Der Virus als Brandbeschleuniger

80. Ausgabe, 1. Quartal 2021

Gemeinsam handeln für digitalen Fortschritt

Als kommunaler Spitzenverband engagiert sich der Städte- und Gemeindebund Sachsen-Anhalt (SGSA) ebenso für die kleinen Landgemeinden wie für die großen Städte im Bundesland. Er steht dabei in der Tradition ostdeutscher Landesverbände, im Gegensatz zu Westdeutschland, wo es getrennte Organisationen zwischen den größeren Städten und den kleinen Stadt- und Gemeindeverbänden gibt.

Jürgen Leindecker, Geschäftsführer des SGSA

„Wir versuchen, die Interessen sowohl der Großen als auch der Kleinen auszugleichen und zu verhindern, dass man im Bereich der Gegensätze von größerer Stadt zu kleinerer Landgemeinde beispielsweise kommunale Interessen möglicherweise nicht richtig im Auge hat“,

erklärt Jürgen Leindecker. Seit mehr als zehn Jahren ist er Geschäftsführer des SGSA, war zuvor 16 Jahre erster Beigeordneter. Wir verabreden uns mit ihm, um über die Mitgliedschaft in der Kommunalen IT-UNION (KITU) und deren Auswirkungen auf den Verband zu reden. Einen Gesprächstermin bei ihm zu finden, ist nicht ganz einfach. Stets ist der engagierte Mann in Aktion, analysiert, koordiniert, organisiert, klärt Fragen, vermittelt … Groß ist schließlich der Aufgabenbereich des Städte- und Gemeindebundes. Doch Jürgen Leindecker findet zwischendurch Zeit auch für uns. Denn die KITU ist ihm wichtig, betont er. Er wünsche sich, alle Städte, Gemeinden und Landkreise wären bereits der Kommunalen IT-UNION beigetreten, erklärt er sein Engagement, warum er seit längerem darauf hinarbeitet. Es würde die Zusammenarbeit immens erleichtern, was sich bei den bereits vernetzten Mitgliedern zeige. Gerade jetzt, unter den besonderen Bedingungen der Pandemie, sei das wichtiger denn je.

Zu den Vorteilen der Mitgliedschaft gehört, dass statt vieler Anbieter ein gemeinsamer Dienstleister zur Verfügung steht, über den technische Angelegenheiten geregelt werden können. So gibt es die Möglichkeit, standardisierte Programme und Verfahren und Technik einzukaufen, die für jeden gleichermaßen nutzbar sind. Das ist vorteilhaft in der eigenen Verwaltung ebenso wie für die Kommunikation zwischen den Mitgliedern des Städte- und Gemeindebundes. Wenn er von einer starken Einkaufsgemeinschaft spricht, denkt Jürgen Leindecker über die eigene Verwaltung hinaus. So habe sich im vorigen Jahr ein großer Vorteil bei der Digitalisierung im Schulbereich gezeigt. Über die KITU wurden Hard- und Software für Schulen angeschafft, und zwar für alle interessierten in der SGSA organisierten Städte und Gemeinden. Das ist eine Besonderheit, denn noch sind nicht alle Mitglieder der IT-Genossenschaft. Der Städte- und Gemeindebund vermittelte an die KITU, und so konnten alle Interessierten an der Mitgliedschaft der SGSA partizipieren, freut sich Jürgen Leindecker.

Als sich die Hauptverwaltung vor rund zwei Jahren für eine Mitgliedschaft in der KITU-Genossenschaft entschied, standen Wunsch und Wille im Vordergrund, sich im kommunalen Bereich in Bezug auf Digitalisierung stärker aufzustellen. Nach ausführlicher Information über entsprechende Möglichkeiten zeigte sich,  dass „die KITU in der Lage ist, die Herausforderungen einer digitalen Verwaltung tatsächlich erfüllen zu können“, formuliert es Jürgen Leindecker. Wichtig sei es den Entscheidern gewesen, dass „alles Erforderliche gemeinsam beschafft und gemeinsam betrieben werden kann.“ Das ist für die Städte und Gemeinden von hoher Wichtigkeit, betont der Geschäftsführer: „Wir sehen in der KITU eine kommunale Selbsthilfeeinrichtung, die den Schritt in die Digitalisierung erleichtern kann.“

Als zentrales Thema kristallisierte sich im vorigen Jahr die fehlende Möglichkeit für Homeoffice heraus. Angesichts der Coronabedingten Kontaktbeschränkungen mussten Alternativen gesucht und gefunden werden. In der Hauptverwaltung in Magdeburg wurden über die KITU und deren Dienstleister KID die technischen Voraussetzungen geschaffen. Die digitale Ausstattung wurde angepasst, zusätzliche Datenvolumina gekauft, um die Umsetzung zu gewährleisten. Ein VPN-Tunnel wurde eingerichtet, um den Server vor Zugriffen Unberechtigter von außen zu schützen.

