75. Ausgabe, 4. Quartal 2019

Technologie ist „nur“ ein Werkzeug

Die KID Magdeburg war am 6. November Gastgeber der 8. Digitalisierungskonferenz „Erfolgreiche Digitalisierungsprojekte, Stand und Umsetzung des Online-Zugangsgesetzes und der Digitalen Agenda des Landes Sachsen-Anhalt“.

Eingeladen hatten der Landesvorstand des Wirtschaftsrates Sachsen-Anhalt und das Cluster Informationstechnologie Mitteldeutschland e.V. Im Spannungsfeld zwischen Datensammlung und Datenschutz gelte es, die „Digitalisierung im Kontext der positiven Möglichkeiten voranzutreiben und dabei unbeabsichtigte Risiken im Blick zu behalten“, sagte Sirko Scheffler zum Auftakt der Veranstaltung. Er ist Landesvorstandsmitglied und Vorsitzender der Landesfachkommission „Internet und Digitale Wirtschaft“ des Wirtschaftsrates Sachsen-Anhalt, Vorstand im Cluster IT Mitteldeutschland und Geschäftsführer der brain-SCC GmbH Merseburg.

„Ein Teil der Prozesse läuft in den Kommunen inzwischen digital oder hybrid, aber vom Zielbild des Onlinezugangsgesetzes oder einer digitalen Gesellschaft sind wir noch weit, weit entfernt“, sagte Dr. Michael Wandersleb, Geschäftsführer der Kommunale Informationsdienste Magdeburg GmbH und Vorstandsvorsitzender der Kommunalen IT-UNION eG. Im internationalen Vergleich rangiere Deutschland eher in der unteren Hälfte und Sachsen-Anhalt innerhalb Deutschlands eher im unteren Drittel. „Es genügt nicht zu handeln, wir müssen schnell und effizient handeln. Und es geht nicht mehr allein.“  Wandersleb wünscht sich eine direkte Zusammenarbeit zwischen KITU und Land, speziell mit dem Ministerium der Finanzen. Es gebe viele teildigitale Angebote wie das Meldeportal und das Kfz-Portal. Sie müssten nun auf ein höheres Niveau angehoben werden.

„Es genügt nicht zu handeln, wir müssen schnell und effizient handeln. Und es geht nicht mehr allein.“

Dr. Michael Wandersleb

„Das Onlinezugangsgesetz ist die Antwort auf den aktuellen Entwicklungsstand, die Bürger erwarten durchgängige Geschäftsprozesse, eine Verwaltung 4.0“, sagte Marco Brunzel, Bereichsleiter Digitalisierung und E-Government der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Das Ziel sei dabei der Weg.

„Es geht darum, neu zu denken. Kommunale Selbstverwaltung bedeutet, die Gesellschaft zu gestalten. Technologie und Technik sind ein Teil des Lösungsraums.“

Marco Brunzel

Beim BAföG sieht Rüdiger Malter, Staatssekretär im Ministerium der Finanzen Sachsen-Anhalt, das Land auf der Zielgeraden. In der bundesweiten Aufgabenteilung bearbeitet das Land den Komplex Bildung (mit 100 Leistungen in 37 Leistungsbündeln in den Lebenslagen Schule, Berufsausbildung, Studium, Weiterbildung). Ob das OZG-Ziel insgesamt bis 2022 zu erreichen ist, zeigte er sich skeptisch. Die Vorgabe sei jedoch wichtig, „ohne OZG würden wir noch stärker in Altem verharren.“

Während der Staatssekretär bei der Umsetzung des OZG den Föderalismus eher als bremsend empfindet, da es in den Ländern sehr verschiedene Herangehensweisen, digitale Angebote und Lösungen gibt, sieht Dr. Johann Bizer, Dataport-Vorstandsvorsitzender, darin eine Stärke: „Es ist wichtig, das Paket arbeitsteilig anzugehen. Jedes Bundesland übernimmt Aufgaben. Wir werden einen föderalen Wettbewerb erleben und die Medien werden ganz genau darauf schauen, wer seine Hausaufgaben macht und wer nicht.“ Jedes Bundesland, das sich auf ein Thema fokussiere, müsse sich auf die Zuarbeiten der anderen verlassen können – kooperieren, liefern, einfordern.

