Als Corona noch ein Bier war

77. Ausgabe, 2. Quartal 2020

Als Corona noch ein Bier war

Anstrengende Monate liegen hinter mir. Die erste Woche Kontaktsperre war’s noch ganz nett. Home Office mit Garten umgraben, Küche tapezieren, Garage aufräumen, Gattin verwöhnen, Bücherwand neu sortieren. Dann ging das Klopapier zur Neige und die Leute hamsterten Raviolidosen, als könnten sie damit das Virus erschlagen. Ich war zu spät dran. Es gab nur noch Deutsche Dinkelnudeln. Ich weiß warum, das Zeug schmeckt, als würde man seinen Mundschutz mitessen.

Dann kam die Katastrophe näher: Uns standen die Haare zu Berge. Kontaktsperre hin oder her. Jetzt war’s wurscht. Jeden Tag hockten wir zusammen, meine Frau und ich. Nach drei Wochen war es beängstigend. Vor lauter Langeweile wuschen wir uns alle halbe Stunde die Hände und sangen zweimal „Happy Birthday“. Dann wurde ich heiser und fürchtete, dass daraus ein Husten wird. Dann wurde die Seife knapp: entweder kein Händewaschen mehr oder Schluss mit dem Geburtstagsständchen.

Dann kam die Maskenpflicht. Ich musste zwei Hemden aussortieren. Aus denen haben wir Mund-Nasen-Schutz zusammengefrickelt. Verflixt und zugenäht: Das letzte Mal habe ich im Handarbeitsunterricht, 4.Klasse, genäht. So sah die Nasenwindel auch aus. Ich war froh, als ich bei ebay meine erste Einmal-Maske ersteigern konnte: 25 Euro das Stück. Was tut man nicht alles, um zu überleben. Bei dem Preis habe ich sie länger getragen als die erste Wrangler-Jeans zu Ostzeiten. Ich fürchtete schon zu ersticken. Ich hatte Glück. Ich kam nur mit Opa in die Quarantäne.
Das waren die Tage, als sich die Menschen aus den Fenstern beugten und klatschten, auf Kochtöpfen schlugen und Arien schmetterten. Dann kam die Einsamkeit mit Opa. Ich habe schon mit meiner Katze gesprochen und immer darauf gewartet, das sie antwortet. Ich wusste: Wenn sie es tut, dann habe ich das Virus. Auf Facebook sah ich, wie es sich die klügsten Köpfe der Welt vom Leib halten. Donald Trump kippt Desinfektionsmittel in sich rein, Udo Lindenberg schleckert ein Eierlikörchen am Morgen, der Kölner desinfiziert sich mit „4711“. Ich hielt mich an Regionales aus dem Südharz: Nordhäuser vom Derben erspart Qualen beim Sterben.

Ich blieb bisher verschont und hänge seitdem an den Lippen jedes TV-Virologen. Einer hat herausgefunden, dass Rauchen schützt. Seitdem bin ich in jeder Kneipe als Unternehmens-Retter gern gesehen. Einige Kultusminister erwägen sogar Raucherecken in Schulen. So will man das Bildungsjahr für unsere Kinder in letzter Minute retten. Hat beim Fußball so ähnlich auch geklappt. Statt vor 50.000 Fans rennen sich die Fußballer vor 5 Kameras die Lunge aus dem Leib. Bei Künstlern funktioniert das dummerweise nicht. Die Theater und Konzerthäuser sind so dicht wie ich nach jeder Kneipenrettung mit Corona-Bier und Zigarillos. Warum bauen wir eigentlich keine Bühne im Baumarkt auf?

Bleibt am Ende die Frage, wer eigentlich schuld ist am Virus: der Chinese, die Fledermaus, Windows X oder doch die G4-Sendemasten?

Autor: juj