© pedrosek | 123RF

81. Ausgabe, 2. Quartal 2021

Dark, Deep, Clear: So komplex ist das World Wide Web

Die Ebenen des Internets leicht erklärt

Darknet, Deepnet, Clearnet – das Internet. Für die einen YouTube-Videos in Endlosschleife, für die anderen der größte Waffenumschlagsplatz der Welt. Aber worin unterscheiden sich die verschiedenen Bereiche des Internets eigentlich? Eine Dekonstruktion.

 

Internet: Das globale Netzwerk

Womöglich weiß der geneigte Leser, wie das Internet funktioniert. Vielleicht traut er sich aber auch nur nicht mehr zu fragen. Deswegen hier die Basics im Überblick.
Das „Internet“ ist ein globales digitales Netzwerk, das wiederum aus kleinen Netzwerken besteht, darunter Firmennetzwerke wie Google, Bildungsnetzwerke von Universitäten und Netzwerke von Internetprovidern wie der Telekom.
Die Rechner in diesen Netzwerken sind sogenannte „Server“. Auf ihnen liegen Daten, etwa Film, Musik und Bilder. Beim Einwählen ins Netz bekommt das Endgerät (Smartphone, PC, etc.) des Nutzers eine Adresse in Form einer Zahlenkombination (IP) zugewiesen. Auch der entsprechende Server hat eine solche Adresse.
So wie in jedem Netz gibt es auch im Internet Knotenpunkte. Diese riesigen Rechenkapazitäten empfangen große Datenmengen und verteilen sie dank der IP an die Empfänger weiter. Der größte Knotenpunkt befindet sich übrigens in Frankfurt am Main.
Ein simples Beispiel: Streamt man bei Netflix einen Film, adressiert das Gerät des Nutzers direkt den entsprechenden Netflix-Server und fragt die Daten für Film XY ab. Der Server schickt dann Datenpakete an die IP, die die Anfrage gestellt hat. Jeder Bereich des Internets funktioniert auf diese Weise.

Clearnet / Clear Web / Surface Web / Visible Web: Der offene Bereich des Internets

Das Clearnet bezeichnet alle Websites, die öffentlich zugänglich und in Suchmaschinen gelistet sind. Bedeutet, dass diese Websites etwa durch Google gefunden werden können. Ein weiteres Merkmal ist die Nutzbarkeit. Websites im Clearnet können ohne Umwege genutzt werden. Dazu zählen also etwa diverse Nachrichtenwebsites, Blogs, Medienplattformen und Wikis.
Das Clearnet begleitet die meisten Menschen im Alltag, z. B. wenn man auf dem Weg zur Arbeit durchs Netz stöbert, Werbung angezeigt bekommt, Katzenvideos anschaut und Online-Shops durchsucht.
Tatsächlich ist das Clearnet aber nur die Spitze des vielzitierten Eisbergs. Und genau genommen betreten die meisten Menschen vermutlich auch jeden Tag das Deepnet, ohne dass es ihnen vielleicht bewusst ist.

Deepnet / Deep Web / Hidden Internet: Der geschlossene Bereich des Internets

Die größten Missverständnisse treten wohl in Sachen Deepnet auf. Dieser Teil des Internets stellt meistens die Basis für das Clearnet dar. In ihm verbergen sich oft geschützte Zugänge in die Verwaltung von Websites. Diese administrativen Seiten sind nicht in Suchmaschinen gelistet und werden deshalb auch als „Hidden Service“, also versteckte Services, bezeichnet. Sie sind aber mit normalen Webbrowsern wie Firefox oder Chrome erreichbar. Es erfordert in der Regel einfach ‚nur‘ Logindaten. Und an dieser Stelle wittert der Leser vielleicht schon, wo die Reise hingeht. Denn die Grenzen zwischen Clearnet und Deepnet sind bisweilen unscharf. Ein Beispiel aus dem Alltag:

  1. Produktsuche via Google: Clearnet
  2. Googles Suchergebnisse: Clearnet
  3. Produktauswahl im Shop: Clearnet
  4. Einloggen für Bezahlung: Deepnet

Auch die meisten Social-Media-Dienste können Nutzer im Clearnet nutzen. Geht es aber darum Bewertungen abzugeben, Nachrichten zu schreiben und anderweitig zu interagieren muss ein Nutzeraccount angelegt und verwaltet werden. Dieser Account liegt bereits im Deepnet und wird dementspechend nicht in Suchmaschinen aufgeführt – weil er andere Leute nichts angeht. Verschiedene Quellen gehen davon aus, dass das Deepnet 400 bis 500 Mal größer ist, als das Clearnet.