Dabei sei es wichtig, immer nutzerorientiert zu denken, betonte Rudolf Philipeit, Vorsitzender des Vereins buergerservice.org. Ein Beispiel ist der Personalausweis mit elektronischer ID, der bisher von den Bürgern kaum angenommen wird. „Wir brauchen einen roten Teppich für aktives E-Government. Mit der online-Ausweisfunktion lässt sich das sehr gut voranbringen. Deutschland hat hier einen großen Vorsprung“, sagte Philipeit. Doch diese Chance wurde bisher nicht genutzt, die Bürger wurden an die Ausweisfunktion nicht herangeführt. Hilfreich seien Aktionen, bei denen die Bürger ihre Personalausweise freischalten, sich sogleich beim Service-Konto registrieren lassen und Anwendungen ausprobieren können. Auch bei anderen Services gelte es, die Verwaltungsmitarbeiter und Bürger als Nutzer im Blick zu haben.

bek

„Wir brauchen einen roten Teppich für aktives E-Government. Mit der online-Ausweisfunktion lässt sich das sehr gut voranbringen. Deutschland hat hier einen großen Vorsprung.“

Rudolf Philipeit

Dr. Michael Wandersleb, Geschäftsführer der KID Magdeburg und Vorstandsvorsitzender der KITU: Wir brauchen keine weiteren Leuchtturmprojekte. Es geht vielmehr darum, die Kommunen gemeinsam auf den Weg der Digitalisierung zu führen, das setzt eine entsprechende Organisation voraus.

Marco Brunzel, Bereichsleiter Digitalisierung und E-Government, Metropolregion Rhein-Neckar GmbH: Digitalisierung ist das Betriebssystem unserer Gesellschaft, sie ist der Ort, an dem die Transformation organisiert werden muss.

Rudolf Philipeit, Vorsitzender des Vereins buergerservice.org e.V.: Mit dem elektronischen Personalausweis haben wir in Deutschland schon seit langem eine hervorragende Möglichkeit, um uns online zu identifizieren und Services sicher in Anspruch zu nehmen. Es funktioniert, wir müssen es nur richtig verkaufen.

Bernd Hauschild, Vorsitzender des IBA e.V. (Innovationsbündnis Anhalt) und Oberbürgermeister der Stadt Köthen: Digitalisierung ist eine Antwort auf den demografischen Wandel, wir wollen Netzwerke aufbauen und Projekte auf den Weg bringen, die unter anderem den Tourismus voranbringen und den Wohlfühlfaktor in Anhalt erhöhen.

Dr. André Göbel, Geschäftsführer der DABB DigitalAgentur Brandenburg: Wir müssen den Mut haben, zu scheitern, aufzustehen und daraus zu lernen, um schließlich erfolgreich zu sein.

Prof. Dr. Klaus Kummer, Abteilungsleiter im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt: Digitalisierung hilft uns, Verkehrsmittel miteinander zu verknüpfen. Moderne Mobilität ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Dr. Rainer Berger, Geschäftsführer Entwicklung und Netzwerke der Ingenieurkammer Sachsen-Anhalt und Sprecher des BIM-Clusters Sachsen-Anhalt: In der Baubranche wird digital geplant. Wichtig ist, dass die Digitalisierung die gesamte Wertschöpfungskette durchzieht. Wir brauchen die digitale Bauverwaltung, digitale Bauanträge und digitale Baugenehmigungen. Auf diesem Gebiet können wir in Sachsen-Anhalt ein Pilotprojekt gebrauchen.

