Marcel Pessel und Dr. Michael Wandersleb

58. Ausgabe, 3. Quartal 2015

Wir sind so eine Art Selbsthilfegruppe für Kommunen

Im Gespräch mit den Vorständen der Kommunalen IT-UNION (KITU)

Mit der Gründung der Kommunalen IT-UNION, kurz KITU, betraten die Landeshauptstadt Magdeburg, ihr IT-Dienstleister KID und die Gemeinde Barleben am 22. Dezember 2009 Neuland: Erstmals schlossen sich zwei Kommunen in der Unternehmensform als Genossenschaft zusammen, um gemeinsam die Herausforderungen der Informationstechnologie anzugehen. Von Anfang an war die KITU offen für interessierte Kommunalverwaltungen in Sachsen-Anhalt. Sechs Jahre später hat die Genossenschaft 37 Mitglieder und einen exzellenten Ruf. Doch kann die KITU dem ungebremsten Mitgliederansturm gerecht werden? Wie groß ist die Gefahr, dass Größe langsam macht?

Der Server sprach mit dem KITU-Vorstandsvorsitzenden Dr. Michael Wandersleb und dem KITU-Vorstandsmitglied Marcel Pessel.

Seit ihrer Gründung wächst die KITU rasant. 37 Mitglieder binnen sechs Jahren – haben Sie mit diesem Tempo gerechnet?

Marcel Pessel: Die Mitgliederzahl liegt genau dort, wo wir sie vor sechs Jahren erwartet haben. Wir kalkulierten in den ersten Jahren mit durchschnittlich fünf neuen Mitgliedskommunen pro Jahr. Ich denke aber, dass es in diesem Tempo nicht weitergeht.

Dr. Michael Wandersleb: Eine interessante Zahl ist auch, dass mehr als 50 Prozent der Bürger Sachsen-Anhalts in KITU-Städten und -Gemeinden leben. Ich bin überzeugt davon, dass der Beitritt der Stadt Zeitz 2010 entscheidend zur schnell wachsenden Mitgliederzahl beigetragen hat.

Warum?

Dr. Michael Wandersleb: Weil Zeitz als Stadt im Süden Sachsen-Anhalts deutlich gemacht hat, dass die KITU keine Veranstaltung von Magdeburg und dem Umland ist, sondern ein Angebot für das gesamte Bundesland darstellt.

Als was sieht sich die Kommunale IT-UNION selbst?

Marcel Pessel: Leicht flapsig formuliert: als Selbsthilfegruppe der Kommunen für ihre komplizierter werdende IT. Üblicherweise werden für kommunale IT-Dienstleistungen Zweckverbände oder Anstalten öffentlichen Rechts gegründet. Wir haben die Genossenschaftsform gewählt, weil sie die Möglichkeit bietet, dass jedes Mitglied gleichberechtigter Miteigentümer ist. Egal, wie groß oder klein eine Kommune ist, jede hat nur eine Stimme. Wir verstehen uns nicht nur als Liefergenossenschaft, in der die Klippen europaweiter Ausschreibungen durch In-House-Geschäfte umschifft werden. Nein, wir sehen die KITU als gemeinsames Projekt, das nur ihren Mitgliedern und deren Bedürfnissen verpflichtet ist. Wir machen nichts für nur ein Mitglied, umgesetzte Projekte werden immer auch den anderen angeboten. Das ist nicht nur preiswerter. Auch jeder, der einem einmal umgesetzten Projekt folgt, erspart sich dessen Kinderkrankheiten.

Betreibt die KITU angesichts der erfreulichen Mitgliederzahlen eigentlich noch aktiv Akquise oder geht man die Mitgliederwerbung bereits ein Stück weit geruhsamer an?

Dr. Michael Wandersleb: Wir sind ja nie aggressiv auf Kommunen zugegangen, um auf Teufel komm raus zu wachsen. Richtig ist aber, dass im Vergleich zu den ersten Jahren heute vieles auf Empfehlung geschieht. IT-Verantwortliche in den Verwaltungen reden ja miteinander. Und je mehr sich herumspricht, dass die gemeinsamen KITU-Projekte bestens funktionieren, desto häufiger bekommen wir Anfragen auf den Tisch. Es ist ja auch nicht so, dass die KID Magdeburg als Betriebsgesellschaft der KITU gänzlich unbekannt in Sachsen-Anhalt ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die KID hat mit nahezu jeder Kommune bereits Verträge, manchmal nur mit kleinen Projekten. Dadurch weiß man im Land, dass KID und KITU kompetent, seriös und ein gutes Gespann sind.

Marcel Pessel: Beste Werbeträger sind Veranstaltungen der KITU, zu denen alle Kommunen eingeladen werden, egal, ob sie bereits Mitglied sind oder nicht. Alle zwei Jahre gibt es z.B. einen KITU-Tag mit spannenden Fachvorträgen zu kommunalen IT-Themen. Auch mit einer Road-Show-Tour waren wir schon unterwegs.

