Familie Schmidt um 1920
© Haribo

57. Ausgabe, 2. Quartal 2015

Einfach goldig

Hans Riegel aus Bonn erfindet 1922 einen Tanzbären zum Essen – den Gummibären

Zahlreiche Erfindungen in den vergangenen Jahrhunderten haben die Welt verändert. In einer Serie erinnert der Server an Erfindungen, die das Leben der Menschen beeinflusst haben. In der 26. Folge erzählen wir die Geschichte von Hans Riegel (* 3. April 1893 in Friesdorf bei Bonn;
† 31. März 1945). Er erfand die Gummibären.

Die Welt steht kurz vor der Jahrhundertwende, als Hans Riegel am 3. April 1893 in Friesdorf bei Bonn geboren wird. Nach der Schule ergattert er einen Ausbildungsplatz als Bonbonkocher bei der Firma Kleutgen & Meier. Ein Knochenjob, denn das Verdickungsmittel ist zäh. Tagein, tagaus steht er am Kessel und kocht Bonbons, Lakritze und Salmiakpastillen. Anschließend liefert er sie mit dem Handkarren aus, z.B. an Apotheken in der Umgebung. Doch Hans Riegel findet Gefallen an der Herstellung von Bonbons und Weichgummiartikeln aus Gummi arabicum. Und er spart eisern, um seine eigene Firma eröffnen zu können. 1920 ist es geschafft. In der Bergstraße in Bonn Kessenich erwirbt der 27-Jährige ein Haus mit Waschküche – seine erste Fabrikationsstätte. Das Startkapital besteht aus einem Sack Zucker, einer Marmorplatte, einem Hocker, einem gemauerten Herd, einem Kupferkessel und einer Walze. Vom Hinterhof aus erobert er die Welt, doch zunächst lässt er am 13. Dezember 1920 die Firma HARIBO als Akronym für HAns RIegel BOnn ins Handelsregister der Stadt Bonn eintragen. 1921 heiratet er Gertrud; sie wird seine erste Mitarbeiterin.

Sehr wahrscheinlich wäre dieser Artikel nie geschrieben, wäre dem Bonbonkocher nicht 1922 die Idee gekommen, einen sogenannten Tanzbären aus Weichgummi zu kreieren – damals noch mit schmalem Gesicht, traurigem Blick und herunterhängenden Mundwinkeln. Die Rezeptur tüftelt Hans Riegel in lang durchwachten Nächten aus. Sie bleibt ein sorgsam gehütetes Geheimnis. Streng nach dem firmeneigenen Motto: 

„Man darf zwar alles essen, aber nicht alles wissen!“

Der Tanzbär macht Karriere und ist heute als Haribo-Goldbär weltbekannt.

1923 kauft Riegel den ersten, mit Werbeschildern ausgestatteten Pkw. Fortan muss Ehefrau Gertrud die Tagesproduktion nicht mehr mit dem Fahrrad ausliefern. Im gleichen Jahr wird Sohn Hans geboren. 1924 und 1926 folgen Tochter Anita und Sohn Paul. 1925, nur drei Jahre nach der Erfindung des Tanzbären, legt Hans Riegel den zweiten Grundstein der Haribo-Erfolgsgeschichte: Er beginnt mit der Herstellung von Lakritzprodukten. Zum Verkaufsschlager werden Lakritz-Stangen mit dem aufgepressten Haribo-Schriftzug. Bald folgen weitere Lakritz-Leckereien, u.a. die Lakritz-Schnecke. Ab 1930 wird die Produktionsstätte erweitert.

Mitte der 30er Jahre wird der Werbeslogan „HARIBO macht Kinder froh“ erfunden. Unmittelbar vor dem 2. Weltkrieg hat das Unternehmen bereits rund 400 Mitarbeiter. Zwischen 1939 und 1945 gehen die Umsätze in den Keller, vor allem wegen zunehmender Rohstoffknappheit. Als der Nazispuk fast vorbei ist, stirbt Firmengründer Hans Riegel im Frühjahr 1945 mit gerade einmal 52 Jahren. Ehefrau Gertrud übernimmt die Leitung der Geschäfte, die ihr von den Söhnen Hans und Paul 1946 nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft abgenommen wird. Fortan repräsentiert Hans Riegel junior die Firma nach außen, während Paul Riegel die Forschung und Produktentwicklung leitet und so gut wie nie in der Öffentlichkeit auftritt. Die Söhne haben ein glückliches Händchen mit ihrer Entscheidung, den essbaren Tanzbären kleiner, dicker und bunter zu machen. 1957 übernehmen sie die Godesberger Firma Kleutgen & Meier, wo Hans Riegel senior seinen ersten Arbeitsplatz hatte.

Haribo Goldbären © Panthermedia | Thomas-Lammeyer

Die Haribo-Chefs greifen immer mal wieder zu ungewöhnlichen Marketingmaßnahmen. Kurz nach der Firmenübernahme fährt Hans Riegel junior von Bonn nach Bremen. Der Rheinländer will herausfinden, was die Norddeutschen so naschen und ob man Haribo auch dort kennt. In der Fußgängerzone spricht er Passanten an: „Kennen Sie Haribo?“ „Nein, ich bin auch nicht von hier“, antworten die Leute in Unkenntnis der Bonner Marke. Riegel zieht seine Konsequenzen: „Da wusste ich, ich muss Werbung machen.“

Vorreiter sind die Riegels bei der TV-Werbung. Bereits 1962, das neue Medium steckt noch in den Kinderschuhen, wird zum ersten Mal im deutschen Fernsehen Werbung für Haribo ausgestrahlt. Mitte der 60er Jahre wird der Werbeslogan „Haribo macht Kinder froh“ um den Zusatz „und Erwachsene ebenso“ ergänzt. Dieser weist heute mit 98 Prozent den größten Bekanntheitsgrad auf (Quelle: GfK).

Aus dem ehemaligen Familienbetrieb wird in rasanter Geschwindigkeit der größte Süßwarenkonzern Deutschlands und Weltmarktführer der Branche. Vor allem, weil sich die Riegels nie mit dem zufrieden geben, was es bereits gibt. Immer wieder bringen die Riegel-Brüder neue Ideen in die Firma, z.B. die schwarz-weißen Schaumgummi-Pandas oder Ingwer-Zitrone-Fruchtgummis. Inspirieren lässt sich der kinderlose Gründersohn Hans dabei von Kinderserien, Jugendmagazinen und Comics: „Ich muss darüber informiert sein, was sie naschen wollen, was sie denken, welche Sprache sie sprechen.“

Nach Paul Riegel am 2. August 2009 stirbt am 15. Oktober 2013 auch Hans Riegel junior im Alter von 90 Jahren. Die Herren der Gummibären sind heute Hans Riegels Neffen Hans-Guido und Hans-Arndt Riegel.

Autor: Jens-Uwe Jahns