60. Ausgabe, I. Quartal 2016

Er gab dem Dübel ein Schwänzchen

Artur Fischer gilt als einer der produktivsten Erfinder der Welt

Zahlreiche Erfindungen in den vergangenen Jahrhunderten haben die Welt verändert. In einer Serie erinnert der Server an Erfindungen, die das Leben der Menschen beeinflusst haben. In der 29. Folge erzählen wir aus aktuellem Anlass die Geschichte von Artur Fischer (* 31. Dezember 1919 in Tumlingen; † 27. Januar 2016 ebenfalls in Tumlingen). Fischer ist mit mehr als 1.100 Patenten und Gebrauchsmustern einer der produktivsten Erfinder der Welt. Seine bekannteste Erfindung ist der Kunststoffdübel.

Dübel
panthermedia © vvoennyy

Artur Fischer wächst in bescheidenen Verhältnissen im Schwarzwald auf. Der Vater kann als Schneider seine Familie eher recht als schlecht über Wasser halten. Mutter Pauline verdient notgedrungen ein paar Groschen mit Bügelarbeiten für den Dorfpfarrer dazu. Artur ist der Erstgeborene und einer, auf den der Vater ein besonders strenges Auge wirft. Der Matrosenanzug ist sein kindliches Markenzeichen. Er ist stets der Einzige im Dorf, dessen Hose Bundfalten hat – dank seiner bügelaffinen Mutter und der eigenen Ordnungsliebe.

Artur Fischer
Fotoquelle: Fischer | Presse | © Michael Fuchs

Die Lust am Handwerklichen wird erstmals sichtbar, als er unbedingt das Aquarium seines Lehrers nachbauen will. Der Vater fördert das Talent des Filius und gibt ihm das Geld für das Material. Weihnachten 1929 liegt ein Märklin-Metallbaukasten unter dem Baum. Da ist er gerade einmal 10 Jahre alt. Der Kasten ist entscheidend für Fischers lebenslange Spiel- und Entdeckerfreude. Diese Erfahrung wird ihn später dazu bringen, die Neugier und Experimentierlust von Millionen Kindern mit neuen Baukastensystemen zu wecken.

Nach dem Besuch der Realschule von 1930 bis 1933 suchen ihm die Eltern einen Bauschlosserei-Betrieb in Stuttgart aus.

So lernt Artur 1934 die Großstadt kennen – und verfluchen. „Es war furchtbar. Entsetzlich. Ich hatte solches Heimweh“, sagt er in einem Zeitungsinterview und erzählt von einem flammenden Brief, den er dem Vater schreibt und der sein Leben prägen wird. Der Vater antwortet: „Mein lieber Sohn, selbstverständlich darfst du jederzeit heimkommen. Sei aber versichert, dass ich dich nicht in mein Haus lassen werde, wenn du anklopfst. Dein dich liebender Vater.“ Artur hat anderes erwartet, doch zum ersten Mal stößt er auf Widerstand. Jahrzehnte später wird Fischer klar, dass der Vater Recht hatte - Widerstand muss gebrochen werden. Zeitlebens bricht er daraufhin Widerstände.

Als Brillenträger und ohne Abitur wird ihm im Zweiten Weltkrieg der Wunsch verwehrt, Flugzeugführer oder Offizier zu werden. Stattdessen setzt man ihn als Flugzeugmechaniker beim Jagdgeschwader 52 ein, einer Einheit, mit der er in den Kessel von Stalingrad gerät. Nach eigener Aussage kommt er mit dem letzten Flugzeug raus.

Nach Kriegsende findet er 1946 eine Anstellung im Ingenieurbüro von Edgar Rößger, heiratet im Mai 1947 Rita Gonser aus dem Nachbardorf Lützenhardt. Ein Jahr nach der Hochzeit kommt eine Tochter zur Welt und Artur gründet seine eigene Firma. Sein Erfindergeist erwacht, als er eine Zeitungsanzeige liest, mit der eine Weberei Webstuhlschalter im Tausch gegen Textilien sucht. Artur fertigt in Rekordzeit einen solchen aus dem Blech von Kartuschen. Es folgen elektrische Feueranzünder. Als er als stolzer Vater sein Töchterchen fotografieren lassen will kommt es zum Eklat. Die Fotografin weigert sich, in der kleinen Mansardenwohnung mit Magnesiumblitzlichtbeutel und Zündschnur zu hantieren, da sie akute Brandgefahr für das Holzdach befürchtet. Daraufhin entwickelt Artur Fischer den ersten synchron arbeitenden Blitz am Fotoapparat. Die Knöpfe zum Auslösen des Blitzes lötet Mutter Fischer auf dem heimatlichen Herd. Die Erfindung ist auf der photokina 1950 ausgestellt und wird zu der Sensation. Agfa kauft die gesamte Produktion und die Vermarktungsrechte.

