um-, an- und ausgebaut wurde, verzahnte sich die Implementierung mit den Bauarbeiten und Umzügen. Sven Hantscher: „Das Ganze lief so erstaunlich geräuschlos ab, dass wir uns umgehend mit dem nächsten Projekt befasst haben.“ Diesmal ging es um die Einführung eines Ratsinformationssystems. In Weißenfels wusste man schon länger, dass der Wunsch nach transparenter, elektronischer Bereitstellung und Aufbereitung von Verwaltungsinformationen größer werden würde. Früher oder später mag schließlich kein Abgeordneter mehr mit Aktenbergen durch die Gegend laufen oder für eine Recherche Stunden im Stadtarchiv verbringen müssen.

Sven Hantscher, Fachbereichsleiter Zentrale Dienste in Stadt Weißenfels
Sven Hantscher, Fachbereichsleiter Zentrale Dienste in Stadt Weißenfels

Auch Bürger erwarten zunehmend, in Planungsprozesse der Verwaltung und bei den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen eingebunden zu werden. Hantscher: „Ohne innovative, webbasierte Lösungen ist das nicht zu leisten.“ Also wurde wieder mit Hilfe der KITU „Session“ eingeführt. Nicht nur die 40 Weißenfelser Stadträte, die in sechs Fachausschüssen arbeiten, sind hochzufrieden, sondern auch die Ortschaftsräte in den zwölf Ortsteilen und dutzende Sachbearbeiter/innen, die nun nicht mehr jede Vorlage dutzendfach kopieren müssen.

Heute ist die Faktenrecherche im Weißenfelser Rathaus beinahe so einfach und so schnell wie bei Wikipedia, und die digitale Verfügbarkeit von Vorlagen, Anträgen, Anlagen und sonstigen Dokumenten dürfte hektarweise Wald gerettet haben. Das bisher größte Projekt ist erst vor wenigen Tagen abgeschlossen worden – die Erneuerung des Rechenzentrums mitsamt der kompletten IT-Infrastruktur. Sven Hantscher:

„Dabei konnten wir als KITU-Mitglied auf die Erfahrungen von Barleben zurückgreifen, die das zwei Jahre zuvor umgesetzt hatten.“

In Weißenfels war dem Oberbürgermeister und seinen IT-Leuten klar, dass sie ein solch anspruchsvolles Projekt ohne Hilfe nicht würden stemmen können. Denn dafür muss man technisch topfit sein. Ganz abgesehen vom aufwändigen europäischen Vergaberecht – allein die Erstellung des Leistungskatalogs ist eine Angelegenheit für Profis. Sven Hantscher: „Man muss ja z.B. wissen, welche Technik auf dem Markt ist, wie zukunftssicher die ist, wie lange dafür eine Servicegarantie gegeben wird usw. Jede private IT-Firma wirbt schließlich für sich. Aber wer von uns kann seriös einschätzen, was für unsere Bedürfnisse wirklich sinnvoll ist? Ganz ehrlich: Ich vertraue da lieber den Erfahrungen anderer Kommunen als den schönen Worten von Vertriebsprofis. Im Unterschied zur freien Wirtschaft verstehen wir uns ja nicht als Mitbewerber, sondern als Kollegen.“ Profitierte Weißenfels also von Barleben, steht es nun selbst als Blaupause für eine andere Stadt zur Verfügung. Hantscher: „Halberstadt plant die Erneuerung seines Rechenzentrums. Mein Amtsbruder hat schon angerufen und sich nach meinen Erfahrungen erkundigt.“

Der Weißenfelser Fachbereichsleiter ist längst mutiert – vom Pessimisten zum Genossenschaftler aus Überzeugung: „Vor vier Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass der Genossenschaftsgedanke tatsächlich so gut funktioniert. Die KITU ist ein Beispiel dafür, dass viele von den Erfahrungen anderer profitieren und das Know-how des Dienstleisters, in diesem Falle des kommunalen IT-Dienstleisters KID Magdeburg, nutzen. Es geht eben nicht nur um eine Dienstleistung, sondern meist um eine Strategie. Etwas, was in der schnelllebigen IT-Welt Kommunen nicht mehr allein leisten können.“

Heute sind über 30 Gebietskörperschaften Mitglied der Genossenschaft. Und Sven Hantscher engagiert sich inzwischen als Leiter der Arbeitsgruppe „Strategie & Steuerung“ in der KITU.

Autor: Jens-Uwe Jahns