Der Virus als Brandbeschleuniger

Der Virus als Brandbeschleuniger

In Verbindung mit der Corona-Krise gibt es nicht viel Gutes zu berichten. Bis auf die Tatsache, dass uns das winzige Virus vielleicht auf eine große Sache gebracht hat – die Digitalisierung. Ja gut, manchem mag sie schon vor den Ereignissen in Wuhan, Ischgl und Heinsberg kein Fremdwort gewesen sein, doch COVID-19 wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Ob Streamingdienste oder Onlinedating, Videokonferenzen oder Lernvideos – das Netz stellt einen Rekord nach dem anderen auf. Eine Übersicht. 

Corona stellte jedes vorherige Tempo in den Schatten. In Italien ist im Lockdown die Internetnutzung um 70 Prozent gestiegen. In der Woche vom 23. Februar zum 1. März gab es 761.000 Downloads im App Store und auf Google Play – macht satte 135 Prozent plus gegenüber dem Durchschnitt der 52 Wochen davor. In China hat sich die Zeit, die man dort üblicherweise mit Büro-Apps verbringt, verdoppelt. Und in Deutschland? Da gab es um 21 Uhr des 10. März einen neuen Weltrekord, gemessen am Internetknoten Frankfurt von Betreiber De-Cix. In einer Sekunde wurden hier 9,1 Terabit an Daten ausgetauscht. Noch Mitte Dezember 2019 galten acht Terabit pro Sekunde als unvorstellbare Größe. Das entspricht der Datenmenge von zwei Millionen hochauflösenden Videofilmen oder dem Informationsgehalt von zwei Milliarden beschriebenen DIN-A4-Seiten.

Man muss kein Prophet sein, wenn man die Deutschen nach der Corona-Krise in der Statistik des Internetkonsums auf der Überholspur sehen wird. Bisher rangierten sie unter ferner liefen, belegten im Jahresbericht „Digital 2020“ der Social Media-Plattform Hootsuite und der Digitalagentur We Are Social weltweit nur den 40. Platz – mit vier Stunden und 52 Minuten tägliche Internetnutzung. In einer repräsentativen Studie der Postbank ist jetzt von gut 56 Stunden pro Woche die Rede – also etwa acht Stunden am Tag. Der Lockdown ist das Katapult fürs Internet.

Vom Boom profitieren vor allem YouTube, Netflix, Amazon Prime und Co. Ein Anbieter hatte  sogar unverschämtes Glück – der am 24. März auf dem deutschen Markt eingeführte Video-on-Demand-Dienst Disney+. Punktlandung: Gleich im ersten Monat nutzten zehn Prozent der Deutschen Disney+ – jeder Fünfte bei den 18- bis 34-Jährigen und bei Haushalten mit zwei oder mehr Kindern.

Der größte Online-Boom der Geschichte
Es ist der größte Online-Boom, den Deutschland je erlebt hat. Das bestätigt auch eine Umfrage des Branchenverbandes Bitkom vom April 2020. Seit Corona hat mehr als ein Viertel der Internetnutzer (26 Prozent) erstmals Online-Lernvideos geschaut, etwa auf YouTube oder Vimeo. Gut jeder Fünfte (22 Prozent) hat zum ersten Mal an Online-Sportkursen teilgenommen. Und mehr als jeder Sechste (17 Prozent) gibt an, dass er mit Beginn der Pandemie erstmals Online-Seminare zur privaten Weiterbildung besucht hat.

Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder kann das Glück der Branche kaum fassen: „Durch die Pandemie erleben digitale Lösungen einen Ansturm.“ Selbst die Misstrauischsten  machen erste Erfahrungen mit Online-Diensten, weil Angebote aus der analogen Welt wegfallen oder nur eingeschränkt nutzbar sind. Für Rohleder ist klar: „Das wird das Nutzungsverhalten langfristig prägen.“

Jeder sechste Onliner (16 Prozent) hat sich seit Beginn der Covid-19-Verbreitung neu bei Portalen wie Netflix, Amazon Prime Video oder Joyn angemeldet. Jeder Zehnte (10 Prozent) hat erstmals virtuelle Rundgänge durch Museen und Ausstellungen unternommen. Genauso viele haben Kulturveranstaltungen wie Musikkonzerte und Theateraufführungen gestreamt. Und weitere 7 Prozent haben durch Corona zum Online-Dating gefunden.