Wie ist sichergestellt, dass die KID als Dienstleister der KITU personell und technisch mit ihren Aufgaben wächst?

Dr. Michael Wandersleb: Seit Jahren gibt es unter den Mitgliedern eine Zufriedenheitsumfrage. Stabil bekennen darin zwischen 80 und 83 Prozent der Kommunen, dass sie zufrieden bzw. sehr zufrieden mit den Leistungen von KID und KITU sind. Mit den Jahren haben wir unsere Konzepte für Einzelprojekte immer weiter verfeinert, sodass wir heute sehr schnell und zuverlässig Verwaltungsprozesse umstellen, Fachverfahren installieren, Druck- und Kopierkonzepte umsetzen können. Die Mitarbeiterzahl der KID ist von 56 im Jahr 2010 auf heute 80 gestiegen. In die Technik hat die KID seit 2010 rund 6 Millionen Euro investiert. Das hat allerdings nicht nur mit den steigenden Support-Ansprüchen der KITU-Mitglieder zu tun, sondern auch mit den höheren Anforderungen an die Betriebs- und Informationssicherheit des KID-Hauptkunden, der Landeshauptstadt Magdeburg. Da nutzen wir Synergien – im Interesse aller Beteiligten.

Marcel Pessel: Zweifellos steigen die Ansprüche an die KITU und ihren Dienstleister, die KID. Wenn heute die IT in einer Kommunalverwaltung ausfällt, ist das etwas völlig anderes als vor zehn Jahren: Heute können sie das Rathaus dicht machen, weil nichts mehr geht. Das ist auch der Grund, warum es sich die KITU gar nicht mehr leisten kann, ihre Mitglieder hängen zu lassen.

Stimmt es, dass KITU-Mitglieder zuweilen lange auf konkrete Leistungs- und Preisangebote warten müssen?

Dr. Michael Wandersleb: Und wenn, dann ist das ein eher sehr, sehr seltener Fall. Vielleicht, wenn wir zuzukaufende Leistungen erst ausschreiben und Fristen beachten müssen. Oder wenn wir ein Projekt so spannend finden, dass wir erst bei KITU-Mitgliedern abfragen wollen, ob sie ebenfalls Interesse am Projekt oder einer bestimmten Anschaffung haben. Das würde ja dann für alle auch finanziell sehr lukrativ sein. Der Fall der eher schleppenden Umsetzung des Telefonkonzeptes gemeinsam für eine Stadt und einen Landkreis zeigt, dass die KITU und deren Betriebsgesellschaft KID von anderen Dienstleistern abhängig sind.

Wie sorgt der KITU-Vorstand dafür, dass die Mitgliedschaft höchste Qualität und schnellen Service bekommt?

Marcel Pessel: Im genannten Fall hatte sich das Telefonunternehmen mitten im Projekt global umstrukturiert. Alte Ansprechpartner waren plötzlich nicht mehr da, die verbliebenen Mitarbeiter verunsichert. Die KITU hat versucht, ihre Marktmacht zu nutzen und letztlich beim Servicechef Europa Erfolg gehabt. Als Landkreis oder kleine Kommune wäre man vermutlich in der erstbesten Telefon-Hotline hängengeblieben. Der Fall ist bedauerlich und dürfte die Chancen des Unternehmens bei weiteren Ausschreibungen sicher nicht gerade erhöhen.

Zurück zur KITU: Was glauben Sie, sind die wichtigsten Beweggründe für Kommunen, der Genossenschaft beizutreten?

Dr. Michael Wandersleb: Die Rechtssicherheit bei Neuanschaffungen durch die europaweiten Ausschreibungen durch die KITU und die damit verbundenen Preisvorteile durch gemeinsamen Einkauf. Der Erfahrungsaustausch unter den Mitgliedern bei Veranstaltungen, in den Arbeitskreisen und durch Besuche untereinander. Und als Drittes die Garantie für Kommunen, dass sie jederzeit auf professionelle Unterstützung bei der Sicherheit ihrer IT-Systeme und der Sicherheit ihrer sensiblen Daten zurückgreifen können.

Marcel Pessel: Nicht zu verachten ist gerade bei kleineren Kommunen der finanzielle Aspekt. Die kleine Gemeinde Barleben sparte allein mit der Umsetzung eines Druck- und Kopierkonzeptes 11.000 Euro – pro Jahr!

Wenn der KITU-Vorstand einen Wunsch frei hätte, dann ...

Dr. Michael Wandersleb: ... wünschten wir uns eine engere Zusammenarbeit mit der Landesverwaltung. Für den Anfang würde es schon einmal reichen, wenn das Land die KITU als IT-Gemeinschaft von 37 Kommunen beteiligen würde, wenn sie sich mit der IT in den Kommunen beschäftigt. In anderen Bundesländern, ich nenne da nur Sachsen mit der SAKD oder Bayern mit der AKDB, gibt es dafür gute Beispiele.