Darknet / Dark Web: Der versteckte Bereich des Internets

Das eigentliche Darknet ist dezentral aufgebaut. Bedeutet: Websites im Darknet werden auf mehreren Servern gleichzeitig gespeichert und verwaltet, anstatt wie im übrigen Internet auf einem zentralen Server. In Kombination mit der starken Verschlüsselung des Datenstroms ist der Nutzer im Darknet deutlich anonymer als im Clear- oder im Deepnet. Diese Verschlüsselung geht auf Kosten der Geschwindigkeit. Abgerufene Daten, die zahlreiche Umwege gehen, brauchen verständlicherweise länger, um anzukommen. Deshalb ist Streaming von Videos oder Musik im Zweifelsfall auch eher ein Krampf. Ein weiterer Nachteil liegt in der Struktur begründet: Wird eine Darknet-Seite auf mehreren Servern verwaltet, muss nur einer davon ausfallen und die Seite ist nicht mehr erreichbar. Da viele Seiten privat betrieben werden, sind sie generell nicht 24/7 erreichbar; etwa wenn ein Betreiber der Seite mal den Rechner ausmacht.
Zutritt zum Darknet bekommt man über den Tor-Browser oder eine entsprechende Browser-Erweiterung. Seiten im Darknet nutzen ein anderes Adresssystem als reguläre Websites, enden beispielsweise auf .onion und können deshalb auch nicht mit regulären Suchmaschinen gefunden werden. Um eine Seite zu erreichen, muss man die Web-Adresse kennen, zuverlässige Suchmaschinen dafür gibt es nicht. Allerdings lassen sich mittlerweile auch im Clearnet sogenannte Linklisten finden, in denen Adressen von Darknet-Seiten aller Art verzeichnet sind.

Grauzone: Ein Nachtrag

Der Begriff „Darknet“ ist griffig und klingt nach Cyber-Thriller. Pragmatisch betrachtet ist das Darknet aber vor allem eines: ein sehr verschachteltes, kompliziertes aber stark anonymisiertes Netzwerk. Deshalb nutzen es u. a. auch Investigativ-Journalisten für eine sicherere Recherche. Redaktionen wie die des US-amerikanischen Magazins The New Yorker betreiben gar eigene Seiten im Darknet. Für Oppositionelle kann es ein Weg sein, sich trotz staatlicher Überwachung frei zu äußern und untereinander zu kommunizieren. An dieser Stelle ein Hinweis: Die eigentliche Nutzung des sogenannten Darknets ist legal. Nichtsdestotrotz gibt es Angebote im Darknet, die illegal sind. Im Jahr 2016 ermittelte eine Studie, dass rund 57 Prozent der Darknet-Seiten strafrechtlich relevant sind; darunter Marktplätze für harte Drogen, Waffen und lebensbeendende Dienstleistungen. Aber keine Sorge: Illegale Seiten gibt es auch im Clear- und im Deepnet.

Robert Gryczke

Quellen:
Giga.de, „Wie funktioniert [...]“ vom 14.08.2018; Top-Magazin-Frankfurt.de,
„DE-CIX [...]“ vom 04.06.2018; Giga.de, „Deep Web […]“ vom 03.08.16; Giga.de,
„Darknet [...]“ vom 10.08.2018; Giga.de; „Was ist das Darknet?“ vom 07.07.2020;
Anwalt.org, „Was ist [...]“ vom 19.03.2021; VPNOverview.com, „Was ist [...]“ vom
11.06.2020; TorProject.org, abgerufen am 16.05.2020; SZ.de, „Das Darknet [...]“
vom 02.02.2016