Doch eine Verwaltung technisch umzurüsten ist bei weitem nicht ausreichend. Bei Videokonferenzen zeigt sich das größte Problem: Wenn jeder ein anderes System verwendet, sammeln sich viele Apps auf dem Rechner, die ihn dann zumüllen, fasst Jürgen Leindecker zusammen. Sinnvoller ist ein einheitlicheres System. Seit einiger Zeit nutzt der Verband nun Webex für Konferenzen. Gleichzeitig haben jetzt auch die Referenten und Referentinnen die Möglichkeit, von zuhause aus arbeiten können. Das hilft nicht nur wegen der Kontaktbeschränkungen, sondern auch jenen, die ihre Kinder betreuen müssen. Sie können ihren Rechner nun mit nach Hause nehmen und gegebenenfalls von dort aus arbeiten. Es ist kein Problem mehr, sich multimedial über Telefon- und Web-Konferenzen einzuwählen, sagt Jürgen Leindecker und betont: „So lassen sich Beruf und Familie besser koordinieren.“ Und zwar auch unabhängig von der Pandemie. Das gestaltet das Arbeitsleben flexibler und ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft. „Das kann ich jeder Verwaltung nur empfehlen.“

Blicken wir über den Tellerrand hinaus, stellt sich die Frage, wie die Zusammenarbeit überregional funktioniert. Das hängt von mehreren Faktoren ab, betont Jürgen Leindecker. Die technischen Voraussetzungen zu haben, ist das eine. Etwas anderes ist die teilweise fehlende technische Infrastruktur. Gerade in vielen ländlichen Bereichen lässt das mobile Datennetz sehr zu wünschen übrig. Es gibt Ausfälle in Videokonferenzen, weil der Streamingdienst nicht hinreichend Datenvolumen liefert. Ein Problem, das weder die KITU noch der SGSA lösen können. „Da muss die technische Infrastruktur in Sachsen-Anhalt besser werden!“

Als weiteres Problem benennt Jürgen Leindecker, dass es zu wenige technisch versierte Menschen in den Verwaltungen gebe, die helfen, wenn die Technik mal nicht so funktioniert, wie sie sollte. Da müsse man in der nächsten Zeit noch „aufsatteln“.  Nicht nur in den Verwaltungen. Auch in den Schulen werde es zum zentralen Problem, wenn es dort niemanden gebe, der die Systeme administrieren und steuern kann.

Technischer Fortschritt ist das eine, sagt Jürgen Leindecker, weiterhin wichtig sei vor allem der Inhalt der Arbeit. „Entscheidend ist, dass wir für unsere Mitglieder da sind und sie das Gefühl haben, dass wir ihre Ängste und Sorgen ernst nehmen und uns für sei einsetzen“, sagt er und betont  begeistert, „die Einsatzbereitschaft unserer Bürgermeister, Oberbürgermeister, Verbandsgemeinde- und ehrenamtlichen Bürgermeister, die mit uns zusammenarbeiten.“ Das gute Verhältnis zwischen Vorstand und Mitgliedern gilt es, „zu stabilisieren und dauerhaft auszubauen. Das ist der Schlüssel dafür, dass wir die Interessen der Städte und Gemeinden gegenüber der Landesregierung ordnungsgemäß und ordentlich vertreten können.“

Seit 1995 engagiert sich Jürgen Leindecker für die SGSA. In diesem Jahr steht sein Wechsel in den sogenannten Ruhestand bevor. Doch davon möchte er nichts hören. Für den immer rührigen Mann bedeutet es längst nicht, sich zur Ruhe zu setzen. Seit gut 25 Jahren ist er für den SGSA aktiv „und das wird auch so bleiben“, kündigt er an. Weiterhin wolle er dem Verband zur Verfügung stehen. Gerade die Pandemiezeit fordert die Städte, Gemeinden und auch den Verband erheblich. Mit seinen Erfahrungen stehe er weiterhin zur Verfügung. Über den Ruhestand werde er erst reden, wenn es soweit ist. „Die Städte und Gemeinden haben einen Anspruch darauf, dass man ihre Interessen ordentlich vertritt und das mache ich bis zu dem Tag, an dem ich in den Ruhestand trete und mit Sicherheit sogar darüber hinaus“, kündigt er an. Ehrenamtliche Tätigkeiten sind vielseitig in Sachsen-Anhalt möglich und Jürgen Leindecker schaut gedanklich in Richtung Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Er möchte sich auch künftig Aufgaben widmen, die mit den Städten und Gemeinden in Sachsen-Anhalt verbunden sein werden.

bia

Der Städte- und Gemeindebund Sachsen-Anhalt (SGSA) ist der kommunale Spitzenverband der Städte, Gemeinden und Verbandsgemeinden in Sachsen-Anhalt.

Ihm gehören 210 Städte und Gemeinden mit insgesamt 2.185.178 Einwohnern an. Hinzu kommen 18 Verbandsgemeinden. Zusätzlich haben 21 Zweckverbände die außerordentliche Mitgliedschaft erworben.

Der Verband fördert den Erfahrungsaustausch zwischen den Mitgliedern und vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber Landtag, Landesregierung, Institutionen und in der Öffentlichkeit.

Der SGSA hat vier ständige Ausschüsse: Bau-, Verkehrs- und Umweltausschuss; Haushalts- und Finanzausschuss; Rechts- und Verfassungsausschuss; Ausschuss für Schule, Kultur und Sport.

Informationen im Internet unter:
www.kommunales-sachsen-anhalt.de