Neun Jahre später hat Fischer die Erfindung seines Lebens: den Dübel. Eigentlich gibt es ihn schon seit dem Mittelalter, Fischer verbessert ihn nur. Das allerdings grundlegend. Dübel der Nachkriegszeit sind aus Blei oder Holz oder bestehen aus einer Hanfstange mit einer Blechhülle. Sie alle eint, dass sie spektakulär unpraktisch sind, denn Blech dehnt sich nicht richtig im Bohrloch aus und muss maßgeschneidert sein, damit es überhaupt ins Bohrloch passt.

Das Besondere am Fischer-Dübel ist das Material. Er benutzt Nylon. Das ist zwar sehr teuer, dafür aber witterungsbeständig, wärmeresistent und dehnbar. Und durch den fehlenden Anschlag kann der Dübel auch tief ins Loch wandern, ist damit für alle Lochtiefen verwendbar. Fischer erfindet Seitenzähne, die seinen Dübel für hartes und weiches Material gleichermaßen nutzbar machen: Im Beton dehnt sich der Dübel in den Zahnzwischenräumen aus. Und schließlich noch das, was Neider ein „Dübelschwänzchen“ nennen: Die beiden abstehenden Sperrzungen verhindern beim Fischer-Dübel das Durchdrehen des Dübels und kompensieren selbst falsche Schraubentypen in seinem Gewinde.

Artur Fischer schreibt jedoch nicht nur mit seinem S-Dübel Geschichte, sondern auch mit dem „fischertechnik“-Baukastensystem oder einem Dübel zum Fixieren von Knochenbrüchen. Wenige Jahre vor seinem Lebensende im vergangenen Jahr sorgt er mit einem kompostier- und essbaren Kinderspielzeug aus Kartoffelstärke für Furore – es wird als fischer TiP umgesetzt. In einem Interview verwahrt er sich gegen die Bezeichnung Tüftler: „Ich bin kein Tüftler und bin auch eitel genug, um auf dem Unterschied zu beharren. Ein Tüftler erfindet quasi aus Versehen oder für den Eigenbedarf. Erst ein Erfinder denkt von Anfang an auch an die Vermarktung und den Vertrieb. Tüftler sind keine Erfinder aus Berufung.“

Bereits 1980 übergibt er seine Fischerwerke Sohn Klaus Fischer. 2012 erzielt die Unternehmensgruppe einen weltweiten Umsatz von ca. 618 Millionen Euro, den Hauptteil davon mit Befestigungstechnik (Dübeln usw.). Allein im Werk Waldachtal-Tumlingen werden täglich mehr als zehn Millionen Dübel produziert.
Artur Fischer war zweifellos ein Unikum, ein Unternehmer der alten Schule, einer, der die Chancen der Zeit mit seinem unglaublichen Gespür für Neues genutzt hat. Er malt und musiziert, er ist handwerklich begabt und immer auf der Suche nach einer besseren Lösung. Er weiß zeitlebens um seine Talente und pflegt jedes einzelne. Einen Zeitungsredakteur ließ er 2004 einmal ganz tief in seine Seele blicken: „Es dauerte ein Weilchen, aber irgendwann habe ich begriffen: Ich bin eine Bereicherung für die Menschheit.“ Der offenbar schwer beeindruckte Journalist schrieb dazu: „Man muss ihn kennen, man muss erleben, dass er niemals vor Frauen die Treppe herauf- oder heruntergehen würde, dass er Gäste stets bis ans Auto bringt, dass er keinen auch nur eine Minute bei Terminen warten lässt, all dies muss man wissen, um den Satz nicht fälschlich als arrogant zu lesen, sondern vielmehr als tiefe Demut und Verbeugung.“

Am 17. Juni 2014 wurde Artur Fischer mit dem Europäischen Erfinderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Autor: Jens-Uwe Jahns

Weltneuheit: 3D-Drucker von fischertechnik

3D-Drucker
© Fischertechnik

Zukunft wird gedruckt

fischertechnik präsentiert auf der Spielwarenmesse in Nürnberg erstmals einen 3D-Drucker aus einem Baukastensystem. Der 3D-Drucker schafft die einzigartige Möglichkeit, aus bekannten Bauelementen des Konstruktionsbaukastens einen eigenen 3D-Drucker zu konstruieren und dabei die Funktionsweise zu verstehen. Zudem ermöglicht es der einfach zu bauende und stabile 3D-Drucker, aus CAD-Daten Produkte wie eine Aufbewahrungsbox selbst herzustellen und die fischertechnik Modelle damit zu ergänzen.