77. Ausgabe, 2. Quartal 2020

Datenübermittlung aus der Steinzeit

TV-Investor Frank Thelen „schämt sich für dieses Land“, Regierungssprecher Steffen Seibert wirbt für die App „besser spät als nie.“

TV-Investor Frank Thelen ist ein hemdsärmeliger Unternehmer. Sein Credo: Erfolge entstehen aus schnellen Entscheidungen. Mutige haben die Welt verändert, nicht die Zauderer. Für das Handling bei der Corona-Tracing-App schämt er sich für Deutschland. Statt gute Ideen mutig umzusetzen wird wochenlang diskutiert. Statt einer funktionierenden App schreiben wir im Restaurant unsere Kontaktdaten auf einen Zettel. Das Drama um die App, die Lehren und ein versöhnliches Ende.

Corona-Warn-App

In über 20 Staaten wird bereits seit Monaten digitale Technik genutzt, um die Corona-Pandemie zu zähmen.  Dazu zählen neben Österreich auch die EU-Mitglieder Italien, Spanien, Polen, Tschechien und die Slowakei.  Als Vorbild vieler Staaten steht Singapur, das schon früh auf die App „Trace Together“ gesetzt hat. Sie verrät, wer mit seinem Mobiltelefon mit Infizierten Kontakt hatte. Und wer in Quarantäne ist, der muss beispielsweise durch spontan abgefragte Handy-Fotos seiner Umgebung nachweisen, dass er sich auch wirklich in der eigenen Wohnung aufhält. Ähnlich wird auch in Taiwan die Quarantäne kontrolliert. In Südkorea und Indien wird auf diese Weise sogar die Nachbarschaft informiert, sobald jemand infiziert ist.

Manche Experten, wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach oder Virologen wie Christian Drosden und Alexander Kekulé priesen zu Beginn der Pandemie die App als einzig kurzfristige Möglichkeit, das Infektionsgeschehen auch in Deutschland in den Griff zu bekommen, so lange es keinen Impfstoff gibt. Gute Gründe, die App-Entwicklung zu beschleunigen. Doch es dauerte bis zum 16. Juni 2020, bis in Deutschland die App eingeführt werden konnte.

Warum war Deutschland so träge?
Frank Thelen macht dafür einen zunächst typisch deutsch klingenden Fehler verantwortlich: „Die deutsche Diskussionskultur hemmt uns enorm. Statt einfach zu machen, debattierten Experten wochenlang darüber, ob die Daten nun zentral oder peer-to-peer gespeichert werden. Statt den Segen modernster Technik zu genießen, sind wir wochenlang mit Block und Stift losgezogen und schreiben im Restaurant unsere Kontaktdaten auf Zettel. Ich schäme mich für dieses Land.“ Noch Anfang April war Singapur Jens Spahns großes Vorbild. Die schärfste Waffe im Kampf gegen Corona ist dort die Anwendung „Trace Together“, zu Deutsch „gemeinsam aufspüren“. Die App erfasst 21 Tage lang die Mobilfunkdaten von allen Personen, die sich in der Nähe des einzelnen Smartphone-Nutzers aufhalten. Zumindest jene Menschen, die ebenfalls „Trace Together“ auf dem Handy haben. Nach massiven Werbekampagnen der Regierung war das Anfang April ein knappes Fünftel aller Singapurer.  Wird einer davon positiv auf Covid-19 getestet, werden die Gesundheitsbehörden und alle anderen Kontakte der infizierten Person unverzüglich informiert. So wissen alle früh Bescheid, können sich in Quarantäne isolieren oder zum Arzt gehen.

Europäische Lösung scheiterte
130 Beteiligte aus europäischen Ländern versuchten sich in der Initiative PEPP-PT an einer zentralen europäischen Lösung. Ihre App sollte so datensparsam wie möglich arbeiten und keine Ortsdaten speichern (Tracking). Das System sollte sich lediglich merken, welche zwei Mobiltelefone sich für eine bestimmte Dauer kritisch nahe waren (Tracing). Nach 21 Tagen sollten die gespeicherten Daten gelöscht werden. Meldet ein App-Nutzer eine Infektion, werden alle Nah-Kontakte per Push-Nachricht informiert. Der Traum war ein System, das über Ländergrenzen hinweg funktioniert und, so der IT-Unternehmer Chris Boos von der Initiative PEPP-PT,  „zwischen dem 15. und 19. April an den Start geht.“

Pustekuchen, denn als der deutsche Gesundheitsminister eine Gesetzesgrundlage für die Erfassung von Handy-Standortdaten schaffen wollte, hagelte es Proteste. Sein Konzept sollte Funkzellen nutzen und so komplette Bewegungsprofile ermöglichen. Für Datenschützer ein No-Go.