Viele Online-Dienste werden intensiver genutzt
Darüber hinaus greift die Mehrheit der Onliner viel intensiver auf bereits zuvor genutzte Dienste zurück – vor allem beim Musikstreaming. 53 Prozent der Internetnutzer hört nun vermehrt Musik über Spotify oder Deezer. Ähnlich viele (49 Prozent) spielen häufiger Online-Games und gut jeder dritte Onliner (37 Prozent) schaut mehr Serien und Filme per Videostreaming. „Nie waren Online-Dienste so wichtig wie in dieser für die Menschen besonders schwierigen Phase“, so Rohleder. „Wer bereits vor der Pandemie einschlägige Erfahrungen gemacht hatte, ist dort heute noch aktiver unterwegs.“

Rasanter Aufschwung der Telemedizin
Die Corona-Krise macht das Netz für alle Altersgruppen interessanter.  Oma und Opa kommunizieren online mit den Enkeln, die oft im Homeoffice online arbeiten. Berührungsängste scheinen wie weggeblasen. Ein Beispiel: Seit Jahren bemühten sich Telemediziner bundesweit die Fragen von Datenschützern und Kostenträgern zu zerstreuen. Ohne Erfolg. Durch COVID-19 sind plötzlich Videosprechstunden und andere telemedizinische Angebote per se nicht mehr ausgeschlossen.

Ihr Vorteil ist plötzlich Alleinstellungsmerkmal: der infektionsfreie Arztbesuch ohne Wartezeit. Seit Beginn der Pandemie ist der Bedarf an Online-Sprechstunden im Steigflug. So werden Schlaganfallpatienten in mehreren Bundesländern auf sogenannten Tele-Stroke-Units behandelt, wenn keine reguläre Stroke Unit in erreichbarer Nähe ist. Am Uniklinikum Magdeburg wurde das Telemedical Acute Stroke Care-Netzwerk Sachsen-Anhalt (TASC-SAN) Forschungsprojekt bereits 2011 in die klinische Routine überführt. Doch erst mit Corona konnten robotergestützte und fokale Therapien als erste technische Umsetzungen für Online-Videosprechstunden eingesetzt werden.

Parallel dazu wird eine Videosprechstundenlösung mit dem Uniklinikum Magdeburg und dem Medizinischen Versorgungszentrum Sachsen-Anhalt etabliert. Das passende Videosprechstundensystem („RED connect“) läuft im Pilotbetrieb in den Ambulanzen der Humangenetik, Onkologie, Neurologie und Psychiatrie. Weitere Ambulanzen werden folgen. Medizinern ist klar, dass Videosprechstunden in einem so dünn besiedelten Flächenland wie Sachsen-Anhalt schon bald Klinikalltag sein werden.  Dr. Robert Waschipky, Geschäftsbereichsleiter der IT und Medizintechnik (ITMT) an der Uniklinik, sagt: „Corona ist für uns eine Riesenchance, unseren über 110.000 ambulanten Patienten pro Jahr einen weiteren Service anbieten zu können.“

Medizin-Apps erleben Aufschwung
Auf dem Vormarsch sind auch Gesundheits-Apps: Neben Lifestyle-Apps  wie Fitnesstracker, Ernährungs- oder Bewegungs-Apps werden zunehmend medizinische Applikationen geladen, die der Diagnose oder auch der Therapie dienen. Die Smartwatch zeichnet das EKG von Herzpatienten auf, Google misst mit einer Kontaktlinse den Blutzucker. Bald verbinden sich Ultraschallgeräte, so klein wie eine Computer-maus, mit dem Smartphone, um Bilder zu speichern oder zu versenden. Die Digitalisierung der Medizin bietet unendliche Möglichkeiten für mobile Anwendungen.

TV-Investor Frank Thelen nennt das Nach-Corona-Zeitalter euphorisch „die größte Revolution der Menschheitsgeschichte.“ In einem Gastbeitrag für deutsche Zeitungen diagnostiziert er: „Künstliche Intelligenz, Roboter, 5G, IoT, Quanten-Computer, 3D-Druck, Blockchain, synthetische Biologie sind die neuen Werkzeuge im Baukasten der Zukunft.“ Jede dieser Technologien für sich hätte allein schon das Potenzial, ganze Branchen umzuwälzen und unsere Wirtschaft tiefgreifend zu verändern. Thelen: „Das Besondere an ihnen ist ihre Konvergenz. Diese Technologien wurden im Zeitalter der Digitalisierung ,geboren’ und lassen sich sofort global skalieren. Sie sind miteinander kombinierbar und so in der Lage, sich gegenseitig zu verstärken.“ So ermöglichten Quanten-Computer neue KI-Modelle – neue KI-Modelle ermöglichten bessere Simulationsmethoden in der synthetischen Biologie. Dieser Verstärkungszyklus werde nach Thelens Überzeugung in den nächsten Jahren zu exponentiellen Fortschritten in allen Forschungsgebieten führen.

Corona habe unfreiwillig „ein positives Momentum aus Veränderungswillen und Offenheit für Technologie aufgebaut“, schreibt Thelen und fordert: „Diesen Schwung müssen wir nutzen, wenn wir nicht weiter zurückfallen wollen!“

Autor: juj