75. Ausgabe, 4. Quartal 2019

Hat die Menschheit das Rad zweimal erfunden?

Wie das Rad das Leben verändert hat

Mit dem Rad begann der Mensch, sich zu drehen. In vielerlei Hinsicht. Die Erfindung des Rads ist eine der bahnbrechendsten Innovationen der Menschheit. Doch bis heute ist nicht ganz klar, wer es wo zuerst erfunden hat. Fest steht nur – die Schweizer waren es nicht.
Wir erzählen die ganze spannende Geschichte.

Viele, viele Jahrtausende hat sich die Menschheit gänzlich ohne Rad herumgequält. Niemand scheint auch nur im entferntesten auf die verwegene Idee gekommen zu sein, dass ein Rad viele Dinge vereinfachen könnte. So simpel uns heute eine solche Erfindung erscheint, unsere Altvorderen bekamen keine Hilfe von der Natur. So ein Rad kann man sich in freier Wildbahn nun einmal nicht abschauen – so etwas gibt’s dort schlicht nicht.

Möglicherweise war es ja eine einfache Töpferscheibe, die in grauer Vorzeit die grauen Zellen eines klugen Kopfes auf Trab gebracht hat. Die ist nämlich seit mindestens 6000 Jahren v. Chr. in Gebrauch. Auch Schlitten wären eine nicht ganz unlogische Erklärung für den Aha-Effekt der frühen Menschen. Denn deren Ladefläche hatten findige Köpfe schon früh mit Scheiben ausgestattet, um sie leichter über den Boden ziehen zu können.

Bis vor einigen Jahren ging die Wissenschaft noch unisono davon aus, dass das Rad im südirakischen Uruk, der ersten Megacity der Menschheit, entstanden ist. Bildtafeln aus der mesopotamischen Stadt belegten es. Die Bilder aus dem Süd-irak waren lange die frühesten Zeugnisse für die Verwendung rollender Fahrzeuge.

Doch inzwischen gibt es neuere Funde, die darauf hindeuten, dass sich Räder zeitgleich auch an vielen Orten Mitteleuropas gedreht haben. Es gibt Hinweise auf den Gebrauch von Wagen in Schleswig-Holstein, in Südpolen und im mittleren Donauraum. Allerdings wäre es ein ziemlich großer Zufall, wenn erst Jahrtausende gar nicht und dann plötzlich auf einmal in verschiedenen Regionen das Rad doppelt erfunden worden wäre. Dagegen spricht auch, dass das Rad nur noch ein einziges weiteres Mal erfunden wurde: im heutigen Mexiko um 600 n. Chr.

Den meisten Forschern scheint plausibler, dass sich Rad und Wagen von ihrem bislang unbekannten Geburtsort geradezu schlagartig – das heißt: im Verlauf weniger Jahrhunderte – ausgebreitet haben. Dabei dürften nicht etwa fertige Wagen, sondern die Idee auf Reisen gegangen sein, runde Scheiben mittels Achsen unter eine Ladefläche zu montieren und sie von Tieren ziehen zu lassen. Immer mehr Anhänger findet die Theorie, dass Nomaden aus den Weiten der heutigen Ukraine als Erste Vehikel mit Rädern bauten. Dafür spricht die baumlose Landschaft, die der Nutzung von Wagen ja erst Sinn gab. In der sogenannten Tripol‘e-Kultur im nordwestlichen Schwarzmeerbereich entstanden in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. große Siedlungen für mehrere tausend Menschen. „Von hier stammen die frühesten Beispiele von tönernen Wagenmodellen, die sich auf Rädern bewegt haben oder auf Rädern gezogen werden konnten“, sagt Joseph Maran, Archäologie-Professor an der Universität Heidelberg. Seiner festen Überzeugung nach hat sich von dort aus die Neuerung Richtung Westen nach Mitteleuropa  ausgebreitet.

Zunächst lässt sich das Rad am Wagen in den dichten Waldlandschaften lange Zeit kaum als Transportmittel über weite Entfernungen nutzen. Erst etliche Jahrhunderte nach den ersten Belegen setzt nach jüngsten archäologischen Funden geradezu eine Massenproduktion von vierrädrigen Gefährten ein. Jetzt wird dank des Rads auch der Feldanbau auf größeren Flächen möglich. Ab etwa 3500 v. Chr. roden immer mehr Bauern die Wälder und bestellen ihre Felder auf immer größeren Flächen. Das Rad am Wagen wird zum Multitalent, man braucht es, um die Ernte oder das Holz zum Dorf zu bringen. Das Rad wird zu einer der wichtigsten Erfindungen und zum Schlüssel jeder technischen Entwicklung. Ob Spinnrad oder Spinnfabrik, Drehbank oder Walzwerk, Zahnrad oder Kutsche – ohne das Rad wäre die Menschheit bis heute nicht mobil.

Marans Überzeugung der monozentrischen Mobilitätsentstehung stößt nicht bei allen Wissenschaftlern auf Zustimmung. Die „Polyzentriker“ wollen das Gegenteil mit den unterschiedlichen Konstruktionsweisen belegen: Im westlichen Mitteleuropa drehte sich das Rad zusammen mit der Achse, in Osteuropa rotierte das Rad um die Achse. Die Beweisfunde dafür stammen allerdings erst aus der Zeit um 3000 v. Chr.

Tatsache aber bleibt, dass im 4. Jahrtausend v. Chr. vieles in Bewegung geraten ist. Fast scheint es, als hätte ab 3500 v. Chr. die Menschheit einen Sprung gemacht: Es entstanden die ersten Städte, die Schrift wurde erfunden, die Gesellschaften differenzierten sich, Großarchitektur und Kunst erreichten erste Blüte. Ob Rad und Wagen Auslöser oder Folge dieser Aufbruchstimmung waren, kann leider auch die Archäologie nicht ergründen.

Auf jeden Fall haben Rad und Wagen als eine der ersten technischen Revolutionen das Leben des Menschen verändert wie kaum eine andere Innovation. Die Azteken z. B. verwendeten das Rad – in Ermangelung von geeigneten Zugtieren – nur als Spielzeug. Die Spanier hatten dadurch bei der Eroberung einen entscheidenden Vorteil. 

juj