Offener Richtungsstreit der Experten
Während Jens Spahn pragmatisch an einer schnellen Lösung festhielt („Wir vollziehen ja digital nur nach, was die Gesundheitsämter auf Basis geltenden Rechts analog machen.“), hielt die immer größer werdende Zahl der Kritiker die Umsetzung für „unrealistisch.“ Um den Datenschutz entbrannte ein offener Richtungsstreit. Rund 300 Experten warnten am 20. April in einem offenen Brief vor der Gefahr von Überwachung und Missbrauch bei der zentralisierten Datenspeicherung. „Es entsteht die Gefahr einer vollständigen Offenlegung aller sozialen Kontakte“, argumentiert Felix Freiling, Professor für Informatik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Diesen Verlust an Privatheit übersteht unsere freiheitliche Gesellschaft nie und nimmer schadlos.“

Kurswechsel der Regierung
Sechs Tage später der Kurswechsel der Bundesregierung. Helge Braun musste verkünden, dass „man nun eine dezentrale Architektur vorantreibt, die die Kontakte nur auf den Geräten speichert und damit Vertrauen schafft.“ Damit war die wochenlange Entwicklungsarbeit der Technologie-Initiative PEPP-PT hinfällig. Vor allem das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, das als deutscher Teil der Initiative die Entwicklung vorangetrieben hatte, war hart getroffen. Für Linus Neumann vom Chaos Computer Club eine sehr gute Entscheidung: „Das Signal, das die Bundesregierung an mögliche Nutzer und Nutzerinnen der App aussende, ist nun: Du kannst uns vertrauen, weil du uns nicht vertrauen musst.“
Beim dezentralen Modell werden die Daten auf den Handys der Nutzer gespeichert und können auch nur dort ausgewertet werden. Dass jeder zudem nun selbst entscheiden könne, ob er zusätzliche Informationen zur Verfügung stelle, etwa um dem Robert Koch-Institut zu helfen, die Pandemie besser zu verstehen oder um die App zu verbessern, sei der richtige Weg, meint Neumann.

Mitte Juni war es endlich geschafft
Am 16. Juni 2020 war es dann endlich soweit. In den App-Stores von Google  und Apple steht die Anwendung zur Verfügung. Das Herunterladen ist für alle Bürger freiwillig, die Regierung hofft aber auf möglichst viele Nutzer. Während britische Medien errechnet haben, dass die App beim Infektionsgeschehen nur Wirkung zeigt, wenn sie mindestens 60 Prozent der Bevölkerung nutzt, glaubt der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert an einen „deutlichen Effekt auch unter dieser Marke.“ Er wirbt für eine breite Nutzung.

Bleibt die Frage, was passiert, wenn jemand positiv getestet wird. Die Angst vieler, dass jemand versehentlich oder aus Jux eine Infektion meldet, ist nicht von der Hand zu weisen. Denn in jedem Fall trägt man diesen Status ausschließlich selbst in die App ein. Ein Meldesystem soll verhindern, dass falsche Infektionsmeldungen in das System gelangen. Das soll vor allem ein QR-Code sichern, den man vom Testlabor erhält. Alternativ kann man auch eine TAN eingeben, die man von einer Telefon-Hotline bekommt, falls das Labor nicht in der Lage ist, QR-Codes zu generieren. Im Infektionsfall erhalten die betroffenen Kontakte einen Hinweis, dass sie sich testen lassen sollen.

Die Lehren aus dem App-Debakel sind schnell ausgemacht: Wäre die App gleich zu Beginn der ersten Corona-Welle verfügbar gewesen, hätten sie die Deutschen wahrscheinlich trotz zentraler Datenspeicherung millionenfach geladen. Das mag Datenschützern ein Graus sein, aber in Erwartung tausender Todesopfer wäre es wohl so gekommen. Ob das weniger folgenreich gewesen wäre als der Lockdown, der nun vermutlich Millionen Jobs kosten wird, ist reine Spekulation. Heute wissen wir, dass selbst die größte Bedrohung nicht ausreicht, um Deutschlands hohe Datenschutzstandards zu kippen. Ob das – wie gesagt im extremsten aller Fälle – gut oder schlecht ist, muss jeder für sich beantworten. Ebenso wie die Frage, ob man die App jetzt nutzt oder nicht.

autor: juj