Dr. Thomas Grote, Landesamt für Vermessung und Geoinformation Sachsen-Anhalt: Professionelles Geodatenmanagement ist ein wesentliches Element der Digitalisierung. Die Kombination von Daten mit Raumbezug und unterschiedlichsten Fachdaten erzeugt neue Nutzungsmöglichkeiten und Mehrwerte.

Gerd Neudert, Geschäftsführer Cluster IT Mitteldeutschland e.V.: Digitalisierung ist keine Technologie, sondern ein Transformationsprozess. Die damit verbundenen starken Veränderungen erzeugen vielfältige Emotionen von Anerkennung über Ängste bis zur Ablehnung. Wichtig ist es, Risiken zu minimieren, Chancen aufzuzeigen, Mehrwerte und Nutzen zu transportieren.

Peter Panitz, Geschäftsführer der Landesgesellschaft Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (NASA): Große Strukturen neigen dazu, sich für den Regelfall zu optimieren. Bei Großstörungen brechen sie zusammen. Wir brauchen auch weiterhin den Menschen, der Situationen und Vorgänge interpretiert und entsprechend damit umgeht.

Marco Langhof, Vorsitzender des Digitalisierungsbeirates des Landes Sachsen-Anhalt, Vorsitzender des VITM und Geschäftsführer der Teleport GmbH: Es ist gut und richtig, dass in Sachsen-Anhalt die Digitale Jugendagenda auf den Weg gebracht wurde. Sie ist eine Chance, um die Zukunft zu gestalten und jungen Leuten zu signalisieren: Wir hinterlassen euch kein Museum.

Staatssekretär Thomas Wünsch, Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung des Landes Sachsen-Anhalt: Wir fördern den Glasfaserausbau in beiden Altmarkkreisen, führen Gespräche mit Mobilfunkanbietern und Kommunen und unterstützen viele Projekte im Land. Wir führen Akteure zusammen, um beim Infrastrukturausbau für schnelles Internet besser voranzukommen. Von fehlenden Tiefbaukapazitäten werden Grenzen gesetzt.

Dr. Johann Bizer, Dataport-Vorstandsvorsitzender: Wir haben aus den Schwächen des Föderalismus Stärken gemacht, indem wir das große Aufgabenpaket OZG arbeitsteilig angehen. Wir werden einen großen föderalen Wettbewerb erleben.

Nicole Cienskowski, u.a. Beirat des Projektes „Der Digitale Patient“ der Bertelsmann Stiftung: Der Bürger will einen Mehrwert erzielen, wenn er seine Daten teilt. Er will individuelle Beratung von Krankenkassen oder Ärzten, wenn er seine Gesundheitsdaten teilt. Sinnvoll sind Mehrwert schaffende Dienste.

Rüdiger Malter, Staatssekretär im Ministerium der Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt: Fortschritt entsteht aus der Krise. Die Digitalisierung im öffentlichen Bereich befindet sich in einer Krise, das macht mir Hoffnung.

Frank Bonse, Referatsleiter im Ministerium der Finanzen: Das OZG ist eine ganz große Chance, es enthält eine Experimentierklausel, die es erlaubt, vorübergehend von gewohnten Verfahren abzuweichen. Ich wünsche mir, dass der Dialog mit uns intensiver geführt wird.

Detlef Sander, Geschäftsführer DATABUND e.V.: Die Digitalisierung muss agil werden. Wir brauchen kleine Schritte, kurze Sprints, die wir immer wieder überprüfen, um dann den nächsten Schritt zu gehen.

Alexandra Greiner, Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt (Interreg-Projekt SKILLS+): Wir unterstützen kleine und mittlere Unternehmen beim Übergang von analogen zu digitalen Arbeitsweisen. Wichtig ist, dass Förderprogramme so ausgestaltet werden, dass auch KMU in der Lage sind, sie zu nutzen.

Fotos: bek